Kritik am digitalen Wandel : Entnetzt euch!

Der Medienwissenschaftler Guido Zurstiege erforscht das wachsende Bedürfnis nach "Digital Detox" - und wie die Webindustrie daraus Profit schlägt.

Wütender Mann mit seinem Smartphone.
Wut auf die Maschine. Es gibt ein gesteigertes Bedürfnis nach digitaler Selbstfürsorge, sagt der Medienforscher Guido Zurstiege.Foto: imago.

Bis vor wenigen Jahren noch wurde der digitale Wandel überwiegend euphorisch begrüßt. Man hoffte auf die Egalisierung des Wissens, den großen Demokratisierungsschub. In jüngster Zeit hat sich die Gemütslage gewandelt, die skeptischen Stimmen sind lauter geworden. Vom russischen Publizisten Evgeny Morozov bis zum US-amerikanischen Informatiker Jaron Lanier sind früher überzeugte Web-Enthusiasten zu öffentlich warnenden Kritikern mutiert.

Der Traum von einer herrschaftsfreien Kommunikationsarena, in der mündige Bürger Argumente austauschen, zerplatzte an der Wirklichkeit der asozialen Hetzwerke. Die gängige Diagnose: Filterblasen statt Deliberation, sich wechselseitig verachtende „Stämme“ anstelle geteilter Öffentlichkeit. Die Rezeption der Digitalisierung konzentriert sich heute mindestens so sehr auf das Internet als Hass- und Verrohungsmaschine, wie auf sein Emanzipationspotenzial. Dass nicht nur Bürgerbewegungen, sondern auch autoritäre Regime die Chancen des Internets zu nutzen wissen, wird natürlich ebenfalls wahrgenommen.

Gleichzeitig ist offenbar geworden, dass sich mit transnational agierenden Tech-Giganten wie Facebook und Google eine parasitäre Überwachungsökonomie entwickelt hat, die sich – politisch schwer zu regulieren – von den privatesten Daten ernährt. Auch die Suchtpotenziale von Smartphones oder Web-Games sowie der krankmachende Stress, der durch ständigen Erreichbarkeitszwang und die mindestens implizite Pflicht zur Vernetzung besteht, werden häufiger thematisiert.

Wachsendes Interesse am Thema Medienverzicht

„Es scheint ein gesteigertes Bedürfnis zu geben, über die uns kontrollierenden Maschinen wieder die Kontrolle zu erlangen“, sagt der Medienwissenschaftler Guido Zurstiege. Der Tübinger Professor für empirische Medienforschung untersucht aktuelle Formen des Selbstschutzes und „Taktiken der Entnetzung“ – so auch der Titel seines neuen Buches –, die Menschen im Umgang mit zeitgenössischen Medientechnologien ausbilden.

Dem wachsenden Interesse am Thema Medienverzicht steht allerdings eine große Leerstelle auf Seiten der sozialwissenschaftlichen Forschung gegenüber. Zwar gebe es Studien, die ein gesteigertes Bedürfnis nach digitaler Selbstfürsorge nahelegen – eine systematische Zusammenschau stehe aber noch aus, sagt Zurstiege. Er selber beruft sich zwar auf aktuelle Zahlen, arbeitet aber eher mit der kulturwissenschaftlichen Methode des Beschreibens und Interpretierens gesellschaftlicher Phänomene als mit soziologischer Datenvermessung.

Laut einer aktuellen Umfrage des PEW-Research-Centers zum Beispiel, auf die sich der Wissenschaftler in seinem Werk bezieht, versuchen heute etwa die Hälfte der US-amerikanischen Jugendlichen ihre Bildschirmzeit zu begrenzen. Auch nach einer Studie des Deutschen Instituts für Vertrauen und Sicherheit im Internet hat sich das kritische Bewusstsein der „User“ in den letzten Jahren verstärkt. Demnach ist die Sorge vor Internetsucht unter Jugendlichen nicht unüblich. So bewertet immerhin ein Drittel der Befragten zwischen 14 und 24 Jahren das eigene Mediennutzungsverhalten als problematisch.

Digitale Dissidenz im Kleinen

Dies seien zwar keine Anzeichen für eine kollektive Entnetzungswelle oder eine große Strategie gesamtgesellschaftlichen Internetverzichts, meint Zurstiege. Die Digitalisierung wickelt sich nicht ab. Wohl aber seien heute vermehrt „lokale Taktiken digitaler Dissidenz“ zu verzeichnen, die sich oft in alltäglichen Gesten zeigen. Vom permanenten Einfrieren des Facebook-Accounts über die vorübergehende Smartphone-Entgiftung bis zum Überkleben der Laptop-Kamera gebe es zahlreiche Formen punktueller Nicht- oder Umnutzung, die zunehmend häufiger zu beobachten seien. „Auf die freiwillige Aufgabe der Grundrechte im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends folgen seit den 2010er-Jahren Unbehagen und Revolte im Kleinen“, sagt Zurstiege.

Dabei seien das „Leiden am Lärm der Zeit“ und die artikulierte Sehnsucht nach Stille, die im Digital-Detox-Diskurs zum Ausdruck kommen, durchaus nicht neu, erklärt der Medienforscher. Was unsere Epoche aber laut Zurstiege von allen anderen unterscheidet, sind Reichweite und Omnipräsenz medienpädagogischer Apelle. So richtet sich der zeitgenössische Ruf nach Medienkompetenz eben nicht bloß an Kinder und Jugendliche, sondern an die ganze Gesellschaft. Die Menschen wissen, dass sie lernen müssen, die Technologien zu beherrschen.

Die dunkle Seite der Selbstregulierung

Doch gibt es laut Zurstiege auch „eine dunkle Seite der Selbstregulierung im gegenwärtigen Medienhandeln“. Die Fülle an Wirklichkeitskonstruktionen, die das Netz bereitstellt, die ungefilterte Informationsvielfalt, provoziert bei den Usern das starke Bedürfnis, Komplexität zu verringern. „Die Erfahrung, dass Berichtenswertes immer auch anders berichtet und inszeniert werden kann, ist an der Tagesordnung“, schreibt Zurstiege. Medienkritik wird mitunter zum Bewältigungsversuch intellektueller Überforderung, wenn nurmehr die Informationen konsumiert werden, die zum angestammten Weltbild passen.

Dabei wird die eigentlich progressive Praxis medienkritischer Aufklärung, die sich früher gegen den exklusiven Wahrheitsanspruch autoritärer Gatekeeper wandte, heute von rechten Populisten gekapert und mit veränderten Vorzeichen versehen. So regulieren viele Nutzer zwar ihr Medienverhalten – aber oft in einer für die Demokratie hochproblematischen Weise.

Reaktion der Digital-Konzerne

Was Zurstieges Optimismus im Hinblick auf einen langfristig souveränen Umgang mit den digitalen Medien ebenfalls bremst, ist die perfide Reaktion der Digital-Konzerne auf die wachsende Kritik an ihrer Branche. „Die digitalen Großplayer reagieren auf das veränderte Kommunikationsklima, indem sie einen eigentlich gegen sie gerichteten Impetus aufsaugen und ihr Geschäftsmodell eingliedern“, so der Medienforscher.

Das gesteigerte Bedürfnis nach Digital Detox beantwortet der „digitale Überwachungskapitalismus“ indem er beispielsweise Apps konzipiert, mit denen wir unsere Bildschirmzeit prüfen. Während wir meinen, uns sanft zu entnetzen, laden wir neue Spione aufs Handy.

[Guido Zurstiege: Taktiken der Entnetzung. Die Sehnsucht nach Stille im digitalen Zeitalter, Suhrkamp 2019. 297 Seiten, 18 Euro.]

Und doch zeigen ein gesteigertes Problembewusstsein und die zunehmende Selbstregulierung vieler Mediennutzer, dass wir dem Digitalismus nicht hilflos ausgeliefert sind. „Löschen, Pausieren, oder neuartig nutzen – zumindest lokal gibt es Möglichkeiten, den Einfluss, den die Webindustrie auf unser Leben hat, zu begrenzen.“ Auf welche Weise man die digitalen Technologien kompetent, demokratisch und vernünftig gebrauchen kann, werde in den kommenden Jahren Gegenstand von Aushandlungsprozessen werden, sagt Zurstiege. Der digitale Wandel lässt sich nicht stoppen. Wie die Menschen ihm begegnen, können sie aber beeinflussen.

Twitter

Folgen Sie unserer Wissen und Forschen Redaktion auf Twitter: