"Weiße" Selbstkritik ist geboten, weil Sprache Traumata auslösen kann

Seite 3 von 3
"Critical Whiteness" : Die unsichtbare weiße Norm

Vassilis Tsianos, Hamburger Migrationsforscher und Mitbegründer des in den späten Neunzigerjahren formierten antirassistischen Bündnisses Kanak Attak, empfindet ein solches Sektierertum als kontraproduktiv. Wenn „Weiße“ ihre antirassistische Arbeit einstellten, aus Angst, einen hegemonialen oder wenigstens paternalistischen Diskurs über People of Colour zu wiederholen, sei eigentlich niemandem geholfen, meint Tsianos.

Noch problematischer aber sei es, wenn sich „Weiße“ ihrerseits die Diskurshoheit anmaßten und gerade unter Verwendung eines bereinigten Vokabulars die Machtverhältnisse fortschrieben. „Natürlich ist es wichtig, eine herrschaftsneutrale Sprache zu bilden“, sagt Tsianos, „nicht aufgrund einer formalen Political Correctness, sondern weil Sprache – das N-Wort zum Beispiel – aktiv traumatisieren kann.“ Häufig sei Diskurshygiene aber nicht mehr als das differenzpolitische Projekt einer Reformelite.

Bei "Balkanschnitzel" weiter die eigenen "weißen" Privilegien genießen

„Die Bereinigung der Sprache übertüncht die eigene Verstrickung in normale rassistische Verhältnisse“, sagt Tsianos. Demnach attestiert man sich über die sprachliche Hygiene einen rassismusfreien Status jenseits der mehrheitsdeutschen Normalität und kann dann bei „Balkanschnitzel“ und „Schokokuss“ weiter seine „weißen“ Privilegien genießen.

Vollends absurd aber werde es, wenn die Reformelite ihr künstliches Vokabular den Benachteiligten antrage. Spätestens wenn der Hölle des Krieges entkommene Menschen – wie auf besagtem No-Border-Camp geschehen – von weißen Mittelständlern ob der Verwendung „kontaminierter Begriffe“ gemaßregelt werden, und ihnen eingebläut wird, dass sie sich selbst doch bitte nicht als „Flüchtlinge“, sondern als „Geflüchtete“ bezeichnen sollen, hat man das Kind wohl mit dem Bade ausgeschüttet.

Wer die Sprachspiele der Communitys ignoriert, wer dem Ghetto einen sterilen Seminarsprech oktroyiert, wer die Straße zwingt, „People of colour“ zu sagen, (re)produziert laut Tsianos einen kulturarroganten Klassismus und hintertreibt das Projekt, den Geknechteten Gehör zu schenken. Nur diejenigen nämlich, die die Zeit haben, sich das saubere Vokabular in ihren Elfenbeintürmen anzueignen, sind dann moralisch auf der sicheren Seite.

Es reicht nicht, sich selbst als aufgeklärtes Subjekt zu inszenieren

Auch wenn die Critical Whiteness zuweilen absurde Blüten treibt, liefert sie insgesamt ein stabiles Besteck, um Rassismus als Gesellschaftsstruktur auseinanderzunehmen. Demnach reicht es nicht aus, sich selbst als aufgeklärtes Subjekt zu inszenieren, für das Haut- und Haarfarbe, kultureller Background und Religionszugehörigkeit keine Rolle spielen und Rassismus als eine Epidemie des sächsischen Sumpfs auszuweisen.

Will man als „weißer Deutscher“ der rechten Kulturrevolution Einhalt gebieten, sollte man sich im Sinne der Critical Whiteness zunächst mit den eigenen Privilegien und Vorurteilen und vor allem mit der unbekannten Erfahrungswelt der Diskriminierten befassen. Die deutsch-weiß-christliche Normalität wird demgemäß nicht bloß durch AfD-Agitprop und Pegida-Parolen lanciert, sondern von der Mitte der Gesellschaft stillschweigend – und oft unwissentlich – vorausgesetzt.

Twitter

Folgen Sie unserer Wissen und Forschen Redaktion auf Twitter: