Insolvenz des Berliner Milchhändlers BMG : Droht die nächste Milchkrise?

Mehr als 1000 Bauern müssen sich über Nacht neue Abnehmer suchen. Agrarministerin Julia Klöckner schaltet sich ein, viele Brandenburger Milchbauern fürchten um ihre Existenz.

Wohin mit der Milch? Die Molkereien, die im Raiffeisenverband organisiert sind, wollen helfen.
Wohin mit der Milch? Die Molkereien, die im Raiffeisenverband organisiert sind, wollen helfen.Foto: Foto: Mohssen Assanimoghaddam/dpa

Für Milchbauern ist das die größte Katastrophe: Ihr Abnehmer geht Pleite, und sie bleiben auf der Milch sitzen. Tag für Tag wird der Milchsee größer, die Not wächst.

Genau das ist vielen Landwirten in den vergangenen Tagen passiert. All denen nämlich, die keine Molkerei beliefert haben, sondern die ihre Milch an einen Zwischenhändler verkauft haben, die Berliner Milcheinfuhr-Gesellschaft (BMG). Mehr als 1000 Lieferanten hatte die BMG deutschland- und europaweit, allein in Brandenburg waren es 80 Bauern. Dass es der BMG nicht gut ging, konnten sie daran ablesen, dass das Unternehmen in den vergangen Monaten nur noch stockend zahlte. Doch dann ging es Schlag auf Schlag. Vor gut einer Woche meldete die BMG Insolvenz an, Mitte der vergangenen Woche nahm der Händler plötzlich von einem Tag auf den anderen keine Milch mehr ab. „Die Situation ist äußerst kritisch“, sagt Arnold Blum vom Bundesverband Deutscher Milchviehhalter (BDM) Brandenburg.

Der erste Blitzeinsatz für Julia Klöckner

So kritisch, dass die frischgebackene Agrarministerin Julia Klöckner intervenierte. Am Sonntag vereinbarte die CDU-Politikerin mit dem Präsidenten des Deutschen Raiffeisenverbands, Franz-Josef Holzenkamp, dass die im Raiffeisenverband organisierten genossenschaftlichen Molkereien einspringen und Milch abnehmen. Für die Bauern dürfe keine existentielle Not entstehen, betonte Klöckner. Milch sei zu wertvoll, um vernichtet zu werden.
900.000 Tonnen Milch brauchen neue Abnehmer. In der vergangenen Woche hatten einige Brandenburger Bauern bereits vor Ort neue Partner gefunden. Milchbauern, die jetzt noch Molkereien suchen, sollten sich beim Raiffeisenverband melden, sagte Holzenkamp. „Die Molkereien werden sich solidarisch verhalten und helfen“, betonte der Verbandspräsident. Glaubt man dem Landesbauernverband Brandenburg, haben die Brandenburger Betriebe bereits neue Absatzkanäle gefunden. „Für alle Brandenburger Milchbauern ist eine Lösung gefunden“, sagte Verbandssprecher Tino Erstling dem Tagesspiegel.

Kein Happy-End für die Bauern

Für die Landwirte ist das dennoch kein Happy-End. Diejenigen, die mit der BMG Geschäfte gemacht hatten, wollten gerade nicht mit den etablierten Molkereien zusammen arbeiten. „Die BMG war der Stachel im Fleisch der konzentrierten Molkereibranche“, berichtet Blum. Das Unternehmen habe unzufriedene Erzeuger an sich gebunden – etwa mit dem Angebot, bei den Liefermengen flexibler zu sein als die Molkereien. Diese haben mit den Milchbauern nämlich oft langfristige, feste Verträge, die die Landwirte zur Lieferung bestimmter Mengen verpflichten. Welchen Preis sie für ihre Milch erhalten, erfahren die Bauern dabei nicht schon bei der Lieferung, sondern erst später, wenn die Molkereien die Milch, den Käse oder Jogurt an den Handel weiter verkauft haben. Dass die BMG in Schwierigkeiten war, haben die Bauern schon vor einiger Zeit gemerkt. Statt der üblichen 35 Cent pro Liter Milch erhielten die Landwirte nur noch 20 Cent. „Im Februar bekamen sie nur noch 40 Prozent ihres Milchgelds“, weiß Blum. Die Gründe für die Insolvenz seien zum Teil hausgemacht, sagt der BDM-Vertreter. Das Unternehmen sei aber auch Opfer der generellen Misere auf dem Milchmarkt, der von Überproduktion und Preisdruck gekennzeichnet sei. Bei der BMG selber will man sich zu den Hintergründen des Scheiterns nicht äußern.

Brandenburger Bauern könnten bis zu 22 Millionen Euro verlieren

Leidtragende sind die Milchbauern. Allein die Brandenburger Landwirte haben Forderungen in Höhe von 22 Millionen Euro, heißt es beim Landesbauernverband. Auf diesen Außenständen bleiben sie erst einmal sitzen. Die genossenschaftlichen Molkereien, die jetzt als Abnehmer einspringen, könnten keinen Ausgleich schaffen, teilt die Sprecherin des Deutschen Raiffeisenverbands, Wiebke Schwarz, mit. „Sie sind ihren eigenen Landwirten als Eigentümern der Genossenschaft gegenüber verantwortlich“.

Die Preise sind wieder unter Druck

Über die Preise, die die Molkereien den betroffenen Lieferanten zahlen, äußert sich der Verband nicht. In der jetzigen Situation gehe es in erster Linie darum, dass das verderbliche Produkt Milch nicht auf den Höfen stehen bleibe, betont Schwarz. „Es ist nicht davon auszugehen, dass sich die Konditionen für die Erzeuger verbessert haben“, sagt Bauernverbandssprecher Erstling.
Und die sind derzeit branchenweit ohnedies nicht rosig. 2015, nach dem Ende der Milchquote, die die Milchproduktion EU-weit gedrosselt hatte, hatten die Milchbauern den Markt überschwemmt. Die Preise rutschten in den Keller. Die Landwirte bekamen nur noch 20 Cent pro Liter, Zehntausende Höfe mussten allein in Deutschland aufgeben, unzählige Milchkühe wurden geschlachtet. Die EU griff ein, kaufte große Milchmengen und lagerte sie als Milchpulver ein. Auch der Bund intervenierte und zahlte Landwirten Prämien, wenn sie die Produktion senkten. Das wirkte. Der Preis stieg in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahres auf 40 Cent pro Liter. Doch jetzt geht es wieder abwärts. Weil die EU anfängt, ihren Milchpulverberg abzubauen, bekommen die Milchbauern derzeit nur noch rund 35 Cent. „Für die Landwirte, die Schulden aus der Vergangenheit abzahlen müssen, ist das viel zu wenig“, kritisiert Blum.

Er sieht die Politik gefordert. Die habe durch falsches Marktmanagement zahllose Betriebe in den Ruin geführt, ärgert sich der BDM-Sprecher. Seiner Meinung nach müsse der Staat den Bauern die Verluste durch die BMG-Pleite ersetzen. Blum selbst hat schon 2016 seine Kühe abgeschafft – nach 20 Jahren Landwirtschaft.

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