Verbaute Gewässer : Staudämme bedrohen Fischarten im Mittelmeerraum

Wasserkraft ist eine erneuerbare Energiequelle. Tausende Kleinprojekte im Mittelmeerraum gefährden jedoch dort heimische Fischarten.

Ein schwarz-braun gestreifter Barsch-artiger Fisch auf kiesigem Grund
Der Balkan Streber lebt in frei fließenden, schotterreichen Bächen. Staudämme machen Gewässer für ihn unbewohnbar.Foto: Vasil Kostov

Für den Klimaschutz sind es gute Nachrichten aus dem Mittelmeergebiet: Schon heute liefern dort mehr als 5200 Wasserkraftwerke Strom, ohne das Verbrennungsprodukt Kohlendioxid freizusetzen. Da weitere fast 6400 Staudämme geplant sind, scheint die nachhaltige Stromversorgung der Region mit Wasserkraft auf gutem Weg zu sein. Anders sieht dagegen die Bilanz für die Natur aus.

Jörg Freyhof vom Museum für Naturkunde Berlin und seine Kollegen haben die Auswirkungen solcher Staudämme auf die Vielfalt der Fische im Auftrag der Stiftung Euronatur und der Naturschutzorganisation Riverwatch untersucht. Die Studie zeichnet ein düsteres Bild.

Bereits die im Betrieb befindlichen Kraftwerke haben 63 Prozent der in der Region lebenden 251 ohnehin gefährdeten Fischarten dem Aussterben ein Stück nähergebracht. Werden die bisher nur geplanten Staudämme tatsächlich gebaut, dürfte diese Zahl auf 74 Prozent ansteigen und sieben heute noch vorkommende Arten könnten aussterben.

Unbekannte Bauaktivitäten

Für ihre Untersuchung haben die Forscher Akten von Behörden, Kommunen und anderen Stellen ausgewertet und darin die bereits existierenden und 6393 geplante Staudämme im Mittelmeerraum gefunden. „Allerdings bin ich mir keineswegs sicher, dass wir dabei wirklich alle Minikraftwerke erfasst haben“, erklärt Freyhof. Die Angaben seien daher als Minimalwerte zu betrachten.

Kleinkraftwerke, die oft nur ein Haus oder eine alte, längst nicht mehr arbeitende Mühle versorgen, werden von der untersten Ebene der jeweiligen Verwaltung und bisweilen auch gar nicht gesondert genehmigt. Und da können zwischen der Türkei im Osten und Marokko im Westen durchaus einige Kraftwerke existieren, über die es keine offiziellen Daten gibt.

Gerade diese Minikraftwerke aber bereiten der Fischwelt die größten Probleme. Unter den geplanten Staudämmen haben sie mit 5962 den größten Anteil. „Diese große Zahl kommt auch daher, dass häufig statt Solaranlagen Wasserkraft bevorzugt wird“, erklärt Jörg Freyhof.

Ungünstiges Ökologie-Ökonomie-Verhältnis

Ein toter Fisch liegt am Ufer eines Baches unterhalb eines Staudamms.
Wasserkraftwerke, auch Kleinwasserkraftwerke verändern den Charakter von Gewässern stromaufwärts und -abwärts.Foto: Amel Emric

Zudem gibt es gerade im Mittelmeerraum sehr viele endemische Fischarten, die nur dort vorkommen und manchmal nur in einem einzigen Gewässer leben. Etwa in Kroatien leben zwei karpfenartige Fischarten in nur einem einzigen, wenige Kilometer langen Bachlauf. Ein einziges Minikraftwerk könnte beide Arten auslöschen, indem der kleine Staudamm den schnell fließenden und sauerstoffreichen Bach, in dem die Fische leben, in einen langgestreckten See mit stehenden Wasser verwandelt, in dem sie auf Dauer nicht überleben können.

Mangels Ausweichmöglichkeiten verschwinden solche Spezialisten nach dem Bau eines Staudamms dann ähnlich wie der zu den Barschen gehörende Balkanstreber Zingel balcanicus, der nur in einem Gewässer in Nordmazedonien vorkommt. Diese Art dürfte aussterben, wenn die geplanten Wasserkraftwerke in seinem Lebensraum gebaut werden, da sie frei fließende, schotterreiche Bäche zum Überleben benötigt.

Der ökologische Schaden durch Kleinkraftwerke steht mit ihrer geringen Leistung in sehr ungünstigem Verhältnis zu ihrem ökonomischen Nutzen.

Verschmutzung und Verbauung

In Mitteleuropa kommen kaum endemische Arten vor. Besser geht es der Fischwelt trotzdem nicht, ganz im Gegenteil: Im zwanzigsten Jahrhundert waren sehr viele Gewässer stark verschmutzt. Zudem wurden zahlreiche Staustufen gebaut, sodass es heute fast keinen Platz für neue Kraftwerke gibt. Beides trug zum Schwinden vieler Fischbestände bei. Im Mittelmeerraum wollen Euronatur und Riverwatch dies verhindern.

Der Studienleiter Jörg Freyhof untersucht seit etlichen Jahren für die Weltnaturschutzunion IUCN den Zustand und die Gefährdung der Fische in Europa und angrenzenden Regionen. Für die Studie konnte er auch Daten verwenden, die noch gar nicht veröffentlicht waren. Behörden und Kraftwerksbetreiber, Naturschutzorganisationen und Anwohner können nun überprüfen, wie zukünftige Staudammprojekte sich auf die Fischwelt in den betroffenen Gewässern auswirken. Roland Knauer

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