NS-Zeit : Mit enormem Mut

Botanikerin, Nazi-Gegnerin und Retterin: Elisabeth Schiemann versteckte eine Jüdin und engagierte sich in der Bekennenden Kirche. Im Jahr 2014 wurde sie von Yad Vashem als "Gerechte unter den Völkern" geehrt. Jetzt gab es eine Feierstunde in Berlin.

Elisabeth Schiemann in einem Versuchsfeld für Getreide.
Pionierin. Elisabeth Schiemann in einem Versuchsfeld für Getreide.Foto: Archiv der Max-Planck-Gesellschaft

Berlin, 1943. Zehntausende Berlinerinnen und Berliner, die als Juden verfolgt wurden, waren bereits aus der Stadt in Konzentrations- und Vernichtungslager deportiert worden. Das Schwesternpaar Andrea und Valerie Wolffenstein gehörte zu den wenigen, die sich verstecken konnten – und die NS-Zeit überlebten. Eine der Türen, die ihnen nicht verschlossen blieb, war die von Elisabeth Schiemann. Die Botanikerin und Genetikerin, die am Kaiser-Wilhelm-Institut für Kulturpflanzenforschung arbeitete, war Nazi-Gegnerin und engagierte sich in der Bekennenden Kirche. Gemeinsam mit ihrer Schwester, der Geigerin Gertrud Schiemann, versteckte sie Andrea Wolffenstein für mehrere Monate in ihrer Wohnung in der Binger Straße in Wilmersdorf. Valerie kam bei einem befreundeten Ehepaar unter.

Im Dezember 2014 hatte Yad Vashem, die nationale Holocaust-Gedenkstätte Israels, Elisabeth Schiemann (1881-1972) posthum als „Gerechte unter den Völkern“ geehrt, gut drei Jahre später folgte nun die Feierstunde in Berlin. „Elisabeth Schiemann stellte sich den Realitäten entgegen, ließ sich nicht den Mund verbieten und rettete Leben“, sagte Jeremy Issacharoff, der Botschafter Israels, am Dienstagabend im Dahlemer Harnack-Haus der Max-Planck-Gesellschaft (MPG), der Nachfolgeorganisation der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft. MPG-Präsident Martin Stratmann würdigte Schiemann als exzellente Wissenschaftlerin, die sich in einer männlich dominierten Welt behauptete – und das ausgerechnet in der Genetik, die durch die sogenannte Rassenhygiene „das sinistre Fundament des Dritten Reiches“ werden sollte.

Die Yad Vashem-Medaille und die Urkunde als „Gerechte unter den Völkern“ übergab Botschafter Issacharoff an eine Gruppe von Verwandten Elisabeth Schiemanns, darunter an ihren Neffen Sir Konrad Schiemann, der aus England angereist war.

Zweifel an ihrer politischen Zuverlässigkeit

Immer wieder hat Elisabeth Schiemann in der NS-Zeit enormen Mut bewiesen. Sie versuchte, die Bekennende Kirche zu einer Stellungnahme gegen die staatliche Judenverfolgung zu bewegen – vergeblich. Im Kollegenkreis stand sie als Einzige auf und protestierte laut gegen den allgegegenwärtigen Rassismus. Sie schrieb eine Eingabe gegen die unmenschliche Behandlung der Menschen im Berliner Auswanderungsbüro an den zuständigen Minister. Und sie hielt brieflichen Kontakt zu ihrer besten Freundin aus Studientagen, Lise Meitner, der Kernphysikerin, die 1938 ins schwedische Exil gehen musste. 1940 schließlich wurde die erklärte NS-Gegenerin Elisabeth Schiemann aus der Berliner Universität entlassen – „wegen Zweifeln an ihrer politischen Zuverlässigkeit“, wie Sandra Witte von der israelischen Botschaft in ihrer Laudatio berichtete.

Und doch fehlte Elisabeth Schiemann nicht die Zivilcourage, sich für die verfolgten Schwestern Wolffenstein einzusetzen. Sie reiste in die Schweiz, um einen möglichen Fluchtweg für die beiden selber zu erwandern. Schiemann wurde im Grenzgebiet vorübergehend festgenommen, aber der vorgezeichnete Fluchtweg und das Kartenmaterial wurden nicht entdeckt. So konnte Schiemann nach Berlin zurückkehren.

Andrea und Valerie Wolffenstein, die Zwangsarbeit leisten mussten und denen auch die Flucht nach England nicht gelungen war, blieb nur der Weg in die Illegalität. Als der Luftschutzwart in der Binger Straße begann, während der schweren Luftangriffe die Namen der Schutzsuchenden im Keller aufzuschreiben, fand sich ein anderes Berliner Versteck – und etliche weitere. Bis die Schwestern Mitte 1944 Berlin mit gefälschten Papieren verlassen konnten. Die Schiemanns und die Wolffensteins hielten zeitlebens Kontakt.

Die Geretteten waren es auch, die die Geschichte ihrer Retterinnen erzählten. Für Elisabeth Schiemann, die 1946 an die Berliner Universität berufen wurde und bis 1956 eine Max-Planck-Forschungsstelle in West-Berlin leitete, war ihre Rolle wohl nur allzu selbstverständlich gewesen, um davon zu berichten.

Einen aktuellen Artikel zum Thema frühe Akademikerinnen an deutschen Universitäten von Felicitas von Aretin und einen Hinweis auf ihr neues Buch mit einem Doppelporträt von Lise Meitner und Elisabeth Schiemann finden Sie hier.

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