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Das Gebiet der Makgadikgadi-Salzpfannen im heutigen Botsuana.
© Stefan Huchler/Wikimedia

Studie zum Ursprung der Menschheit: Stammen wir alle aus dem Norden Botsuanas?

Von einer Oase südlich des Sambesi-Flusses aus könnte Homo sapiens die Welt erobert haben. Das legen Genanalysen nahe.

Weiße Kruste bedeckt den Boden. Einzelne Büsche wachsen hier, ab und an ein Baum. Schutz vor der Sonne gibt es kaum, der Horizont erscheint endlos. Die Makgadikgadi-Salzpfannen im nördlichen Botsuana sind heute wüst und öde. Doch in der Geschichte der Menschheit hat diese Gegend im südlichen Afrika möglicherweise eine entscheidende Rolle gespielt. Hier, südlich des Sambesi-Flusses, starteten die frühen Menschen ihre Wanderungen in die ganze Welt. Das berichtet ein internationales Forscherteam in der aktuellen Ausgabe des Fachblatts "Nature".

Dass Afrika die Wiege der modernen Menschen gewesen sein muss, ist lange akzeptiert: Hier lebten die Vorfahren der heutigen Menschen, die jetzt den gesamten Planeten bewohnen. Das war vor rund 200.000 Jahren – seitdem hat sich der Körperbau von Homo sapiens nicht mehr wesentlich verändert.

Die Studienautorin Vanessa Hayes mit Ikun Ikunta. Er gehört zu den Teilnehmern der Studie, deren Erbgut die Forscher untersuchten.
Die Studienautorin Vanessa Hayes mit Ikun Ikunta. Er gehört zu den Teilnehmern der Studie, deren Erbgut die Forscher untersuchten.
© Chris Bennett, Evolving Picture, Sydney, Australia

Doch die frühen Menschen lebten in ganz verschiedenen Teilen des Kontinents. Fossilfunde deuteten bislang darauf hin, dass der Ursprung der modernen Menschen im Osten des Kontinents lag. Genanalysen deuteten dagegen wiederum auf das südliche Afrika hin. Erst im März hatten Forscher in einer anderen Studie berichtet, dass sich menschliche Populationen erstmals vor etwa 70.000 Jahren in Ostafrika stark vergrößerten und von dort aus über die arabische Halbinsel auf andere Kontinente gelangten. Nur: Woher kamen die Menschen, bevor sie nach Ostafrika gelangt waren?

Wo heute Salz ist, war früher ein riesiger See

Das will nun ein Team um die australische Humangenetikerin Vanessa Hayes vom Garvan Institute of Medical Research in Sydney rekonstruiert haben. Die Forscher analysierten dafür zum einen genetische Daten von mehr als 1200 heute in dieser Region lebenden Menschen. Zum anderen verglichen sie die Verbreitung heutiger Kulturen und Sprachen in der Region miteinander und simulierten darüber hinaus die klimatischen Entwicklungen vor 200.000 Jahren.

Denn die Gegend rund um die heutigen Makgadikgadi-Salzpfannen war nicht immer unwirtlich. Ihr Zustand, wie man ihn heute sieht, ist erst rund 10.000 Jahre alt. Bis vor etwa 200.000 Jahren dehnte sich dagegen über das Flachland noch ein gewaltiger See aus. Er muss etwa doppelt so groß wie der heutige Victoriasee gewesen sein. Seine Ufer waren mit üppigem Grün bewachsen, Giraffen, Löwen und Zebras lebten hier.

Vor rund 200.000 Jahren veränderte sich die Landschaft durch den Beginn einer Warmzeit. "Als die frühen Menschen hier ankamen, zerteilte sich der See gerade in kleinere Seen und weitreichende Feuchtgebiete", sagt Hayes. Es wurde eine fruchtbare Region, die den damaligen Jägern und Sammlern eine gute Lebensgrundlage bot. Die Menschen siedelten sich in dieser Gegend an und verließen sie lange Zeit nicht – auch deshalb, weil das umliegende Gebiet noch trockener und unwirtlicher war, als es heute ist.

Studienautorin Vanessa Hayes lernt von Jägern der Jul'hoansi-Familie wie man Feuer macht.
Studienautorin Vanessa Hayes lernt von Jägern der Jul'hoansi-Familie wie man Feuer macht.
© Chris Bennett, Evolving Picture, Sydney, Australia

Große Wanderungen außerhalb des Feuchtgebiets werden diese Menschen nicht unternommen haben können: Auch heute noch bewegen sich einzelne Individuen von Jäger-Sammler-Gemeinschaften nicht weit weg von ihrer Gruppe, sagt Hayes. Und auch die Tiere, die in diesem Gebiet gelebt haben, sind damals offenbar nicht abgewandert. Über 70.000 Jahre haben sich die Erbgutsequenzen dieser Menschen kaum verändert, zeigen die Daten der Forscher. "Das bedeutet, dass diese frühen Menschen in der Region geblieben sein müssen und sie nicht verlassen haben", sagt Hayes.

Grüne Korridore machten die Wanderung möglich

Doch vor etwa 130.000 Jahren veränderte sich das Klima erneut – und damit auch die Landschaft. Nordöstlich des Gebiets, wo bis dahin Wüste herrschte, fielen nun vermehrt Niederschläge. Pflanzen und Tiere breiteten sich in diese Richtung aus – und schließlich auch Menschen. Auf ihren Wanderungen erreichten sie schließlich Ostafrika. Noch einmal 20.000 Jahre später entstanden solche grünen Korridore in der Landschaft auch in Richtung Südwesten, sodass die Menschen aus dem Makgadikgadi-Feuchtgebiet auch an die Südküste Afrikas gelangten.

Ihre Analysen stützen die Forscher vor allem auf die Genomdaten, die sie in der Studie verwendet haben. Dabei untersuchten sie von 1217 lebenden Vertretern verschiedener afrikanischer Stämme einen bestimmten Teil des Erbguts: die mitochondriale DNA. So wird das Erbgut genannt, das sich in den Mitochondrien jeder Körperzelle befindet. Das Erbgut von Fossilien konnten die Forscher für diese Studie nicht verwenden, da es oft zu schlecht erhalten ist.

Die mitochondriale DNA liefert zwar nicht die Hauptinformationen für den Körperbauplan, wie es bei der Zellkern-DNA der Fall ist. Doch sie hat einen großen Vorteil, wenn es um evolutionsbiologische Studien geht: Sie wird nur von mütterlicher Seite vererbt. Indem man die mitochondriale DNA verschiedener Menschen miteinander vergleicht, lässt sich daher ihre mütterliche Abstammungslinie gut rekonstruieren. "Und die Frauen müssen Männer gehabt haben", sagt Hayes – deshalb dient mitochondriale DNA als Anhaltspunkt für die generelle Abstammung.

Eine Forscherin bezweifelt die Schlussfolgerungen

Dennoch seien die Schlussfolgerungen der Forscher nur mit Vorsicht zu genießen, sagt Carina Schlebusch. Die Evolutionsbiologin an der Universität von Uppsala in Schweden erforscht ebenfalls die Herkunft und Abstammung moderner Menschen und war an der Studie nicht beteiligt.

Die Anzahl der analysierten Datensätze sei relativ klein, sagt sie – und das Ergebnis daher hoch gegriffen. Zudem handelt es sich bei der Methodik zwar um ein Standardverfahren. "Aber die mitochondriale DNA stellt nur einen sehr kleinen Teil des menschlichen Genoms dar und erzählt uns damit im Grunde nur die Geschichte eines einzigen Vorfahrens", sagt die Evolutionsbiologin.

Doch das menschliche Genom enthält verschiedene Teile, die über andere Wege hinzugekommen sein können. Deshalb ist es Schlebusch zufolge unmöglich, generelle Schlussfolgerungen über die menschliche Herkunft zu ziehen, indem man nur die mitochondriale DNA betrachtet. "Diese Studie zeigt deshalb nur die Herkunft der mitochondrialen DNA auf – und nicht mehr", sagt Schlebusch.

Andere Studien, die sich dagegen auf das gesamte Genom beziehen, deuten vielmehr auf verschiedene Ursprungsorte der Menschen in Afrika hin. "Doch diese Studien werden von den Autoren völlig ausgelassen." Die allgemeine Auffassung von Genetikern und Paläontologen sei dagegen, dass die menschlichen Ursprünge in Afrika verschiedene Regionen einbeziehen – und nicht auf einen einzigen Ort zurückzuführen sind.

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