Unterrichtsausfall und Vertretungsstunden : Die Leiden der Berliner Brennpunktschulen

Eine neue Studie von Bildungsforschern zeigt: An Schulen in Berliner Brennpunktvierteln fällt häufiger Unterricht aus, mehr Quereinsteiger unterrichten dort.

Besonders Grundschulen sind betroffen.
Besonders Grundschulen sind betroffen.Foto: Foto: Frank Molter/dpa

An Schulen in Berliner Brennpunktvierteln fällt mehr Unterricht aus oder muss durch Fachfremde vertreten werden als anderswo. Auch unterrichten an diesen Schulen überdurchschnittlich viele Quereinsteiger. Das sind Resultate einer Studie des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung, die dem ARD-„Morgenmagazin“ und dem Tagesspiegel vorliegt.

„Gerade die sozial benachteiligten Schulen arbeiten unter den schwierigsten Bedingungen“, erklärt das Autorenteam Marcel Helbig vom Wissenschaftszentrum Berlin (WZB) und Rita Nikolai (Humboldt-Universität). Die Studie bestätigt damit Kritik, die von Lehrerverbänden seit Langem geübt wird, und Ergebnisse anderer Expertisen: So hatte die Bertelsmann-Stiftung im vergangenen September festgestellt, dass der Anteil von Quereinsteigern an Brennpunktschulen doppelt so hoch ist wie an „durchschnittlichen“ Schulen.

14,6 Prozent aller Stunden müssen vertreten werden

Als Kriterium für die soziale Lage einer Schule nehmen Helbig und Nikolai nun den Anteil der Kinder und Jugendlichen an einer Einrichtung, die lernmittelbefreit sind. Laut der WZB-Studie – die Studie bezieht sich auf den Zeitraum zwischen 2010/11 und 2016/17 – ist die Lage vor allem an Grundschulen in sozial benachteiligten Gegenden kritisch.

Beispiel Vertretungsstunden. So müssen an Grundschulen mit über 70 Prozent lernmittelbefreiter Schüler 14,6 Prozent aller Schulstunden vertreten werden, an Schulen mit 40 bis 50 Prozent lernmittelbefreiter Schüler sind es 13,1 Prozent aller Stunden. An privilegierten Schulen betrifft das nur knapp zehn Prozent aller Stunden. Als privilegiert gelten Schulen, an denen nur bis zu zehn Prozent lernmittelbefreit sind.

Beispiel Unterrichtsabdeckung. Diese Kennzahl beschreibt, ob Schulen mit genügend Personal ausgestattet sind, um rechnerisch den Unterricht an einer Schule abdecken zu können. Ohnehin erreichen im Schnitt nur 50 Prozent der Schulen eine hundertprozentige Abdeckung. Bei sozial benachteiligten Grundschulen schaffen sogar nur 35 Prozent die volle Abdeckung, während es bei privilegierten Grundschulen immerhin 55 Prozent sind.

Besonders viele Quereinsteiger an Grundschulen in Brennpunkten

Beispiel Unterrichtsausfall. Hier zeigen sich soziale Unterschiede vor allem an Sekundarschulen: An sozial benachteiligten Sekundarschulen fällt im Schnitt bis zu drei Prozent der Stunden komplett aus, an den privilegierten Schulen sind es nur zwei Prozent. An Grundschulen kommt es dagegen seltener zum völligen Ausfall, auch sind hier geringere Unterschiede zwischen den einzelnen Schulen zu sehen. Die Forscher erklären das damit, dass Grundschüler nicht unbeaufsichtigt sein dürfen, daher auch immer eine Vertretung gestellt werden muss.

Beispiel Quereinsteiger. Ihr Anteil an Grundschulen mit über 70 Prozent Kindern aus armen Haushalten ist 2,3-mal so hoch wie an jenen mit Kindern aus reichen Familien. Bei ersteren waren 6,4 Prozent des Kollegiums Quereinsteiger, bei letzteren 2,7 Prozent. Die Situation dürfte sich im Vergleich zum erhobenen Zeitraum inzwischen weiter verschärft haben. Laut neuesten Zahlen von Anfang 2019 gibt es in 170 Berliner Schulen Kollegien mit mehr als zehn Prozent Quereinsteigern, im Vorjahr waren es noch knapp 100 Schulen.

Kommen Mittel nicht richtig an?

Eigentlich bekommen in Berlin Schulen zusätzliche Mittel, sobald sie von über 40 Prozent lernmittelbefreiter Schülerinnen und Schüler besucht werden. Auch hat der Senat für besonders benachteiligte Schulen ein Brennpunktprogramm aufgelegt, das 2016 noch einmal aufgestockt wurde. „Die Frage ist nun, ob diese Mittel nicht richtig ankommen – oder ob womöglich immer noch nicht genug Mittel eingesetzt werden, um die Nachteile dieser Schulen auszugleichen“, sagt Helbig.

Auffällig ist, dass die Situation tendenziell in den Schulen am ungünstigsten ist, bei denen der Anteil lernmittelbefreiter Schüler zwischen 40 und 70 Prozent liegt. Noch krasser benachteiligte Schulen – mit einem Anteil dieser Gruppe von über 70 Prozent – schneiden dagegen wieder etwas besser ab. „Schulen, deren Lage ,nur‘ besorgniserregend ist, erfahren scheinbar weniger Unterstützung als Schulen, deren Lage ,sehr‘ besorgniserregend ist“, schreiben Helbig und Nikolai.

Grundlage der Studie sind die amtliche Schulstatistik sowie Schulinspektionsberichte mit Daten zur sozialen Lage und zur Schulqualität. Die Lage in Berlin habe man analysiert, weil Berlin am transparentesten mit seinen Schuldaten umgehe, während für andere Bundesländer eine solche Studie gar nicht möglich sei, sagt Helbig: „Auch wenn die Senatsverwaltung bei den Ergebnissen nicht immer gut wegkommt, muss man diese Offenheit auch einmal loben.“

"Berlin ist wie ein Brennglas"

Was könnten Gründe dafür sein, dass benachteiligte Schulen mit diesen Problemen zu kämpfen haben? Prinzipiell zeigen Studien aus anderen Ländern ähnliche Ergebnisse, sagt Helbig. Kern des Problems sei der sich verschärfende Lehrkräftemangel, der wie berichtet vor allem an den Grundschulen dramatisch ist. „Berlin ist wie ein Brennglas für das, was wir künftig bundesweit sehen werden.“ Je größer der Mangel, desto besser könnten sich Lehrer ihre Schule aussuchen. Für vermeintlich unattraktive Schulen bleiben da oft nur Quereinsteiger übrig.

Tatsächlich hat die SPD-Fraktion in Berlin unlängst schon gefordert, die Quereinsteiger besser über die Stadt zu verteilen; Senatorin Sandra Scheeres hat daraufhin dementsprechende Schritte angekündigt. Allerdings gibt es die Befürchtung, dass dann die gelernten Lehrer, die in den Brennpunkt geschickt werden sollen, nach Brandenburg abwandern.

Zweifel, ob die "Brennpunktzulage" hilft

Ein anderes Problem: „An Brennpunktschulen ist die Arbeitsbelastung für Lehrkräfte viel höher“, sagt Helbig. Das resultiere eben in höheren Fehlzeiten der Lehrkräfte. Womöglich würden zudem auch Eltern an privilegierten Schulen mehr Druck machen, Stundenausfälle zu minimieren.

Dass die von Berlin eingeführte „Brennpunktzulage“ in Höhe von 300 Euro pro Monat diese Schulen attraktiver für Lehrkräfte macht, bezweifelt Helbig. Helfen würde nur, wenn tatsächlich deutlich mehr Personal eingestellt werden könnte und Lehrkräfte zum Beispiel immer in Zweierteams im Klassenraum agieren können. Schon wegen des Personalmangels dürfte das aber extrem schwierig umzusetzen sein.

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