Humboldt-Universität : Wie der Theologe und Philosoph Friedrich Schleiermacher die Berliner Universität prägte

Schleiermacher wollte eine Universität, an der für bestimmte Berufe ausgebildet wird. Der Ort reiner Gelehrsamkeit war für ihn die Akademie.

Christoph Markschies

Vor dem Hauptgebäude der Universität Unter den Linden stehen die Standbilder der Brüder Humboldt. Nach Wilhelm und Alexander ist die Universität seit 1949 auch benannt. Eigentlich müssten vor dem Bauwerk aber noch einige weitere Statuen stehen, denn für die Gründung der Universität war in Wahrheit eine Gruppe von Personen verantwortlich, die sich gut kannte und teilweise eng befreundet war. Zu diesen Wissenschaftlern und Verwaltungsbeamten zählte auch ein Theologe, gleichzeitig Pfarrer und Professor: Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher. In diesem Jahr wird an vielen Stellen seines zweihundertfünfzigsten Geburtstags am 21. November 1768 gedacht werden.

Erstmals mit den beiden Humboldts zusammengetroffen war der in Breslau als Sohn eines Militärgeistlichen geborene Schleiermacher Ende der neunziger Jahre des 18. Jahrhunderts in einem der Berliner Salons, bei Henriette und Markus Herz. Damals arbeitete er als reformierter Krankenhauspfarrer an der Charité. Vorher hatte er Internate der Herrnhuter Brüdergemeine besucht, Theologie, aber auch klassische Philologie und Philosophie in Halle studiert und weitere Ausbildungsschritte, darunter eine kurze Zeit als Hauslehrer in Ostpreußen, absolviert. Der Seelsorger hatte sich nicht nur um körperlich und psychisch Kranke, sondern auch um viele arme Menschen zu kümmern. Wie in späteren Jahren auch wirkte Schleiermacher nicht nur als Seelsorger und Prediger, sondern schrieb auch für ein Fachpublikum und gleichzeitig für die breite Öffentlichkeit. Mit Friedrich Schlegel, der zeitweilig in seiner Wohnung lebte, und anderen steht er am Beginn der literarischen Romantik. Seine Schrift „Über die Religion“ erneuerte die Tradition geistreicher Verteidigung des Christentums gegenüber seinen gebildeten Verächtern und ist ein bis in unsere Tage einflussreicher Versuch, die Religion als individuelle Artikulation des Unendlichen neu zu verstehen.

1802 verließ Schleiermacher für fünf Jahre Berlin und begann auf einer Pfarrstelle in Hinterpommern nicht nur mit einer Übersetzung der Dialoge Platons, die bis heute verwendet wird, sondern auch mit Arbeiten an seiner eigenen Ethik und Wissenschaftslehre. Nach einer kurzen Zwischenstation als Professor an der ihm vertrauten Universität Halle wechselte er 1807 wieder nach Berlin, um sich am Projekt einer neuen Universität mit Rat und Tat zu beteiligen.

Seine Ideen für eine Universität sind - darin durchaus von Humboldt unterschieden - stärker in kreativer Auseinandersetzung mit einem französischen Modell auf die Bildung für bestimmte Berufe wie Arzt, Lehrer, Pfarrer oder Richter bezogen. Dennoch definierte er Bildung nicht als bloßes Aneignen von Kenntnissen. Der Ort reiner Gelehrsamkeit ist für Schleiermacher dagegen die Akademie - und so hat der Gelehrte seit seiner Zuwahl in die Preußische Akademie der Wissenschaften 1810 dort eine Reihe bedeutender Vorträge gehalten, überraschend viele zu altertumswissenschaftlichen Themen.

Schleiermacher war akademischer Generalist

Fünfzehn Jahre lang amtierte er im kollektiven Präsidium der Akademie als Sekretar der geisteswissenschaftlichen Klasse, für fast zweihundert Jahre war er der einzige Theologe in diesem Amt. Mit den Brüdern Humboldt verband Schleiermacher sein Interesse an der - gegenwärtig wieder diskutierten - Idee einer letztlichen Einheit des Wissens und der Wissenschaften, die in den Institutionen ihren Ausdruck finden soll. Schleiermacher hatte aber im Unterschied zu Alexander von Humboldt und dessen Freunden kein Interesse an empirischer oder spekulativer Naturwissenschaft. Entsprechend kritisch stand er Leibniz gegenüber. Mit Humboldt diskutierte er über die politischen Verhältnisse im Preußen des Vormärz, die beiden Gelehrten gar nicht gefielen, aber nicht über die Natur.

Neben der Akademie und der Universität wirkte Schleiermacher seit 1809 als reformierter Pfarrer an der Dreifaltigkeitskirche, die in der Nähe des Gendarmenmarktes stand. Er kümmerte sich um den barocken Kirchbau, hielt gut besuchte Gottesdienste und Andachten, kirchlichen Unterricht und nahm viele Amtshandlungen vor. Manche berühmte Berlinerinnen und Berliner wurden von ihm getauft, konfirmiert, verheiratet und beerdigt. Otto von Bismarck sprach lebenslang mit Hochachtung von seinem Konfirmator.

Schleiermacher war - wie viele Kollegen seiner Zeit - an der Universität ein akademischer Generalist: Er hielt nicht nur einleitende theologische Vorlesungen und bot Lehrveranstaltungen zum Neuen Testament, zur Kirchengeschichte, der systematischen und praktischen Theologie an, sondern las über kirchliche Statistik, allgemeine Hermeneutik, philosophische Theorie von Denken und Wissen sowie Pädagogik, Psychologie und Staatslehre. Gleichzeitig blieb er auch in seiner zweiten Berliner Phase Schriftsteller und das, was wir heute einen Public Intellectual im Berliner geselligen Leben nennen würden. Schließlich war er auch ein politischer Mensch, der sich gegen Napoleon engagierte, dem die Reaktion im Vormärz vollkommen gegen den Strich ging und der von einer parlamentarischen Monarchie träumte.

Es gibt in der Neuzeit kaum einen Theologen, der in so vielen unterschiedlichen Wissenschaftsgebieten Anregungen gegeben hat, die noch bis heute weiterwirken und diskutiert werden. Gleichzeitig ist er Zeitgenosse einer längst vergangenen romantischen Epoche, dessen Ansichten man in der Gegenwart nicht einfach übernehmen kann. Die Auseinandersetzung mit Schleiermacher, zu seiner Ethik wie zu seinem problematischen Verhältnis gegenüber dem Judentum, wird unter anderem auf zwei Tagungen der Theologischen Fakultät der HU stattfinden. Christoph Markschies

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