Wiarda will's wissen : #MeTwo in der Bildung heilen

#MeTwo offenbart auch ein Rassismus-Problem in der Bildung: Allzu viele Lehrer denken noch in Kategorien von "Wir" und "Die". Das muss sich ändern, fordert unser Kolumnist.

Jan-Martin Wiarda.
Unser Kolumnist Jan-Martin Wiarda.Promo

Das Überraschendste an #MeTwo ist, dass viele sich ehrlich überrascht geben von dem, was sie da lesen. Tausende Menschen haben sich unter dem Twitter-Hashtag zu Wort gemeldet, sie berichten von ihren persönlichen Rassismus-Erfahrungen. Von Petitionen an Vermieter ist die Rede, um die Ausländer-Familie im Haus loszuwerden. Von einer Zahnärztin, die eine Mitarbeiterin mit Kopftuch nicht ihren Patienten „zumuten“ möchte. Von einer Lehrerin, die ihren Drittklässlern mitteilte: „Anita hat auch Ausländerkinder zu ihrem Geburtstag eingeladen! Das kann man ja mal machen.“

Was ihn beim Lesen der Tweets am meisten betroffen mache, kommentierte – ebenfalls auf Twitter – mein „Zeit“-Kollege Anant Agarwala: „Wie viele Lehrer offenbar den falschen Beruf ergriffen haben, empathielose Menschen, die Kindern die Lebensfreude nehmen.“

Die Schulen sind ein Spiegelbild der Gesellschaft - im Guten wie im Schlechten

Betroffen sollte uns das machen. Überraschen kann uns das nicht: Die Schulen sind, im Guten wie im Schlechten, ein Spiegelbild unserer Gesellschaft und jahrelanger politischer Rhetorik. Als Deutschlands Schüler 2004 beim internationalen Pisa-Vergleich zum zweiten Mal enttäuschten, verkündete Niedersachsens damaliger CDU-Kultusminister Bernd Busemann: „Die Ausländer- und Aussiedlerkinder ziehen den ganzen Schnitt runter.“ Ein paar Jahre später schrieb „Bild“, viele Bundesländer lägen in der Pisa-Spitze, „wenn Migrationskinder rausgerechnet werden“.

Diskriminierung ist nicht, die besonderen Lernbedürfnisse von Kindern zu benennen, deren Eltern nicht deutsche Muttersprachler sind. Diskriminierung ist, so zu tun, als gebe es „die Migranten“ und ansonsten eine Norm, die in ihrem Glanz zu Tage tritt, sobald man die „Problemausländer“ separiert. Statistisch. Oder auch ganz handfest: So landen etwa überproportional viele Migrantenkinder auf Sonderschulen. Und genau hier ist der Vorwurf, den sich auch viele Lehrer machen lassen müssen. Dass auch sie allzu oft noch in Kategorien von „Wir“ und „Die“ denken. „Denen“ muss geholfen werden, es ist ihnen aber im Schulalltag oft kaum zu helfen, weil sie so viele Defizite mitbringen.

„Die“ müssen übrigens gar nicht aus Migrantenfamilien stammen. „Die“ können auch bildungsferne Eltern oder eine Behinderung haben. Eine solche Denke führt selten zu Diskriminierung der primitiv-brutalen Art, dafür umso häufiger zu vermeintlich gut gemeinten Tipps („Lass’ das lieber mit dem Gymnasium“) und zu beiläufig-gönnerhaften Äußerungen, die Lehrer im nächsten Moment vergessen, die Kinder und Jugendlichen jedoch über Jahre begleiten.

Eine neue übergreifende Identität kann nur in aus den Schulen erwachsen

Eigentlich wissen wir das alles. Aber wir tun zu wenig dagegen. Und so schwingt in dem enormen Widerhall, den #MeTwo in Politik und in Medien erfährt, ein Stück schlechtes Gewissen mit, formuliert zum Beispiel von Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) hier im Tagesspiegel: „Die deutsche Mehrheitsgesellschaft darf unser Rassismus-Problem nicht länger ignorieren oder verharmlosen.“ Nein, darf sie nicht. Wobei auch in Weils Aufruf immer noch dieses „Wir“ versus „Die“ steckt.

Eine neue, übergreifende gesellschaftliche Identität kann nur aus den Schulen erwachsen. Mit Lehrern, die die Verschiedenheit ihrer Schüler, ihrer Herkunft und Begabungen als die Norm begreifen und nach Kräften auf sie eingehen. Viele tun das längst. Trotz politischer Widerstände und Personalmangels. Das ist die größte Hoffnung angesichts von #MeTwo.

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Der Autor ist Journalist für Bildung und lebt in Berlin. Auf seinem Blog www.jmwiarda.de kommentiert er aktuelle Ereignisse in Schulen und Hochschulen.

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