• Streit um Förderung der Online-Lehre: Künstliche Intelligenz statt Digitalpakt für die Unis

Streit um Förderung der Online-Lehre : Künstliche Intelligenz statt Digitalpakt für die Unis

Die Bundesbildungsministerin will nicht direkt in die Online-Lehre an den Hochschulen investieren – und legt ein preiswerteres Programm zur KI-Förderung auf.

Ein Professor ist bei einer Physik-Vorlesung im Hörsaal live und auf einem Bildschirm zu sehen.
Trostpflaster. Im KI-Programm sind teilweise auch Mittel für den Ausbau der Online-Lehre vorgesehen.Foto: Waltraud Grubitzsch/dpa-Zentralbild/ZB

Nach einer offiziellen Absage kann man bislang lange suchen. Intern aber kam sie prompt – und fiel deutlich aus. Einen Digitalpakt Hochschule? Werde sie nicht machen, sagte Anja Karliczek (CDU) Ende Mai. Da war die Forderung der Landeswissenschaftsminister, 500 Millionen aus dem Corona-Konjunkturprogramm für die digitale Ausstattung der Hochschullehre fließen zu lassen, gerade ein paar Tage alt.

Es gebe bereits die milliardenschweren Hochschulpakte von Bund und Ländern, hieß es aus Karliczeks Bundesbildungsministerium, die grundlegende Computerausstattung der Hochschulen sei Aufgabe der Länder.

Intern fiel sogar das Wort von einer „Abwrackprämie“ für alte Uni- Technik, zu deren Zahlung Karliczek nicht bereit sei. Was einige ihrer Länderkollegen dann doch als ziemlich schroff empfanden. Nur als „Nein“-Sagerin wollte die Ministerin allerdings nicht dastehen und schlug als Alternative ein „Bund-Länder-Programm für die Künstliche Intelligenz in der Hochschulbildung“ vor. Viel zielgerichteter und zukunftstauglicher sei eine solche Förderinitiative, hieß es aus dem BMBF.

Inzwischen allerdings ist klar, dass das Programm aus Sicht von Karliczek noch einen erheblichen Vorteil hat: Geht es nach ihren Plänen, wird es sie deutlich billiger kommen. Die entsprechende Verwaltungsvereinbarung wird gerade in der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz (GWK) von Bund und Ländern ausgehandelt, darin ist von insgesamt gerade einmal 100 Millionen Euro die Rede, die der Bund zu geben bereit ist: bis 10 Millionen für 2021, jeweils bis zu 30 Millionen für die Jahre 2022 bis 2024, und nochmal bis zu 20 Millionen für 2025.

Einmalige Zuschüsse für einzelne Hochschulen oder Uni-Verbünde

Wie viel die Länder drauflegen, ist Verhandlungssache und noch offen. Mit dem Geld soll erstens „KI als Studieninhalt“ implementiert werden, zweitens soll die Initiative „Qualität, Leistungsfähigkeit und Wirksamkeit“ der Hochschullehre insgesamt verbessern.

Ziel eins soll über die einmalige Unterstützung von Hochschulen oder Hochschulverbünden bei der Erarbeitung von Studien- und Qualifizierungsangeboten im Bereich KI erreicht werden, konkret geht es dabei etwa um die (Weiter-)Entwicklung von KI-bezogenen Studienangeboten oder um KI-Berufungen.

[Eine ausführlichere Version des Artikels finden Sie im Blog von Jan-Martin Wiarda]

Ziel zwei wollen Bund und Länder ebenfalls durch einmalige Zuschüsse für Hochschulen oder Verbünde verfolgen – etwa für die Gestaltung von Lern- und Prüfungsumgebungen, von KI-basierten kollaborativen Lehr- und Lernnetzwerken von Studierenden oder bei der Entwicklung KI-gestützter Studienberatung.

Gutes Programm, wenig Geld

Ein breites Spektrum, ein ambitioniertes und durchdachtes Programm – vor dem die vom BMBF angebotenen 100 Millionen Euro umso schmaler erscheinen. Verteilt werden soll das Geld dann auch noch in einem Wettbewerbsverfahren, entschieden von einem eigens bestellten Auswahlgremium.

Da es pro erfolgreichem Antrag bis zu zwei beziehungsweise für Verbünde bis zu fünf Bundesmillionen geben soll, kann man die Zahl der potenziell erfolgreichen Hochschulen schon mal ausrechnen. Zumal unwahrscheinlich ist, dass der Eigenanteil der Länder besonders großzügig ausfallen wird. Weshalb die Länder derzeit auch nicht so laut aufschreien, wie man vielleicht erwarten könnte. Der Bund könnte ihre Kritik mit dem Verweis auf ihre eigene finanzielle Zurückhaltung relativ leicht kontern.

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Außerdem hat Karliczek ja noch geschätzte weitere 200 Millionen für die KI-Förderung im Köcher – allerdings nur für jene ausgewählten Bundesländer, in denen sogenannte KI-Kompetenzzentren eingerichtet wurden. Sie dienen vor allem der Forschung und befinden sich in Berlin (BIFOLD – Berlin Institute for the Foundations of Learning and Data), Tübingen, München, Dortmund/Sankt Augustin und in Dresden/Leipzig.

Hinzu kommt eine Förderung für das seit langem bestehende Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) mit Hauptsitz im Saarland. Im Gegensatz zum DFKI sind die Kompetenzzentren auf Zeit eingerichtet, sie sollen mit der zusätzlichen Bundeshilfe zu Dauereinrichtungen ausgebaut werden.

Kein Aufschrei der begünstigten Länder

Kein Wunder, dass die sechs begünstigten Bundesländer an einem baldigen Abschluss mit dem Bund interessiert sind und keinen Grundsatzstreit vom Zaun brechen – weder wegen des abgesagten Digitalpakts Hochschule noch angesichts des allzu knappen Ersatzprogramms für KI in der Hochschullehre. Andere Landeswissenschaftsminister tragen dagegen gerade die Faust in der Tasche.

Auch der Koalitionspartner von Anja Karliczek ist unzufrieden. Der forschungspolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Oliver Kaczmarek, fordert in einem Brief an die Ministerin eine „zukunftsfähige Lösung“. Die SPD orientiere sich an der „Zielsetzung einer ausgewogenen Förderung der künstlichen Intelligenz in Spitze und Breite“, heißt es in dem Schreiben.

Der Mittelansatz für KI-Hochschullehre sei „zu niedrig, wenn im Verhältnis dazu die Verstetigung der KI-Kompetenzzentren mit bis zu 200 Millionen Euro und mehr für die nächsten vier Jahre diskutiert wird“. Für ein ausgewogenes Verhältnis sei es notwendig, dass das BMBF für die Hochschullehre mindestens so viel Geld pro Jahr zur Verfügung stelle wie für die Kompetenzzentren.

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