• Ein Felsbrocken, der immer nah bei der Erde bleibt: Ist Kamo'oalewa ein Beobachtungsposten der Außerirdischen?

Ein Felsbrocken, der immer nah bei der Erde bleibt : Ist Kamo'oalewa ein Beobachtungsposten der Außerirdischen?

Vom Asteroiden Kamo´oalewa aus hätten Aliens die Erde gut im Blick – wenn es sie denn gibt. 2022 soll ihn eine chinesische Sonde erforschen.

Auch ein Beobachtungsposten? Auch „Oumuamua“, der erste von außerhalb des Sonnensystems kommende Asteroid, steht im Verdacht, eine Sonde außerirdischer Zivilisationen zu sein.
Auch ein Beobachtungsposten? Auch „Oumuamua“, der erste von außerhalb des Sonnensystems kommende Asteroid, steht im Verdacht, eine...Bild: ESO/AFP

Es wäre die größte Entdeckung, die Menschen jemals gemacht haben: Wir sind nicht allein im Kosmos! Bis jetzt aber haben Radioantennen auf der Suche nach Signalen außerirdischer Intelligenz nur Rauschen aufgefangen. Und bis dato ist noch kein Raumschiff aus einem fernen Sonnensystem am Himmel der Erde aufgekreuzt. Warum eigentlich nicht?

In unserer Heimatgalaxis, der Milchstraße, leuchten außer der Sonne rund 200 Milliarden weitere Sterne. Viele von ihnen, vielleicht sogar die meisten, werden von Planeten umrundet. Den ersten dieser „Exoplaneten“ entdeckten 1995 die beiden Schweizer Astronomen Michel Mayor und Didier Queloz, wofür ihnen am 10. Dezember der Nobelpreis für Physik überreicht werden wird. Inzwischen sind schon über 4000 weitere Exoplaneten gefunden worden. Die meisten bieten keine guten Bedingungen für Leben, manche aber schon.

Wissenschaftler der Universität von Puerto Rico führen eine Liste der bisher bekannten Exoplaneten, auf denen Leben grundsätzlich möglich sein könnte: Sie haben eine ähnliche Größe und Masse wie die Erde und deshalb vermutlich eine feste Oberfläche. Und sie haben den richtigen Abstand zu ihrem jeweiligen Stern, sodass es auf ihnen nicht zu heiß und nicht zu kalt ist.

Schon in einem kleinen Umkreis von 50 Lichtjahren haben die Forscher bis jetzt bereits 16 solcher Planeten gefunden. Eine einfache Hochrechnung auf die ganze Milchstraße vermittelt eine Ahnung davon, wie viele potentiell bewohnbare Planeten es in den Weiten unserer Heimatgalaxis geben könnte: Mindestens 30 Millionen. Damit endet unser Wissen aber auch schon.

„Wo sind sie denn bloß alle“

Alles folgende ist nur Spekulation mit Wahrscheinlichkeiten: Wenn sich auch nur auf jedem tausendsten der grundsätzlich lebensfreundlichen Planeten eine ähnliche Entwicklung abgespielt hätte wie auf der Erde, dann, ja dann würde die Milchstraße nur so wimmeln von intelligenten Lebewesen.

Die meisten von ihnen hätten die Fähigkeit, Raumfahrt zu betreiben, schon vor langer Zeit erlangt und nicht erst vor wenigen Jahrzehnten wie die Menschheit. Und vermutlich nicht alle, aber doch manche von ihnen, wären dann schon längst aufgebrochen zu interstellaren Reisen durch die Milchstraße – aus Neugier, auf der Suche nach Rohstoffen, aus Expansionsdrang, oder aus welchen Motiven auch immer.

Dann aber müssten die Außerirdischen schon längst auch in unserem Sonnensystem aufgetaucht sein. Bereits 1950 stellte deshalb der italienische Nobelpreisträger Enrico Fermi die Frage, die als „Fermi-Paradoxon“ berühmt werden sollte: „Where is everybody – wo sind sie denn bloß alle?“

Eine von vielen möglichen Antworten lautet: Sie sind längst in unserer Nähe. Es müssen ja nicht unbedingt die Aliens selber sein. Zur Erkundung der riesigen Räume der Milchstraße verwenden sie wahrscheinlich Raumsonden, die von künstlicher Intelligenz gesteuert auch Flugzeiten von Millionen von Jahren bewältigen könnten.

Früher oder später müssten sie dabei auch unser Sonnensystem besucht haben; dessen dritter Planet dürfte mit seiner besonderen Atmosphäre und seinen Meeren schnell ihre Aufmerksamkeit geweckt haben. Und wären die interplanetaren Späher zufällig in unseren Zeiten vorbeigekommen, dann hätten ihnen die Funkwellen unzähliger Radio- und Fernsehsender sowieso schnell unsere Existenz verraten.

Asteroiden als ideale Beobachtungsposten

Bis jetzt aber ist offenbar noch kein Fluggerät aus fernen Welten auf der Erde gelandet. Vielleicht beobachten die Aliens den Blauen Planeten aber zunächst aus sicherer Entfernung und melden nach Hause, was sich auf ihm so tut. Im „Astronomical Journal“ beschrieb der Physiker James Benford vor Kurzem, von wo aus die fremden Sonden ihre Antennen und Sensoren auf uns gerichtet haben könnten: Sie könnten auf Asteroiden stehen. Zwar kurven die meisten dieser Kleinplaneten weit draußen im Asteroidengürtel zwischen Mars und Jupiter. Von ihnen aus die Erde zu beobachten wäre also nicht sonderlich intelligent. Manche der Felsbrocken umrunden die Sonne jedoch auf Bahnen mit guter Aussicht auf den blauen Planeten.

Von allen bislang bekannten Asteroiden des Sonnensystems würde sich „Kamo´oalewa“ am besten als Spionage-Asteroid der Außerirdischen eignen. Der 40 bis 100 Meter große Gesteinsbrocken wurde erst am 27. April 2016 mit dem auf Hawaii betriebenen Teleskop Pan-STARRS 1 entdeckt.

Der hawaiianische Name des Asteroiden weist auf seine eigentümliche Bewegung hin: Auf seiner Umlaufbahn um die Sonne eilt der Asteroid der Erde erst etwas voraus, wird dann langsamer, fliegt ihr eine Zeit lang hinterher, wird wieder schneller, überholt die Erde wieder – und so weiter.

So mysteriös dieser Tanz des Asteroiden um die Erde herum auch erscheinen mag, so gehorcht er doch schlicht den Gesetzen der Himmelsmechanik: Kamo´oalewa fliegt in jeweils etwa 366 Tagen auf einer ganz ähnlichen Ellipsenbahn um die Sonne herum wie die Erde. Die eine Hälfte der Asteroidenbahn verläuft jedoch ein bisschen näher an der Sonne als die Bahn der Erde; auf diesem Bahnabschnitt fliegt der Asteroid etwas schneller als die Erde und überholt sie deshalb auf der Innenbahn.

Etwa ein viertel Jahr später erreicht der Asteroid dann den Abschnitt seiner Ellipsenbahn, in dem er weiter von der Sonne entfernt ist als die Erde. Dadurch wird er langsamer als sie und wird nun seinerseits von ihr überholt. Obwohl die Anziehungskraft der Erde zu schwach ist, um den Asteroiden direkt an sich zu binden, bleibt er also trotzdem stets in unserer Nähe.

2022 soll eine Sonde Kamo´oalewa besuchen

Auch während der wechselseitigen Überholmanöver ist Kamo´oalewa zwar noch etwa 40fach weiter von uns entfernt als der Mond. Für eine hochentwickelte Beobachtungstechnologie wäre diese Entfernung jedoch kein Problem. Eine von einer außerirdischen Zivilisation auf dem Asteroiden installierte Sonde könnte das Verhalten der Menschheit und ihre Entwicklung bequem über lange Zeiträume hinweg verfolgen – und dies auch noch aus ständig wechselnden Perspektiven: Während der Asteroid die Erde auf der Innenbahn überholt, sieht man von ihm aus die im Sonnenlicht leuchtende Tagseite der Erde; während ihn dagegen die Erde überholt, könnten die Sensoren der Sonde von der Außenbahn aus die von der Sonne abgewandte Nachthälfte der Erde ins Visier nehmen.

Kein Zweifel: Würde das Weltall tatsächlich nur so wimmeln von hochentwickelten Zivilisationen, müssten wir dieses Szenarium durchaus ernst nehmen. Vielleicht warten die Außerirdischen nur darauf, dass die Menschheit ein bestimmtes Zivilisationsniveau erreicht, ehe sie sich zu erkennen geben und uns willkommen heißen im Club der vernünftigen, friedfertigen galaktischen Zivilisationen.

Aber wie wahrscheinlich ist dieses Szenarium in Wirklichkeit? Wir werden es bald vielleicht ein bisschen besser einschätzen können: Die chinesische Weltraumbehörde plant, 2022 eine Raumsonde zu Kamo´oalewa zu entsenden. Die offizielle Aufgabe der Sonde ist allerdings keinesfalls die Suche nach etwaigen Anzeichen extraterrestrischer Anwesenheit auf ihm. Sie soll vielmehr unter anderem Bodenproben entnehmen und zur Erde zurückbringen. Aus der Untersuchung des Asteroiden-Gesteins erhoffen sich die Forscher Informationen über seine Entstehung in der Frühzeit der Geschichte des Sonnensystems. Und natürlich werden Kameras an Bord der Sonde auch Bilder von Kamo´oalewa liefern.

Wenn sie nun aber den Asteroiden als öden Felsbrocken zeigen sollten, ohne jede Spur einer fremden Zivilisation auf ihm? Auch aus dieser negativen „Alien-Archäologie“ ließe sich eine wichtige Erkenntnis ableiten, schreibt Benford dem Tagesspiegel: „Wenn während der vergangenen Jahrmillionen noch keine fremde Sonde in unsere Nähe kam, sinkt die Wahrscheinlichkeit dafür, dass es überhaupt außerirdisches intelligentes Leben gibt“. Und das würde neue Fragen aufwerfen: Was hat die Entwicklung intelligenter Zivilisationen auf den dafür geeigneten Planeten verhindert – vielleicht sogar auf allen, mit der Erde als einziger Ausnahme?

Melden sich die Aliens nicht, weil sich jede höhere Zivilisation da draußen bisher selbst auslöschte?

Es gibt noch eine andere – beunruhigende – Möglichkeit: Vielleicht haben schon auf vielen Planeten der Milchstraße Lebewesen existiert, deren biologische Evolution schließlich eine hochentwickelte Zivilisation hervorgebracht hatte. Wenn wir aber bis heute nichts von ihnen gehört und gesehen haben, könnte dies daran liegen, dass sie alle, oder fast alle, längst wieder ausgestorben sind.

Manche Forscher hegen einen schlimmen Verdacht: Vielleicht hat bis jetzt jede, oder fast jede außerirdische Zivilisation mit dem Eintritt in ihr technisches Zeitalter ihren eigenen Untergang eingeleitet. Dann würden wir auf Kamo´oalewa natürlich nichts finden können, was auf einen Besuch von Außerirdischen hindeutet.

Wenn wir dagegen tatsächlich auf irgendwelche Spuren extraterrestrischen Ursprungs stoßen sollten – und wäre es auch nur eine seit Millionen von Jahren tote Sonde – könnten wir weitaus optimistischer in die Zukunft schauen. Denn dann hätte mindestens eine fremde Zivilisation auf einem fernen Planeten offenbar geschafft, was der Mathematiker und Philosoph Bertrand Russell schon 1946 in unserem Fall als sehr schwierig einstufte: Die Menschheit zu überreden, in ihr eigenes Überleben einzuwilligen.

Was immer also die chinesische Mission zu Kamo´oalewa auch ergeben wird: Es wird auf jeden Fall aufschlussreicher sein als die Zahl 42, mit der ein Computer in Douglas Adams Roman „Per Anhalter durch die Galaxis“ die Frage nach „dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest“ beantwortete.

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