Berliner Hochschulen : Wie Future ist deine Uni?

Semesterstart für die Generation Greta: Was erwartet sie in Sachen Klimaschutz an den Berliner Hochschulen? Ein Überblick.

Annika Reiß
Auf der Straße. An Klimademos nehmen viele Studierende und Wissenschaftler teil.
Auf der Straße. An Klimademos nehmen viele Studierende und Wissenschaftler teil.Foto: J. Büttner/dpa

Greta ruft – und alle machen mit? Seitdem die schwedische Neuntklässlerin Greta Thunberg vor gut einem Jahr beschloss, freitags nicht mehr in die Schule zu gehen, sondern für die Klimarettung zu streiken, hat die Bewegung Schulen in ganz Deutschland erfasst.

Doch für die ersten „Fridays for Future“-Aktivistinnen und -Aktivisten ist die Schule seit Mai oder Juni dieses Jahres vorbei – sie haben Abitur gemacht.

Jetzt kommen die Ersten aus der Generation Greta an die Uni. Die TU Berlin stellt ihren Semesterstart gleich unter das Motto „Erstsemester Goes Green“. Doch was erwartet die Studierenden in Sachen Klimaschutz wirklich an den Berliner Hochschulen? Ein Überblick.

„Fridays for Future“ an der Uni

Verschiedene Studienorte, verschiedene Fachrichtungen – das reißt die Schülergruppen, die sich freitags auf den Weg zu den Marktplätzen oder vor das Berliner Kanzleramt gemacht hatten, auseinander. Doch bei den Freitagsdemos sind von Anfang an auch Studierende mitgelaufen, an den Hochschulen haben sich eigene Gruppen gegründet.

In Berlin gibt es sie zum Beispiel an der Humboldt-Universität (HU) an der Freien Universität (FU) und an der Technischen Universität (TU). Auch die Fachhochschulen sind aktiv, so forderte das Studierendenparlament der Beuth-Hochschule, den Klimanotstands für den gesamten Campus auszurufen.

„Viele Studierende sind motiviert, aber noch nicht engagiert“, sagt Caya Prill, Mitglied der FfF-Gruppe der TU. Die Berliner Unigruppen sähen ihre Aufgabe daher vor allem darin, den Studierenden, die demonstrieren wollen, die Gelegenheit dazu zu geben, dies gemeinsam zu tun.

Im Dezember soll es einen bundesweiten Klimastreik geben

Ein erstes berlinweites Treffen gibt es an diesem Donnerstag, ansonsten kommen die meisten Hochschulgruppen immer mittwochs zusammen. Vom 2. bis 6. Dezember rufen die Aktivisten schon mal zu einer bundesweiten „Klimastreikwoche“ an allen Hochschulen auf.

Die Scientists for Future auf dem Berliner Klimastreik - 27.000 Forscherinnen und Forscher haben den Aufruf unterschrieben.
Die Scientists for Future auf dem Berliner Klimastreik - 27.000 Forscherinnen und Forscher haben den Aufruf unterschrieben.Foto: Tilmann Warnecke

Auch viele Lehrende haben sich den Klimaprotesten angeschlossen. 1700 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Berlin und Brandenburg wollen bei Kurzstreckenflügen aufs Flugzeug verzichten, sie sind eine entsprechende Selbstverpflichtung eingegangen. Die Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) hat kürzere Dienstreisen per Flug ganz gestrichen. Viele Wissenschaftler, darunter TU-Präsident Christian Thomsen, engagieren sich bei der Bewegung Scientists for Future. Fast 27.000 Forscherinnen und Forscher aus ganz Deutschland haben die Stellungnahme des Bündnisses unterschrieben.

Grüner Campus

In den Hochschulverträgen haben sich die Berliner Hochschulen verpflichtet, Klimaschutzvereinbarungen mit dem Land Berlin zu schließen. Tatsächlich umgesetzt haben das bisher die FU, die HTW, die Beuth-Hochschule und die Charité. So will die HTW ihren CO2-Ausstoß bis 2025 um zwanzig Prozent im Vergleich zu 2014 verringern, die FU bis 2027 um zehn Prozent im Vergleich zu 2016.

Das Ziel könnte „vordergründig etwas bescheiden erscheinen“, gibt eine FU-Sprecherin zu. Allerdings habe die Uni schon in den vorangegangen Jahren den Energiebedarf deutlich gesenkt, etwa indem sie Heizungs- und Lüftungsanlagen modernisierte. Seit 2001 sanken die CO2-Emissionen so um 39,5 Prozent, was in der deutschen Universitätslandschaft „einzigartig“ sei. Die Vereinbarungen mit dem Land sind aber nicht einklagbar – wenn eine Hochschule die Ziele reißt, drohen ihr keine Sanktionen.

Klimaneutralität in Charlottenburg wird erforscht

Kann ein Uni-Campus komplett CO2- neutral werden oder ist das unerreichbar? TU, HU und FU streben das an, ohne dafür jedoch bisher einen konkreten Zeitplan aufgestellt zu haben.

Die TU und die benachbarte Universität der Künste (UdK) erforschen seit 2016, wie Klimaneutralität auf dem Campus Charlottenburg rund um den Ernst-Reuter-Platz Wirklichkeit werden könnte. Für 49 Gebäude haben die Forscher 1000 Einzelmaßnahmen identifiziert, mit denen die CO2-Emissionen bei der Wärmeversorgung um 80 Prozent sinken könnten. „Bis 2023/24 demonstrieren wir an einigen Gebäuden, wie das für den Campus insgesamt klappen kann“, sagt Martin Kriegel, Leiter des Fachgebietes Gebäudeenergiesysteme an der TU.

Oft müssten dafür gar nicht ganze Gebäude saniert werden: „Ganz nach dem Pareto-Prinzip: Mit zwanzig Prozent Aufwand kann man bereits 80 Prozent der Wirkung erzielen.“ Ein wichtiger Hebel: Die Abwärme – also den Wärmeausstoß – von Gebäuden auffangen und wiederverwerten. Allein das Rechenzentrum der TU mit seinen vielen Computern produziere so viel Wärme, dass damit zwanzig Prozent des Energie-Bedarfs von TU und UdK gedeckt werden könnten, sagt Kriegel.

Kritik an gesetzlichen Vorgaben

Er kritisiert aber auch gesetzliche Vorgaben, die ein schnelles Vorgehen verhindern. Ein Beispiel: Rechtlich vorgegeben sei, dass bei einem Gebäude immer die ganze Fassade klimagerecht saniert werden muss. Oft würde aber schon die Nordfassade ausreichen: Weil diese der Sonne abgewandt ist, gibt sie besonders viel Wärme ab. Dass eine solche Teilsanierung nicht möglich ist, ist für Kriegel unverständlich: „Das treibt die Kosten irrsinnig in die Höhe.“

Ein Aufkleber mit der Aufschrift "Veggie 2.0" ist am Fenster der veganen Mensa auf dem Campus der Technischen Universität angebracht - die erste vegane Mensa Berlins.
Ein Aufkleber mit der Aufschrift "Veggie 2.0" ist am Fenster der veganen Mensa auf dem Campus der Technischen Universität...Foto: dpa, Monika Skolimowsky

Auch die Installation von Fotovoltaikanlagen sei mit viel Verwaltungsaufwand verbunden: Sobald eine Hochschule so gewonnene Energie in das Berliner Stromnetz einspeist oder auch nur einen anderen Nutzer versorgt, gelte sie für die Behörden als Energieversorger. Die TU hat bislang eine Solaranlage installiert – auf ihrer Unibibliothek, getragen von einer Studierendeninitiative. „So schnell werden wir das wohl leider nicht wieder machen. Die TU-Verwaltung lässt sich hierzu gerade rechtlich beraten“, sagt Kriegel – obwohl es sinnvoll und technisch machbar wäre. Die HU verweist auf Fotovoltaikprojekte bei drei Gebäuden, darunter auf dem Dach der Jura-Fakultät am Bebelplatz in Mitte.

Nachhaltig studieren für Alle

Ob Nachhaltiges Management, Umwelttechnik oder Biodiversität: Studiengänge, die einen Fokus auf Umwelt und Nachhaltigkeit legen, findet man mittlerweile deutschlandweit jede Menge. Doch was können Politikwissenschaftlerinnen, Germanisten oder Archäologiestudentinnen machen, die nicht direkt etwas mit „Nachhaltigkeit“ studieren?

Seit dem Wintersemester 2018/2019 werden an der FU zusätzliche Seminare und eine Ringvorlesung im Bereich „Nachhaltige Entwicklung“ angeboten. Sie sind Teil der Allgemeinen Berufsvorbereitung an der FU, die für die meisten Bachelorstudierenden verpflichtend ist. An der HU können Studierende mit oder ohne Vorkenntnisse beim „Studium Oecologicum“ das Thema Nachhaltigkeit zu einem Teil ihres Studiums machen, ganz egal, was sie studieren. Dafür bekommen sie mindestens zehn Leistungspunkte und ein Teilnahmezertifikat. Auch an der TU können die Studierenden ein Nachhaltigkeitszertifikat erwerben. Hierzu sollen sie in ihren Hausarbeiten möglichst oft einen Fokus auf Nachhaltigkeit legen.

Wie nachhaltig ist das Mensa-Essen?

Von dem Erfolg ihrer neuen veganen Mensa auf dem TU-Campus war das Berliner Studierendenwerk überrascht. Erhofft hatte man sich für die im April dieses Jahres eröffnete Mensa Veggie 2.0 eine durchschnittliche Besucherzahl von 450 täglichen Gästen. Tatsächlich lag die Zahl der Gäste im Durchschnitt bei über 1000. Eine ist Karina Baikova: „Ich war noch nicht einmal in einer der normalen Mensen“, sagt die TU-Informatikstudentin. Die veganen Gerichte seien richtig lecker und abwechslungsreich. Auf dem Speiseplan stehen Spezialitäten wie Süßkartoffel-Amaranth-Burger mit Cashew-Paprika-Dip (4,95 Euro) oder günstigere Gerichte wie Grünkohl-Hanf-Medaillons (1,75 Euro).

Wieso eigentlich „Veggie 2.0“? An der Freien Universität wurde 2010 als erste vegetarische Mensa die Veggie Nr.1 eröffnet. Eine Reaktion des für die Campusrestaurants zuständige Studierendenwerk auf die wachsende Nachfrage nach fleischfreien Speisen. Auch sonst legt das gemeinnützige Unternehmen zunehmend Wert auf Nachhaltigkeit. Im Januar 2019 wurden die Einwegbecher vollständig aus den Mensen und Cafeterien verbannt. Wer dort etwas zu trinken kaufen will, kann seinen eigenen Mehrweg-Mug unter den Automaten stellen oder einen vom Studierendenwerk nehmen – und wieder zurückstellen. 70 Prozent des Obst- und Gemüseangebots kommen zudem aus regionalem Anbau in Deutschland, Kaffee und Tee aus fairem Handel, heißt es.

Die Mensen kaufen jährlich 60.000 Kilo Frischfleisch

Gezwungen wird gleichwohl niemand, vegan oder vegetarisch zu essen. Die klassischen Mensen überwiegen bei Weitem. In ihnen liegt der Anteil der veganen Angebote aber schon bei 40 Prozent, vegetarisch sind weitere 15 Prozent.

Die „Fridays for Future“-Gruppe der Humboldt-Uni fordert, den Fleischanteil an allen Mensen noch weiter zu reduzieren. Im vergangenen Jahr kaufte das Studentenwerk gut 60.000 Kilogramm Frischfleisch ein, fast 20.000 Kilogramm weniger als noch im Jahr 2015.

Der Verbrauch von Wurst blieb in demselben Zeitraum dagegen praktisch konstant: 2018 servierten die Mensen genau 25.576 Kilogramm an Wienern, Knackern, Bock- und Bratwürsten. 2015 waren es noch 800 Kilo mehr.

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