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Viele Äcker sind auch in diesem Jahr staubtrocken, vor allem in der Tiefe des Bodens herrscht trotz Niederschlägen weiterhin Dürre.

© imago images/ / Jochen Eckel

Tagesspiegel Plus

Und der Sommer beginnt gerade erst...: „In Brandenburg und Berlin ist es besonders trocken“

Der Klimaforscher Fred Hattermann hält die Dürre im Osten für besorgniserregend. Was lässt sich tun - außer auf Regen zu hoffen?

Die große Trockenheit nimmt trotz der Regenfällen im Frühjahr 2021 in Ostdeutschland nicht ab. Die Lage sei mittlerweile besorgniserregend, sagt der Potsdamer Klimaforscher Fred Hattermann, zumal sogar das Grundwasser inzwischen von zurückgehenden Pegelständen betroffen ist.

Herr Hattermann, nach den sehr trockenen Jahren 2018 bis 2020 gab es im vergangenen Winter und Frühjahr auch in Berlin und Brandenburg etwas mehr Regen. Genug, um die Defizite auszugleichen?
Ein besonders guter Winter war das in Sachen Niederschlag nicht. Januar bis April waren am Ende durchschnittlich. Das heißt dann aber nicht, dass etwas hinzukommt.

Wieso nicht?
Die Speicher füllen sich auf, wenn die Vegetation schläft, aber der November und Dezember waren noch zu trocken. Über das hydrologische Winterhalbjahr, in dem sich die Speicher eigentlich wieder komplettieren, gab es unterm Strich zu wenig Niederschlag. Auch von Januar bis Juni liegen wir schon wieder unter dem Durchschnitt.
Der Oberboden bis zu 25 Zentimeter Tiefe füllt sich durch Niederschläge und Schneeschmelze relativ schnell auf. Aber der Unterboden bis zwei Meter und tiefer eben nicht, hier hat sich über die Jahre aufgebaut, was sich nicht durch ein unterdurchschnittliches Winterhalbjahr ausgleichen lässt. Dort unten herrscht immer noch Dürre.

Die Trockenheit sitzt im Osten tief in den Böden - und nimmt zu.
Die Trockenheit sitzt im Osten tief in den Böden - und nimmt zu.

© Grafik: Tagesspiegel/Fabian Bartel / Quelle: Dürremonitor Deutschland/Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung UFZ/Stand 26.06.2021

Betrifft das auch das Grundwasser?
Die Grundwasserstände stehen an den flussfernen Orten oft sogar noch schlechter da als vor einem Jahr. Das hat sich durch den Regen im Winter nicht entspannt. Der Grundwasserpegel geht in der Region seit Jahrzehnten zurück – und ganz besonders stark in den letzten drei Jahren. Bei vielen Grundwasserpegeln hatten wir im Januar hier in der Region ein Allzeit-Minimum erreicht. Und jetzt sind wir teilweise bereits unter dem Niveau vom Juni 2020. Jetzt müsste eigentlich was passieren.

Und zwar?
Ein paar Wochen Landregen oder Starkregen beispielsweise. 2017 hatte es ab Juni so viel geregnet, dass die Grundwasserspiegel wieder angestiegen sind, wenn auch nicht auf ihr ursprüngliches Niveau. Da müsste aber richtig viel runterkommen, damit ein Überschuss entsteht. Denn das Regenwasser wird im Sommer zum Großteil von den Pflanzen aufgenommen.
Von den mittleren Grundwasserständen, die es hier mal gab, sind wir heute meist weit entfernt. Auch die im Raum Brandenburg und Berlin gar nicht so ergiebigen Regenfälle der letzten Tage ändern daran nichts.

© PIK / Klemens Karkow

Ist die Lage im Osten außergewöhnlich?
Im Raum Brandenburg und Berlin ist es besonders trocken, wir sind von Dürre stark betroffen. Das ist mittlerweile besorgniserregend.

Für die kommenden Tage sind auch hier etwas Regen oder Gewitter angekündigt. Kann das weiterhelfen?
Bei starken Niederschlägen durchaus. 2019 sind am 11. Juni an einem Tag rund 80 Liter in der Region runtergekommen. Das hat schon geholfen. Auch wenn viel von dem Wasser, wenn es auf ausgetrocknete Böden trifft, oberflächlich abfließt und gar nicht tiefer eindringt und es zu Erosion und Überflutung komm, hilft es trotzdem ein wenig.
Wir beobachten aber, dass es längere Perioden ganz ohne Niederschlag gibt – und wenn es dann mal regnet, viel heftiger. Im Sommer haben wir eine Tendenz zu Niederschlägen aus Gewittern, längere Landregen gibt es kaum noch. Diese wären aber am besten für Boden und Pflanzen. Die Niederschläge der vergangenen Tage haben der Vegetation eine Erholungsphase gegeben, aber für die Grundwasserstände waren sie unbedeutend.

Das Minus bei der Grundwasserneubildung liegt nicht primär am Niederschlag.

Fred Hattermann, Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung

Der Trend zur Dürre ist also ungebrochen?
Wir sehen und simulieren, dass es bereits in den 2000er Jahren 15 bis 20 Prozent weniger Grundwasserneubildung gegeben hat als in den Jahrzehnten davor. Das ist schon einschneidend. Dekadische Vorhersagen sehen auch für Ostdeutschland einen anhaltenden Trend zu wärmeren und in vielen Regionen Deutschlands trockeneren Zeiten.
Gemäß der langfristigen Projektionen werden in Nord- und Westeuropa die Niederschläge zunehmen, während sie in Ost- und Südeuropa deutlich abnehmen. Unsere Region liegt genau dazwischen. Daher ist es schwer zu sagen, wo wir uns hinbewegen. Allerdings muss man auch sehen, dass das Minus von 15 Prozent bei der Grundwasserneubildung nicht primär am Niederschlag liegt.

 Trockener Boden mit Trockenrissen bei  Bonn im Sommer 2020.
Trockener Boden mit Trockenrissen bei Bonn im Sommer 2020.

© imago images/Future Image / C. Hardt

Sondern?
An der gestiegenen Verdunstung. Der größte Anteil des Niederschlages, der in unserer Region fällt, verdunstet wieder und erreicht nicht das Grundwasser oder die Flüsse und Seen. Die Verdunstung steigt, weil es wärmer wird und die Strahlung zunimmt, letzteres, da wir insgesamt mehr Sonnenstunden haben. Auch beginnt die Vegetation durch die gestiegenen Temperaturen deutlich früher im Jahr zu wachsen und zehrt dann die Bodenwasserspeicher auf.

Zuerst kommt das Trinkwasser, dann kommen Industrie, Landwirtschaft, Tourismus, aber auch Freizeit, Gärten und Parks. Es braucht klare Regeln.

Fred Hattermann, Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung

Was bleibt zu tun – außer auf Regen zu hoffen?
Es gibt ein ganzes Bündel an Maßnahmen. Wir erstellen Anpassungsstudien zur Region und stehen im Austausch mit den Kommunen. In Brandenburg hat das Land eine Niedrigwasserrichtlinie erstellt. Es geht unter anderem darum, wer Vorrang hat. Den hat natürlich das Trinkwasser, dann kommen Industrie, Landwirtschaft, Tourismus, aber auch Freizeit, Gärten und Parks. Hier braucht es klare Regeln.

Welche Stellschrauben gibt es noch?
Auch im Baurecht lässt sich viel regeln, so muss heute alles Wasser, das auf ein Grundstück fällt, dort auch versickern können. Was vom Grundstück abgeleitet würde, etwa vom Dach, wäre für die Landschaft verloren. Es braucht auch ein grundsätzlich Umdenken, stark bewässerte Golfrasen in der prallen Sonne sind natürlich Unsinn.
Wir brauchen Schatten, Bäume und einen Waldumbau hin zu Laubbäumen – was allerdings noch zu langsam vorangeht. Ein Wald braucht viele Jahre, um heranzuwachsen. Wir müssen uns auch davon verabschieden, bei 35 Grad supergrüne Anlagen zu haben. Insgesamt muss aber auch die Politik dafür sorgen, dass der Klimawandel nicht ungebremst weitergeht.

Stark bewässerte Golfrasen in der prallen Sonne sind Unsinn, so der Klimatologe. 
Stark bewässerte Golfrasen in der prallen Sonne sind Unsinn, so der Klimatologe. 

© dpa-Bildfunk / Uwe Anspach

Und die Landwirtschaft?
Die hat es sehr schwer, da die Anzahl der Extreme gestiegen ist. Natürlich kann man sich über Sortenwahl anpassen. Aber wir hatten sowohl sehr trockene Sommer, als auch sehr feuchte wie 2017. Das macht es für die Landwirte sehr kompliziert, richtig zu investieren. Hier braucht es auch Versicherungslösungen, um das Risiko der Landwirte zu minimieren.

Der Regen im April und Mai hat der Natur sehr geholfen. Ich denke, es wird keine schlechte Ernte.

Fred Hattermann, Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung

Immerhin hatte es die Landwirtschaft in diesem Frühjahr besser.
Der Regen im April und Mai hat der Natur sehr geholfen. Das sind die kritischen Monate, in denen es nicht trocken sein sollte, weil es die Hauptwachstumszeit ist. Die Energie, die beispielsweise ins Korn geschoben wird, sollte diesmal eigentlich schon da sein. Ich denke, es wird keine schlechte Ernte.

Es gab auch in diesem Jahr wieder Starkregen mit Überflutungen in Deutschland. Wie passt das zum Trend der Trockenheit?
Es gibt zwei Trends: Eigentlich ist durch die Erwärmung mehr Feuchte in der Luft. Das Wasser, das über unserer Wetterküche, dem Atlantik, verdunstet und dann zu starkem Regen führen kann. Gleichzeitig kann aber die wärmere Luft deutlich mehr Feuchte aufnehmen, bis es zum Abregnen kommt. Die spezifische Feuchte ist gestiegen und die relative gefallen. Die Hürde, bis es 100 Prozent wird, ist größer geworden.
Wenn es aber soweit kommt, ist mehr Wasser in der Luft – und dann regnet es oft auch stärker. Wir sehen also längere trockene Perioden und wenn es dann Niederschlag gibt, ist es oft intensiver als früher. Hinzu kommt, dass sich die Windverhältnisse geändert haben, was für Landregen und Dürre eine Rolle spielt.

 Da das Eis der Arktis schnell schmilzt, wird es dort deutlich wärmer. Der Temperaturunterschied wird geringer, was die Luftströmungen verlangsamt. 
 Da das Eis der Arktis schnell schmilzt, wird es dort deutlich wärmer. Der Temperaturunterschied wird geringer, was die Luftströmungen verlangsamt. 

© AP/dpa-Bildfunk / David Goldman

Was spielt sich in der Atmosphäre ab?
Wir beobachten, dass sich die Höhenwinde wie der Jetstream zu bestimmten Zeiten abschwächen, dadurch können sich blockierende Wetterlagen etablieren, die lange anhalten. In den Jahren 2018 bis 2020 hatten langanhaltende Hochs über Skandinavien trockene Steppenluft aus Russland zu uns gebracht, die feuchte Atlantikluft kam nicht bis zu uns durch. Die Hochs sind einfach nicht abgezogen. 2013 gab es eine ähnliche Blockadewetterlage, die aber anders positioniert war, sodass bei uns wie auf einer Autobahn permanent feuchte Luft von Süden, aus dem mediterranen Raum, ankam. Was dann zu den großen Hochwassern beispielsweise in der Elbe führte.

Blockadewetterlagen gab es schon immer.
Das stimmt. Aber wir sehen heute eine Häufung davon, die sich durch den Klimawandel erklären lässt. Denn der Motor für den Jetstream ist der Temperaturgradient zwischen Äquator und Arktis. Und da das Eis sehr stark schmilzt, das normalerweise viel Energie reflektieren würde, wird es in der Arktis deutlich wärmer, der Temperaturunterschied wird geringer, was die Luftströmungen verlangsamt.
Die Windsysteme werden durch die Sonne und die Energie in der Atmosphäre angetrieben, das ist ein einfacher physikalischer Zusammenhang. Sie reagieren nun auf die Erwärmung. Wir sehen Trends in der Andauer von Wetterlagen. Und da das Schmelzen des Eises in der Arktis ungebremst ist, ist die Befürchtung, dass dieser Trend sich fortsetzen wird.

Eine Idee gegen die regionale Dürre, wäre doch Wasser aus anderen Regionen, in denen es mehr regnet, zu importieren?
Es gibt tatsächlich Überlegungen für Überleitungen, beispielsweise Wasser von Elbe und Oder zu nutzen, um den Spreezufluss nach Berlin zu unterstützen. Berlin braucht rund acht Kubikmeter Zufluss pro Sekunde in die Stadt hinein, damit das Wasser dort weiterfließt. Das ist heute bereits schwierig in Trockenzeiten.
Gleichzeitig sollen aber die Tagebaulöcher in der Lausitz geflutet werden. Das ist ein echtes Problem. Das soll zwar im Winter geschehen, wenn die Abflüsse höher sind. Doch wie das am Ende zu schaffen ist, wird zunehmend diskutiert und hinterfragt.

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