Manifest zur Energiewende : Warum wir einen radikalen Systemwechsel brauchen

Die Uhr tickt. In 30 Jahren stoßen wir an eine Grenze, an der die Dynamik des Erdsystems für uns katastrophale Folgen haben könnte, warnen Forscher der Max-Planck-Gesellschaft. Eine sehr kurze Zeit für eine globale Energiewende. Ein Weckruf.

Jürgen Renn Robert Schlögl
Alte Kraftwerke zu modernisieren ist kein fauler Kompromiss – so erkaufen wir uns Zeit zur Lösung wichtiger Probleme.
Alte Kraftwerke zu modernisieren ist kein fauler Kompromiss – so erkaufen wir uns Zeit zur Lösung wichtiger Probleme.Foto: imago/Westend61

Energiewenden hat es seit der Entstehung des Lebens auf der Erde gegeben. Sie waren fast immer mit revolutionären Veränderungen verbunden, etwa als Bakterien lernten, chemische Energie aus Sonnenlicht zu gewinnen. Vor etwa 2,4 Milliarden Jahren entwickelte sich eine Bakterienart, die eine spezielle Art der Photosynthese betrieb, nämlich eine, die Sauerstoff freisetzte. Es ist die vielleicht wichtigste Stoffwechsel-Revolution auf unserem Planeten, da sie es Organismen erlaubte, Energie direkt aus Sonnenlicht und Wasser zu erzeugen und somit die Entwicklung des Lebens völlig neu gestaltete. War Sauerstoff für bis dahin vorherrschende Lebensformen Gift, bildete es für die neu entstehenden die Grundlagen ihrer Existenz, so auch für den Menschen. Auch in der Menschheitsgeschichte waren Energiewenden mit revolutionären Veränderungen verbunden, zum Beispiel als im 19. Jahrhundert die Nutzung fossiler Brennstoffe der industriellen Revolution einen wesentlichen, bis heute anhaltenden Schub verlieh.

Auch diese Revolution hatte unerwünschte Nebeneffekte, die sich insbesondere in Veränderungen der Atmosphäre niederschlagen: im Anstieg von Treibhausgasen, der zu einer globalen Erwärmung führt. Wenn wir nicht einfach die Antwort der biologischen Evolution auf diese Veränderung abwarten wollen, die langfristig auch das Ende unserer Spezies bedeuten könnte, benötigen wir eine neue globale Energiewende. Die Uhr tickt. Weltweit liegen die CO2 Emissionen bei rund 35 Milliarden Tonnen jährlich. Spätestens, wenn wir die Atmosphäre noch mit weiteren 1000 Milliarden Tonnen anreichern, stoßen wir an eine Grenze, an der die Dynamik des Erdsystems für uns katastrophale Folgen haben könnte. Das gibt uns noch circa 30 Jahre – eine sehr kurze Zeit für eine globale Energiewende.

Die Sonne liefert Energie gratis

Dass wir diese Wende dringend brauchen, heißt allerdings nicht, dass wir auch in der Lage sind, sie zu bewerkstelligen oder auch nur den richtigen Weg dorthin zu erkennen. Eine Voraussetzung dafür ist jedenfalls, der Versuchung zu widerstehen, die von allzu einfachen Lösungen ausgeht. Sie sind oft von einem blinden Glauben an die unbegrenzten Möglichkeiten von Wissenschaft und Technik getragen. Aus historischer Perspektive zum Beispiel erscheint der verbreitete Glaube daran, große Mengen CO2 sicher in der festen Erdkruste einlagern zu können, ebenso naiv wie die Überzeugung des 19. Jahrhunderts von der Atmosphäre als einem praktisch unbegrenzten Gefäß, in dem sich industrielle Abgase schon irgendwie auflösen würden.

Die Energiewende in Deutschland geht von der Nutzung erneuerbarer Energien aus. Das ist zweifellos der richtige Weg. Die durch die Sonne gelieferte Energie ist im Prinzip gratis. Wenn wir sie richtig nutzen, bietet sie die Chance einer kostenlosen Flatrate. Hierin liegt also nicht nur die Möglichkeit, den Klimawandel durch Verzicht auf fossile Brennstoffe zu begrenzen, sondern auch ein ungeheures ökonomisches Potential. Wer es zu nutzen versteht, schafft die Wirtschaft der Zukunft, eine Wende von einer ökonomischen Bedeutung, die jener der digitalen Revolution kaum nachstehen dürfte.

Der Umbau des gegenwärtigen Energiesystems ist allerdings nicht ohne ebenso radikale politische, soziale und ökonomische Veränderungen denkbar. Alle Energietransformationen waren letztlich Energierevolutionen. In der Naturgeschichte hat die Entwicklung der Photosynthese als neuer Mechanismus für die Energieversorgung von Zellen zugleich zu einer radikalen Umgestaltung des Erdsystems geführt. In der menschlichen Geschichte waren oft Kriege die Treiber solcher radikalen Erneuerungsprozesse. So war zum Beispiel der Erste Weltkrieg auch ein Sieg des Erdöls der Alliierten über die deutsche Kohle und beschleunigte umgekehrt den Übergang von der Kohle zum Öl.

Bedarf es einer weiteren Katastrophe als Weckruf?

Im Vergleich zur digitalen Revolution spielt beim Umbau des Energiesystems die Hardware eine entscheidendere Rolle, und damit auch die damit verbundenen wirtschaftlichen Interessen und Pfadabhängigkeiten.

Können wir den Umbau des Energiesystems auch ohne Krieg und Not als Treiber schaffen? Reicht es, dass in Deutschland die Katastrophe von Fukushima den Anstoß für die gegenwärtige Energiewende gegeben hat? Der Anteil der erneuerbaren Energien an der Energieversorgung hat seitdem jedenfalls erheblich zugenommen. Doch trotz erheblicher Investitionen wurde bisher kein CO2-Molekül weniger in die Atmosphäre abgegeben. Das versprochene Klimaziel einer Reduzierung der Emissionen bis 2020 wurde bei den Sondierungsgesprächen zur Großen Koalition aufgegeben. Die „Handlungslücke“ beträgt 120 Millionen Tonnen CO2. Auch die weiteren Klimaziele erscheinen ohne ein radikales Umsteuern gegenwärtig unerreichbar. Bedarf es also einer weiteren Katastrophe als Weckruf oder verfügen wir einfach nicht über die Technologien, um eine echte Energiewende zu bewirken?

Die Antwort ist komplizierter als diese einfache Alternative nahelegt. Zunächst muss man ernst nehmen, dass die Energiewende ein ganzes System betrifft, das ökonomische, politisch-regulative und technisch-wissenschaftliche Komponenten hat. Eine Katastrophe als Weckruf würde uns nicht einfach die benötigten Technologien bescheren. Andererseits würde die Entwicklung neuer Technologien nicht automatisch zu den notwendigen politischen und wirtschaftlichen Veränderungen führen. Wir brauchen eine radikale Veränderung dieses Systems, wie sie oft nur bei Kriegen und Revolutionen auftritt. Zugleich aber muss ein Energiesystemwandel so rational gestalten werden, wie es Kriege und Katastrophen normalerweise nicht gestatten.

Deshalb kommt es zuerst einmal darauf an zu verstehen, wie das gegenwärtige Energiesystem funktioniert und was ein neues leisten muss. Ein zukünftiges Energiesystem muss langfristig stabil und kurzfristig resilient sein, das heißt den Ausgleich von Schwankungen – bedingt etwa durch Tag und Nacht – erlauben. Es muss auf den verfügbaren Ressourcen aufbauen. Es muss klima- und umweltverträglich sein, insbesondere einen möglichst geschlossenen Kohlenstoffkreislauf einschließen. Es muss eine sozial akzeptable Versorgung mit Energie gewährleisten. Und es muss in den nächsten 20 bis 30 Jahre realisierbar sein. Einige dieser Anforderungen müssen auch in einer Übergangszeit erfüllt sein.

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