Diskussion an der Böll-Stiftung : Wie erzieht man Demokraten?

Demokratie will gelernt sein: Ein Bildungsfachgespräch an der Berliner Heinrich-Böll-Stiftung über Schule in Zeiten des Populismus.

Mündige Staatsbürger: Berliner Schülerinnen und Schüler demonstrieren für den Klimaschutz bei "Fridays for Future".
Mündige Staatsbürger: Berliner Schülerinnen und Schüler demonstrieren für den Klimaschutz bei "Fridays for Future".Foto: dpa/Annette Riedl

Die derzeitigen politischen Umbrüche machen auch vor der Schule nicht halt. So sorgte die AfD mit ihrem Lehrer-Meldeportal für Empörung, während immer wieder Fälle von Antisemitismus an Schulen Schlagzeilen machen. Gleichzeitig zeigt die von der jungen Klimaaktivistin Greta Thunberg losgetretene „Fridays for Future“-Bewegung, dass Jugendliche politisch interessiert und fähig sind, sich für ihre Belange einzusetzen. Stoff genug also zur Diskussion. Am Freitag lud die Heinrich-Böll-Stiftung in Berlin zu ihrem jährlichen Bildungsfachgespräch unter dem Motto „Wie erzieht man Demokraten? Schule in Zeiten des Populismus“. Dass sie mit dem Thema einen Nerv getroffen haben, zeigt der überfüllte Sitzungssaal. Als erstes spricht Dierk Borstel, Professor für praxisorientierte Politikwissenschaft in Dortmund, über Radikalisierung von Jugendlichen. Er fragt polemisch, ob die Schule mit ihren autoritären Strukturen überhaupt ein Ort sein könne, um jungen Menschen Demokratie beizubringen. Schließlich seien die Kinder und Jugendlichen an keine wichtigen Prozesse wie der Auswahl der Themen oder der Notengebung beteiligt.

Borstel kritisiert, dass es an Schulen oft bei Präventionsarbeit bleibe, statt sich mit bereits radikalisierten Jugendlichen und ihren Ideologien auseinanderzusetzen. Auch wegen struktureller Probleme würden Lehrkräfte sich oft überfordert fühlen und Problemfälle solange ignorieren, bis es zu Gewalt kommt. Wichtig sei es, auch die Lehrkräfte selbst zu mündigen Staatsbürgern auszubilden. Eine bessere Ausbildung für Lehrkräfte und Sozialarbeitende fordert auch die Netz-Aktivistin Marina Weisband, die dem Fachgespräch per Skype zugeschaltet ist. „Wir müssen mehr Mittel in Bildung investieren, sonst stehen wir vor einer großen Katastrophe“, sagt sie. Weisband sieht die Schule klar als Ort, um Demokratie zu lernen. „Erziehen“ sei dabei aber das falsche Wort. Man müsse vielmehr die Selbstwirksamkeit der Schüler steigern und sie so zu Gestaltern statt Konsumenten ausbilden. Eine Möglichkeit, wie das aussehen könnte, präsentiert Weisband mit ihrem Projekt „Aula“. Dort können Schüler per App Vorschläge machen, wie die Schule verändert werden kann und darüber dann auf konstruktive Weise diskutierten. Partizipative Projekte wie „Aula“ würden die Mündigkeit der einzelnen Jugendlichen, aber auch den Zusammenhalt an Schulen stärken und so Radikalisierung vorbeugen, so Weisband.

Das letzte Wort haben die Schüler

Saraya Gomis hat lange als Lehrerin an einer „Brennpunktschule“ in Berlin gearbeitet, jetzt ist sie Antidiskriminierungsbeauftragte der Schulverwaltung. Sie habe bemerkt, dass den Lehrkräften und anderen Erwachsenen an der Schule oft das Verständnis davon fehle, was Diskriminierung ist. Dass es um den Effekt bei der betroffenen Person geht und nicht um die Intention hinter einer Aussage oder Handlung. In mehr Beziehungsarbeit und mehr Vielfalt an Schulen sieht Pantelis Pavlakidis den richtigen Weg. Er leitet die Quinoa-Schule im Wedding, wo 90 Prozent der Schüler binationaler Herkunft sind und viele Familien Hartz IV beziehen. Jedem Schüler ist eine Lehrkraft zugeteilt, die Tandempaare treffen sich alle zwei Wochen zum Gespräch. Dass Lehrerinnen Kopftuch tragen und auch behinderte Kinder am Unterricht teilnehmen, sei selbstverständlich. Zusätzlich sorgen Fächer wie „Interkulturelles Lernen“ für mehr gegenseitige Akzeptanz, sagt Pavlakidis.

Das letzte Wort haben die Schüler selbst. Der Generalsekretär der Bundesschülerkonferenz, Matthias Weingärtner, fordert mehr finanzielle Unterstützung für die Schülervertretungen, die schon ab der Grundschule gewählt werden sollten. Lucas Valle Thiele, der stellvertretende Landesschülersprecher Berlins, wünscht sich mehr Aufklärung über eigene Rechte und die Würdigung seiner Arbeit. „Mir wird oft gesagt, ich setze meine Prioritäten falsch“, erzählt er. Dabei gehe es in der Schule doch nicht nur um die Vermittlung von Wissen, sondern auch darum, sich einzubringen und Dinge kritisch zu hinterfragen. So erzieht man Demokraten.

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