Mit Bier und Birkenrinde : Forscher ergründen, warum die Neandertaler Pech hatten

Frühmenschen fast übermenschliche Fähigkeiten zuzuschreiben ist en vogue. Tübinger Archäologen beweisen, dass es auch anders herum geht.

An der Fläche des Seitenfläche des Kiesels kondensiert das Pech.
An der Fläche des Seitenfläche des Kiesels kondensiert das Pech.Foto: Matthias Blessing

Es gibt ein paar Forschungszweige, bei denen eine spezielle kritische Frage erlaubt sein muss: Tun die Forscher das, was sie tun, um der Menschheit neue Erkenntnisse zu verschaffen? Oder wollen sie einfach nur Spaß haben? Zu diesen Wissenschaftsteilgebieten gehört die so genannte "Experimentelle Archäologie". Sie besteht aus Basteln, Bauen, Rumprobieren, das Ganze meistens in der Gruppe und draußen im Freien.

Der höhere Zweck, sagen die Forscher dann, liegt darin, herauszufinden, wie etwa Steinzeitmenschen wirklich gelebt haben, wie sie ihre Häuser bauten, kochten, Werkzeuge herstellten. Jetzt haben Tübinger Forscher ein Projekt hinter sich, bei dem sogar Zündeln erlaubt war. Und ja, sie haben auch etwas herausgefunden – über Neandertaler.

Pechherstellung ist komplex – dachte man

Bei denen ist es unter Archäologen und Paläontologen in den vergangenen Jahren ziemlich verbreitet, aus Funden abzuleiten, das sie höhere geistige oder handwerkliche Fähigkeiten hatten als man bislang gedacht hatte. Die Entdeckung von Birkenpech in Neandertaler-Fundstätten wurde etwa so gedeutet, dass jene Frühmenschen-Linie schon vor 200.000 Jahren eine vergleichsweise komplexe Technologie entwickelt hatte, die sie auch kaum zufällig entdeckt haben konnte.

Frisches Birkenpech.
Frisches Birkenpech.Foto: Claudio Tennie

Denn Birkenpech, der wahrscheinlich älteste von Menschen genutzte Klebstoff überhaupt, muss – so dachte man zumindest bisher – durch nicht ganz einfache Verfahren unter Luftabschluss aus der Rinde dieser Bäume hergestellt werden. Das wäre etwa in unterirdischen Feuerstätten möglich gewesen, oder etwa in Keramikgefäßen. Die Details einer solchen Technik hätten verlässlich über Generationen weitergegeben werden müssen, und sie sind in etwa so komplex und nicht unbedingt intuitiv wie das Brauen von Bier.

"Das kann man nicht entdecken"

Als Patrick Schmidt, Archäologe an der Universität Tübingen, vor knapp zwei Jahren mit seinem Kollegen Claudio Tennie zusammensaß, kamen die beiden Forscher allerdings zu folgendem Schluss: "Das kann man nicht entdecken!" Jedenfalls nicht als Neandertaler vor 200.000 Jahren. Nun hatten die Neandertaler aber nun einmal Pech: Pech aus Birkenrinde. Und irgendwie mussten sie es hergestellt haben, wenn nicht durch heute bekannte Hightech, dann vielleicht durch damals zugängliche, heute aber unbekannte „Lowtech“, dachten sich Schmidt und Tennie. "Wir haben damals gesagt: Wir probieren das aus", sagt Schmidt. Und geboren war ihr Experimental-Archäologie-Projekt.

Zum Dritten im Bunde wurde kurz darauf der eigentlich an einem ganz anderen Thema abreitende Nachwuchsforscher Matthias Blessing. Der fand nicht nur das Pech-Projekt interessant, sondern hatte auch von einem Birkenwald in der Lausitz erfahren, der bald dem Tagebau Nochten würde weichen müssen. Die drei besorgten sich hochoffiziell eine Genehmigung, dort alles Birkige nutzen zu dürfen. Weniger offiziell besorgten sie einen Kasten Bier, allerdings ohne den Plan zu erforschen, ob Neandertaler auch das hätten herstellen können. Denn das hatte auch noch niemand behauptet.

Birke + Kiesel = Pech

Tennie und Schmidt brachen auf zum Campingwochenende nahe Weißwasser, im Gepäck einen ausführlichen Plan, was sie alles mit Birkenrinde anstellen wollten: tro

cken verbrennen, nass verbrennen, mit anderem Material zusammen verbrennen, nur in Feuernähe liegenlassen und vieles mehr. Blessing war bereits vor Ort und hatte schon Rinde gesammelt. "Beim zweiten Bier begannen wir, Birkenrinde-Rollen zu verbrennen", erinnert sich Schmidt.

Ein solches Stück landete an einem etwa 15 Zentimeter messenden Kiesel. Als es verbrannt und der Kiesel abgekühlt war, war dieser mit einer schwarzglänzenden, klebrigen Schicht überzogen. Die drei Homo sapiens hatten, ohne ihren Experimentierplan aus dem Rucksack zu holen, eine auch für Frühmenschen vor 200.000 Jahren leicht zu entdeckende Methode zur Pechgewinnung gefunden.

In den nächsten Tagen verfeinerten sie diese noch etwas, etwa, indem sie nahe dem Stein wiederholt Rinde verbrannten, die die Pechschicht schön dick werden ließ. Wichtig dabei war, dass die Birkenrinde an einer senkrechten Fläche des Kiesels lag, deren oberer Anteil die Rinde teilweise überragte. Direkt oberhalb der brennenden Rinde setzte sich dann das Pech ab.

Besser als das Original

Später stellte sich dann sogar heraus, dass so hergestelltes Pech etwa 50 Prozent bessere Klebeeigenschaften hat als das, wofür man das Verfahren mit Luftabschluss brauchen würde. Experimental-Archäologen, die sie sind, klebten sie Steinklingen an Holzschäfte und testeten, wie gut das hielt, sogar mit Hilfe eines Roboterarmes, bei dem die Kraftwirkung genau bestimmt werden kann. Es hielt gut.

Ihre Forschungsergebnisse haben die drei, die noch Unterstützung von fünf weiteren Kollegen bekamen, nun im Fachmagazin "PNAS" veröffentlicht. Sie bedeuten nicht, sagt Schmidt, dass der Neandertaler nun doch weniger clever war als inzwischen vielleicht gedacht. Sie bedeuten nur, dass er, um herauszufinden, wie man Pech herstellt und dass es gut klebt, gar nicht besonders clever sein musste.

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Eine etwas ernsthaftere Botschaft hat Schmidt aber auch noch an seine Kollegen: "Wir Archäologen sollten uns zurückhalten, Funde immer gleich spektakulär zu interpretieren". Denn oft reicht eben vielleicht auch ein deutlich einfacheres Erklärmodell aus. Das herauszufinden kann dann auch noch Spaß machen.

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