Microsoft-Geschäftsführerin Sabine Bendiek : „Wir sondieren, andere investieren“

Microsoft-Deutschlandchefin Sabine Bendiek fordert eine "Digitale Genfer Konvention" und spricht über die Zukunft der Sprachsoftware "Cortana".

Die Antreiberin. Sabine Bendiek fordert mehr Tempo und Ambitionen bei der Digitalisierung.
Die Antreiberin. Sabine Bendiek fordert mehr Tempo und Ambitionen bei der Digitalisierung.Foto: Thilo Rückeis

Zur Person: Sabine Bendiek (51) leitet seit 2016 das Deutschland-Geschäft von Microsoft. Sie studierte Betriebswirtschaft in Mannheim und am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge. Bendiek arbeitete dann für McKinsey, Booz Allen, Siemens Nixdorf und Early Bird. Zuletzt war sie Geschäftsführerin beim Speicherspezialisten EMC.

Frau Bendiek, wenn es um die Dominanz der Technologiekonzerne geht, wird oft von der GAFA-Ökonomie gesprochen - eine Abkürzung für Google-Apple-Facebook-Amazon. Ärgert es Sie, dass Microsoft dabei fehlt?

Wir haben eine andere Mission als die Wettbewerber und sehen das als positives Unterscheidungsmerkmal. Unser Ziel ist es, Kunden bei der digitalen Transformation zu unterstützen. Eine Maßgabe ist dabei ganz klar: die Daten gehören unseren Kunden und nicht uns. Zudem helfen wir unseren Kunden, mit eigenen Plattformen erfolgreich zu sein. Und wir sind sehr erfolgreich, weil die Kunden sehen, dass wir ein echter Partner sind und kein Konkurrent.

Wo läuft das Geschäft am besten?

In den letzten ein, zwei Jahren hat die Nutzung von Infrastruktur aus der Cloud ganz neue Dimension angenommen. Da haben wir signifikantes Wachstum.

Viele Unternehmen hatten lange Sicherheitsbedenken. Wie bauen Sie die ab?

Datensicherheit steht bei uns an oberster Stelle, dafür investieren wir jedes Jahr ungefähr eine Milliarde Dollar im Kampf gegen Cyberangriffe für Forschung und Entwicklung. Generell ist es aber so, dass Sicherheit immer mehr zur Frage der kritischen Masse wird. Wir betreiben mehr als hundert Rechenzentren weltweit, da sehen wir schon früh sehr viele verschiedene Angriffsversuche und können entsprechend reagieren. Daher ist die Cloud eigentlich sicherer, denn in Unternehmen dauert es durchschnittlich 200 Tage, bis ein Einbruch entdeckt wird, und noch einmal 80, bis eine Lösung implementiert ist.

Wie lange dauert es in der Cloud?

Bisher haben wir alle Angriffe erfolgreich abgewehrt.

Zuletzt haben die Sicherheitslücken in Computerchips die Branche erschüttert. Da waren auch Rechenzentren in der Cloud besonders betroffen.

Wir haben sofort reagiert und schnell 41 von 45 Editionen von Windows abgesichert. Auch für Verbraucher haben wir Sicherheitspatches zur Verfügung gestellt. Aber generell sehe ich in der IT ein ähnliches Muster wie beim Flugzeug, das über die Jahrzehnte enorme Fortschritte gemacht hat und heute das sicherste Fortbewegungsmittel ist.

Ernsthaft? Werden nicht mit zunehmender Vernetzung die Cyberattacken und ihre Folgen größer, wie die Fälle im Vorjahr?

Natürlich gibt es immer Risiken, in der realen genauso wie in der virtuellen Welt. Trotzdem sollten wir uns die vernetzte Welt nicht wegwünschen, denn die hat viele Vorteile. Man vergisst schnell, wie viel mühsamer es früher war, Dinge herauszufinden oder miteinander zu arbeiten und zu kommunizieren.

Die Vorteile stellt niemand in Abrede. Aber sind nicht größere Sicherheitsprobleme der Preis dafür?

Garantierte Sicherheit gibt es leider nirgendwo im Leben. Entscheidend ist es, nicht den Kopf in den Sand zu stecken und zu hoffen, dass es einen selbst nicht erwischt. Professionelle Absicherung bis hin zu Notfallplänen sind unumgänglich. Ein Problem sind natürlich konzertierte Angriffe, die es auch durch Staaten gibt.

Was können Sie dagegen tun?

Da ist die Politik in der Pflicht. Daher fordern wir seit einiger Zeit eine Digitale Genfer Konvention. Warum respektieren befreundete Staaten nicht mal in Friedenszeiten ihre digitalen Grenzen?

Das wäre ein Thema für die neue deutsche Regierung. Kommt die Digitalisierung bei den bisherigen Gesprächen zu kurz?

Man könnte sagen: Während wir sondieren, investieren andere. Wir müssen jetzt aber vor allem von den schönen Worten und guten Absichten, die ja immer wieder da sind, zur konkreten Umsetzung kommen. Die digitale Transformation ist entscheidend für unseren Wohlstand und unsere Zukunft. Da müssen wir uns jetzt ranhalten und die künftige Regierung sollte ambitionierte Projekte definieren.

Was wünschen Sie sich?

Am wichtigsten ist digitale Bildung, das ist in der Sondierung etwas hängen geblieben. Das reicht von den Lehrplänen und der Ausstattung der Schulen über die Universitäten bis zur Forschung. Aber auch die Frage, wie wir die digitale Aus- und Weiterbildung hinbekommen. Zudem muss der Staat auch ein digitaler Vorreiter sein. So hat Großbritannien beispielsweise eine Cloud-first-Politik ausgerufen. Und es besteht hierzulande großer Diskussionsbedarf bei der Frage, wie Daten genutzt werden können.

Was sollte sich da ändern?

Wir müssen den Begriff des Dateneigentums ganz neu denken, sonst werden uns die Gesetze an der Umsetzung vieler Möglichkeiten von Big Data hindern. Wenn man viele Daten aus verschiedenen Quellen nutzen möchte, stellt sich immer die Frage, wem sie gehören und welche man verwenden darf. Wir brauchen da neue Konzepte im Datenschutz, die Dateneigentum und Privatsphäre von Individuen und Organisationen schützen und uns gleichzeitig die Chance bieten, die Vorteile von Technologien wie Künstlicher Intelligenz (KI) optimal zu nutzen.

Bald tritt die europäische Datenschutzgrundverordnung in Kraft. Wird es dadurch einfacher oder schwerer?

Erst einmal ist das positiv, denn es gelten dann nicht mehr nationale Standards, sondern europaweit ein einziges verbindliches Regelwerk. Dazu gehören Sicherheitsanforderungen; Nachweise, wer Zugriff auf Daten hat und Auskunftsrechte für Nutzer, was mit ihren Daten passiert. Unsere Produkte erfüllen das, aber für viele Kunden ist das mit massiven Anstrengungen verbunden. Gerade das Nachhalten und Auskunft geben, wo Daten gespeichert sind und wer Zugriff darauf hat, ist für Unternehmen sehr aufwendig. Doch die Frage, wie man Daten von unterschiedlichen Eigentümern nutzen kann, ist darin nicht abgebildet.

Wie ist Deutschland sonst im Bereich Künstliche Intelligenz aufgestellt?

Bei Forschung und Investitionen müssen wir uns massiv verbessern. Heute fließt der größte Teil in die USA und immer mehr nach China. Vor einem Jahr hat China einen Masterplan veröffentlicht, um KI massiv nach vorne zu bringen. Wir sind gut beraten, dass sehr ernst zu nehmen. Die nächste große Aufgabe ist außerdem sicherzustellen, dass sich Menschen und Unternehmen mit dem Einsatz von KI wohlfühlen. Wir neigen ja dazu, in Bedrohungsszenarien zu denken, statt darüber, was die Vorteile sind.

Wo liegen die besonders?

Im Bereich Gesundheit gibt es schon jetzt viele positive Einflüsse, von der frühen Krankheitsdiagnose bis zur genaueren Erkennung von Tumoren. Eines meiner Lieblingsbeispiele kommt von einem blinden Entwickler bei uns. Der hat eine Brille entworfen, die die Umgebung erkennen kann und ihm ins Ohr wispert, was gerade passiert. Und auch durch das Sprachverständnis gibt es immer neue Möglichkeiten. Bei Skype haben wir ja schon länger eine Übersetzungsfunktion in 60 Sprachen. Jetzt gibt es auch einen Powerpoint Translator, damit können Sie sich beispielsweise einen französischen Vortrag direkt in Englisch oder andere Sprachen übersetzen lassen.

Mit Cortana bieten Sie auch einen Sprachassistenten in Windows 10. Wie sehr wird der genutzt?

Konkrete Zahlen habe ich dazu leider nicht, aber Cortana lebt ja nicht nur im PC – da ist sie nur am sichtbarsten. Oft werden die Fähigkeiten hinter den Kulissen eingesetzt. In der Autobranche passiert zum Beispiel in diesem Bereich gerade sehr viel. So kooperieren wir unter anderem mit Renault-Nissan und BMW. Doch vielen Unternehmenskunden ist es wichtig, dass der Assistent unter der eigenen Marke auftritt. Da verfolgen wir auch einen anderen Ansatz als beispielsweise Amazon mit Alexa.

Aber in den USA gibt es seit Kurzem auch einen Lautsprecher mit Cortana. Kommt der auch nach Deutschland?

Das ist noch nicht absehbar.

Soll Cortana sonst auch in mehr Geräte für Endkunden integriert werden?

Grundsätzlich ist das möglich und wir sind mit unserer Hardware wie der Surface-Linie auch erfolgreich, das macht womöglich Appetit auf mehr. Aber momentan liegt der Fokus klar darauf, die Fähigkeiten von Cortana weiterzuentwickeln. Daher fokussieren wir uns nicht so sehr auf Nutzerzahlen, sondern sehen das als grundlegende Technologie und wichtige Schnittstelle für die intelligente Cloud. Denn es ist eine der angenehmsten Arten, mit Maschinen zu interagieren, wenn sie Sprache verstehen. Apps aufzumachen und da etwas einzutippen ist im Vergleich dazu fast etwas archaisch.

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