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Führungskrise an der Uni Göttingen : Gruppe von Professoren fordert weitere Rücktritte

Nach dem Rückzug des Führungspersonals an der Uni Göttingen fordern Lehrende weitere Konsequenzen. Auch Senatoren müssten Verantwortung übernehmen.

Sascha Spoun, Präsident der Uni Lüneburg, steht im Libeskind-Bau der "Leuphana".
Sascha Spoun, Präsident der Uni Lüneburg, steht im Libeskind-Bau der "Leuphana".Foto: Philipp Schulze/dpa

Ein Rückzug, ein Rücktritt und eine Petition von Professorinnen und Professoren, die weitere Rücktritte fordern: Die Führungskrise an der Universität Göttingen spitzt sich weiter zu. Nach der am Mittwoch verkündeten Absage des designierten Präsidenten, Sascha Spoun, war am Donnerstag auch Wilhelm Krull, der Vorsitzende des Stiftungsrats und des Stiftungsausschusses der Uni, zurückgetreten.

Krull erklärte, er lege seine Ämter mit sofortiger Wirkung "aufgrund der aus formalrechtlichen Gründen gescheiterten Berufung von Herrn Spoun" nieder. Die entsprechende Pressemitteilung der Uni wurde allerdings erst am Freitag verschickt. Neben seinem Göttinger Amt war Krull als langjähriger Generalsekretär der Volkswagen-Stiftung tätig, wo er im Januar 2020 von einem Nachfolger abgelöst wird.

"Rechtlich zweifelhaftes Verfahren"

Eine Gruppe von zunächst rund 40 Professoren und Professorinnen fordert unterdessen weitgehendere Konsequenzen aus dem Debakel im Zusammenhang mit der Kandidatur und Wahl Sascha Spouns im Juni dieses Jahres. Die Beteiligten müssten "Verantwortung für die Beschädigung des Ansehens der Universität" übernehmen, heißt es in einer Erklärung an den Stiftungsrat der Universität, die dem Tagesspiegel vorliegt. Nach Wilhelm Krull müsse auch Nicolai Miosge als Mitglied der Findungskommission "den Weg für einen Neuanfang freimachen". Miosge ist Mediziner in Göttingen und Mitglied im Akademischen Senat sowie im Stiftungsrat. Ferner fordern die Lehrenden weitere Senatorinnen und Senatoren, "die an dem rechtlich zweifelhaften Verfahren beteiligt waren", zum Rücktritt auf.

Am Mittwoch hatte Sascha Spoun, der im Juni gewählte neue Präsident der Universität Göttingen, erklärt, sein Amt nicht wie geplant am 1. Januar 2020 anzutreten. Wie berichtet hatte zuletzt ein Konkurrent im Bewerbungsverfahren beim Verwaltungsgericht Göttingen eine einstweilige Anordnung gegen die Ernennung Spouns zum Unipräsidenten beantragt. Zuvor hatten 49 Göttinger Professoren gegen die Wahl protestiert: Sie beanstandeten die Umstände der Nominierung und bezweifelten Spouns wissenschaftliche Eignung. Wegen des „illegitimen“ Auswahlverfahrens hatten die 49 Professoren auch den Rücktritt Krulls vom Stiftungsvorsitz gefordert.

Gescheiterte Ambitionen in der Exzellenzstrategie

Zum Hintergrund der Krise gehört der schon 2018 angekündigte Rücktritt der amtierenden Präsidentin Ulrike Beisiegel: Sie hatte im Herbst vergangenen Jahres bekannt gegeben, Anfang 2020 vorzeitig in den Ruhestand zu gehen. Zuvor war die Universität in der Exzellenzstrategie mit ihren Ambitionen gescheitert, erneut Eliteuni zu werden. Bei der Vorentscheidung im September 2018 fehlte ihr für die Bewerbung ein Exzellenzcluster.

Vom Akademischen Senat der Uni wurde Beisiegel dann gedrängt, ihr Amt schon im Oktober dieses Jahres abzugeben. Dazu erklärte sie sich am 18. Juli bereit. Sie wolle der neuen Unileitung „schnellstmöglich die Gelegenheit geben, sich mit einem eigenen, neuen Konzept für die Weiterentwicklung der Universität auf den Weg zu machen“.

Nominierung Spouns unzureichend dokumentiert

Dem Blog von Jan-Martin Wiarda zufolge reagierte Spoun auch auf ein Treffen von Mitgliedern des akademischen Senats der Uni Göttingen am Dienstagabend. Als Konsequenz aus der Konkurrentenklage hätte die Uni die Gremienentscheidungen über die Nominierung Spouns dem Gericht gegenüber lückenlos dokumentieren müssen. Dies wäre aber kaum möglich gewesen, weil die Vorgänge „unzureichend verschriftlicht“ seien.

Spoun erklärte dazu am Mittwoch, "dass es offenbar formale Fehler bei der Dokumentation einzelner Auswahlschritte gegeben haben soll". Daher würden "erhebliche Zweifel an der Rechtskonformität des Wahlverfahrens bestehen". Dies sein ihm von der Uni im Zusammenhang mit dem Antrag eines Mitbewerbers beim Verwaltungsgericht mitgeteilt worden. Wegen der bestehenden Zweifel "kann und will ich für dieses Amt nicht zur Verfügung stehen", schreibt Spoun.

"Nicht bei Kandidatenauswahl beraten"

Zu der von den 49 Professoren geäußerten Kritik an seiner Rolle bei der Kandidatenauswahl erklärt der Hochschulmanager, er habe die Findungskommission nicht wie von den Kritikern behauptet bei der Kandidatenauswahl beraten. Vielmehr sei er aufgefordert worden, selber zu kandidieren. Dies habe er zunächst abgelehnt, sich aber bereit erklärt, als Experte über "strategische Herausforderungen und Chancen der Universität Göttingen" Auskunft zu geben. Nach diesen Gesprächen sei er dann "nochmals nachdrücklich gebeten" worden, selber zu kandidieren, schreibt Spoun.

An der Leuphana war Spoun zum Jahresbeginn für eine dritte Amtszeit bis 2028 wiedergewählt worden. Er werde sich nun "wie bisher mit aller Kraft und Kreativität für die Leuphana Universität Lüneburg einsetzen", erklärte er jetzt.

Die Universität Göttingen erklärte am Donnerstag auf Anfrage, in den kommenden Tagen würden die zuständigen Gremien "über notwendige Schritte für eine rechtssichere Entscheidung zum Präsidentschaftswahlverfahren beraten". Wilhelm Krull wünschte den Unigremien, "dass es ihnen gelingen möge, in einem neuen Findungsprozess eine überzeugende Persönlichkeit für das Präsident(inn)enamt zu gewinnen und mit ihr zu neuen Erfolgen aufzubrechen".

Professoren wünschen sich neue Form der Governance

Die Autorinnen und Autoren der neuen Erklärung zu den Vorgängen an der Universität danken indes "den Antragstellern im Konkurrentenklageverfahren, ohne die die gravierenden Mängen im Besetzungsverfahren" nicht ans Licht gekommen wären. Spoun habe mit seinem Rückzug "der Universität ein langwieriges Gerichtsverfahren und weiteren Schaden erspart". Für die Aufarbeitung der Vorgänge fordern sie "einen vollständigen, von externen Juristen geprüften Bericht über das zurückliegende Verfahren".

Der neue Präsident oder die neuen Präsidentin solle dann in einem neuen Verfahren gewählt werden, "das in einem transparenten Ablauf Fakultäten und Gruppen die Möglichkeit bietet, Bewerberfeld und Kandidaten kennenzulernen und dazu Stellung zu nehmen". Gesucht sei nun eine Person, "die für einen Neuanfang steht, der auch eine neue Form der Governance einschließt".

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