Trauma der Briten ist ein Klischee : Engländer können doch Elfmeter schießen

Eine Studie widerlegt das britische Strafstoß-Pech.

Zufall? 1990 pariert Bodo Illner Stuart Pearce’ Schuss im WM-Halbfinale.
Zufall? 1990 pariert Bodo Illner Stuart Pearce’ Schuss im WM-Halbfinale.Foto: picture alliance / dpa

„Engländer können keine Elfmeter schießen“ – diese weit verbreitete Annahme und vermeintliche Erklärung für das englische „Elfmetertrauma“ ist falsch. Das ergab eine statistische Auswertung von Forschern der Deutschen Sporthochschule Köln (DSHS).

Demnach treffen englische Fußballer bei Strafstößen nicht schlechter als Spieler anderer Nationen. Die Nationalität sei nicht der Grund dafür, dass die englische Nationalmannschaft in der Vergangenheit in vielen hochrangigen Turnieren bei Elfmeterschießen rausflogen, schreiben die Forscher im Fachblatt „Scientific Reports“.

Ende der 1970er Jahre hatten die Fußballverbände UEFA und FIFA das Elfmeterschießen eingeführt, um Spiele, die nach der regulären Spielzeit unentschieden stehen, in der K.o.-Runde von Turnieren zu entscheiden. 18 EM-Spiele und 30 WM-Spiele wurden nach Angaben der Forscher um Michel Brinkschulte seither auf diese Weise beendet.

Nur drei von neun Elfmeterschießen gewonnen

Frühere Analysen hätten gezeigt, dass dabei nicht alle Nationen gleich gut abschnitten – vor allem englische Fußballer schienen extrem schlecht. Das Klischee vom englischen Elfmeter-Fluch sei unter Fußball-Fans, in den Medien und auch unter gestandenen Sportreportern weit verbreitet.

Aber stimmt es? Wie so oft bei Stereotypen sei vielleicht ein Körnchen Wahrheit daran, schreiben die DSHS-Wissenschaftler. Seit 1978 habe die englische Nationalmannschaft nur drei ihrer neun Elfmeterschießen in EM- und WM-Spielen gewonnen. 1990 verlor England das WM-Halbfinale gegen Deutschland im Elfmeterschießen, 1996 das EM-Halbfinale. Zwei Jahre später mussten sich die Three Lions im WM-Achtelfinale gegen Argentinien geschlagen geben, 2012 scheiterten sie im EM-Viertelfinale an Italien.

Eine unvollständige und aus englischer Sicht deprimierende Aufzählung. Das aber tatsächlich die englische Nationalität für das häufige Scheitern verantwortlich ist, belegt die Statistik nicht. Die Wissenschaftler hatten die Ergebnisse aller geschossenen Elfer in EM- und WM-Spielen seit 1976 untersucht, sowohl solcher, die innerhalb der Spiele geschossen wurden, als auch jener, die in den spielentscheidenden Strafstoß-Runden nach Spielende ausgeführt wurden. Insgesamt waren das 696.

Zudem prüften sie alle Strafstöße, die in den höchsten Ligen von Deutschland, England, Spanien, Italien und Holland zwischen der Saison 2006/07 und der Saison 2015/16 geschossen wurden – mehr als 4700. Die Ergebnisse brachten sie mit der Nationalität der Schützen in Verbindung.

Kleiner, statistisch nicht bedeutsamer Unterschied

Bei spielentscheidenden WM- und EM-Elfmeterschießen schossen 387 Spieler insgesamt 473 Strafstöße, 72 Prozent der Schüsse wurden verwandelt. Innerhalb des Spiels lag die Trefferquote bei 79 Prozent. Einen Zusammenhang zur Nationalität fanden die Forscher nicht. Auch bei der Auswertung der Ligaspiele zeigte sich kein Einfluss der Nationalität auf den Erfolg beim Strafstoß.

Es sei mithin falsch, das häufige Scheitern der englischen Nationalmannschaft auf die Nationalität zurückzuführen, wie es häufig geschehe, schreiben die Wissenschaftler. Die Auswertung zeige, dass englische Fußballer bei Strafstößen im Spiel sogar etwas häufiger träfen als der Durchschnitt, bei spielentscheidenden Elfmetern allerdings etwas seltener.

Statistisch bedeutsam war dieser Unterschied nicht, womöglich liege darin dennoch einer der Gründe für das vermeintliche Elfmetertrauma der Engländer: Ein verlorenes Elfmeterschießen bei einem WM- oder EM-Spiel sei ein sehr emotionales Ereignis und bleibe länger im Gedächtnis haften als ein während eines Spiels geschossener Strafstoß. So forme sich womöglich das Bild, dass englische Spieler häufiger verschießen als sie es tatsächlich tun.

Gewisse Unterschiede zwischen den Nationen könne es beim Elfmeterschießen dennoch geben. Denkbar sei, dass die Furcht vor der eigenen Boulevardpresse die englische Nationalmannschaft lähme, oder dass die Einstellung englischer Trainer, das Elfmeterschießen sei ein Glücksspiel, zu einer schlechteren Vorbereitung der Spieler führe. (dpa)

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