Künstliche Intelligenz : Algorithmen als Freund und Helfer?

Immer mehr Entscheidungen werden mithilfe Künstlicher Intelligenz getroffen. Sie soll deshalb künftig besser kontrolliert werden. Doch wie sinnvoll ist so ein TÜV?

Wer ist hier der Chef: Mensch oder Maschine? Künftig sollen Algorithmen besser kontrolliert werden.
Wer ist hier der Chef: Mensch oder Maschine? Künftig sollen Algorithmen besser kontrolliert werden.Foto: Axel Heimken/dpa

Es ist die moderne Version des Schönheitswettbewerbs: Menschen laden ihre Bilder auf einer Website hoch, eine Jury aus Robotern entscheidet, wer der und die Schönste im ganzen Land sind. Beauty.AI heißt die Website und der nach eigenen Angaben weltweit erste Schönheitswettbewerb, der mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz (Artificial Intelligence) die Sieger ermittelt. Endlich liege Schönheit nicht mehr im Auge des Betrachters, sondern werde ganz objektiv von Algorithmen bewertet, so das Versprechen – das Ergebnis ist jedoch ganz und gar nicht schlau: Bis auf eine Ausnahme sind nämlich alle Gewinner weiß.

Nicht aber der Algorithmus ist hier der Rassist, sondern die Menschen, die ihn programmiert haben, erklärte Mario Martini, Rechtswissenschaftler an der Universität Speyer am Dienstag auf einer Konferenz zum Thema Künstliche Intelligenz in Berlin. „Algorithmen sind nicht bessere oder schlechtere Entscheider als Menschen, wir müssen ihnen aber einen ethischen Kompass einpflanzen“, forderte er.

Verzerrte und nachteilige Ergebnisse

Denn schon heute werden sie auch in vielen Bereichen des Alltags eingesetzt und genutzt. Das kann, wie in der Medizin, zu effizienteren und präziseren Ergebnissen führen. Beispielsweise, wenn Röntgenbilder in Sekundenschnelle nach möglichen Hinweisen auf einen Tumor ausgewertet werden. Das kann aber eben auch verzerrte und für den Menschen sehr nachteilige Resultate ergeben. Beispielsweise, wenn jemand in seiner automatisierten Bonitätsprüfung nur deshalb heruntergestuft wird, weil er in einer Straße mit zahlreichen Sozialhilfeempfängern lebt.

Wie aber kann verhindert werden, dass der zunehmende Einsatz von Künstlicher Intelligenz nicht die Grund- und Verbraucherrechte einschränkt? Damit soll sich eine neue Ethik-Kommission beschäftigen, die Union und SPD in einer neuen Großen Koalition einsetzen wollen. Auch der Verbraucherschutz soll bei digitalen Angeboten erweitert werden. Bei Buchungs- und Vergleichsplattformen soll mehr Transparenz etwa über die Gewichtung von Ergebnissen und Provisionen geschaffen werden, heißt es in einem Entwurfspapier aus der Arbeitsgruppe in den Koalitionsverhandlungen. Beispielsweise, wenn Preise nach bestimmten Kriterien für bestimmte Kunden höher oder niedriger gebildet werden.

Kommt jetzt also der Algorithmus-TÜV?

Kommt jetzt also der Algorithmus-TÜV? „Nein, den wird es nicht geben“, sagte Achim Berg, Präsident des IT-Branchenverbands Bitkom. Denn das würde aus seiner Sicht „Tür und Tor öffnen für möglichen Missbrauch und Manipulation.“ Künstliche Intelligenz sei „die digitale Schlüsseltechnologie schlechthin, Politik und Wirtschaft müssten deshalb Szenarien entwickeln, wie diese dem wirtschaftlichen Fortschritt und dem Allgemeinwohl gleichermaßen dienen könne.

Sicher stehe auch die Bundesregierung der neuen Technologie offen gegenüber, versicherte Gerd Billen, Staatssekretär im Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz: „Anstatt zu bremsen, wollen wir fördern und verstehen.“ Es sei aber die Aufgabe der Politik, „die Auswirkungen auf den Menschen vom ersten Schritt an mitzudenken“. Die Souveränität der Bürger dürfe dabei nicht zum Objekt eines Algorithmus werden.

Hilfreich sei ein "digitaler Beipackzettel"

Genau wie Waschmittelhersteller die Inhaltsstoffe ihrer Produkte dem Umweltbundesamt vorlegen müssten oder Geldinstitute der Bankenaufsicht unterstehen würden, sollten eben auch Algorithmen von einer übergeordneten Behörde kontrolliert werden können, sagte Billen. Urheberrechtliche Probleme wie Berg sehe er dabei nicht, da der jeweilige Code nicht veröffentlicht werden würde.

Rechtswissenschaftler Martini plädierte für einen „digitalen Beipackzettel“, der den Verbraucher darauf hinweisen soll, dass eine automatisierte Entscheidung stattfindet. So werde mehr Transparenz geschaffen – wenn auch nicht mehr Verständnis, wie der Fall des Schönheitswettbewerbs zeigt.

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