Lobbyarbeit der Verlagsbranche

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Boykott von Fachzeitschriften : Geknebelte Wissenschaft

Doch die entsprechende Gesetzesänderung lässt auf sich warten. Im Justizministerium können sich die renommierten Forschungseinrichtungen, die in der „Allianz der deutschen Wissenschaftsorganisationen“ zusammengeschlossen sind, bislang kaum Gehör verschaffen. Stattdessen gingen dort vor allem die Interessensvertreter der Verlagsbranche ein und aus, meint Bibliotheksdirektor Müller. „Die betreiben sehr intensive Lobbyarbeit.“ Auch deshalb sei in naher Zukunft kaum mit einer Gesetzesänderung zugunsten der Urheber zu rechnen.

Umso wichtiger ist der Druck, der nun von den Forschern selbst ausgeht. Das betont auch Goran Krstin, Sprecher des Präsidenten der Freien Universität Berlin. „Wenn Wissenschaftler nun weltweit initiativ werden, ist das natürlich ein wichtiger Schritt, um Marktmacht auszuüben.“ Das Umdenken im Wissenschaftsbetrieb müsse aber noch weitergehen, zum Beispiel, indem die Vergabe von Fördergeldern zwingend an eine spätere „Open Access“- Veröffentlichung geknüpft wird.

„Damit wäre uns in der Tat sehr geholfen“, sagt Bibliotheksleiter Zick. Zurzeit muss er Aufsätze aus Zeitschriften, die die TU aus Kostengründen nicht abonniert hat, als Fernleihe von anderen Bibliotheken besorgen. Die Texte kommen digital, in Form von PDFs, dürfen aber von den Bibliothekaren wiederum nur ausgedruckt weitergegeben werden. Die Fachverlage hatten diese Verschärfung des Nutzungsrechts vor einigen Jahren politisch durchsetzen können – obwohl sie die Kommunikation und den inhaltlichen Austausch zwischen Wissenschaftlern damit unnötig behindern und verzögern.

„Hier läuft etwas völlig schief und muss grundlegend geändert werden“, resümiert Mathematiker Grötschel. Er und seine Kollegen denken nun intensiv nach, wie es nach dem Elsevier-Ausstieg weitergehen soll. Am Peer-Review-Prozess wolle man unbedingt festhalten, aber wie, wo und unter welchen Dach soll wissenschaftliches Open-Access-Publizieren künftig stattfinden? Gründet man eine eigene Gesellschaft, beauftragt man eine Universität mit der redaktionellen Betreuung? Noch sind die meisten dieser Fragen unbeantwortet.

„Wir müssen nachhaltige Strukturen schaffen“, sagt Grötschel. Den Anspruch, dabei gleich eine pauschale Lösung für alle Fachrichtungen zu finden, haben die Mathematiker nicht – zu unterschiedlich seien die jeweiligen publizistischen Gepflogenheiten. „Aber wenn wir für unser Fach einen Weg finden, vielleicht werden wir dann auch für andere zum Vorbild.“

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