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Wegen ihrer psychoaktiven Wirkung werden „Magic Mushrooms“ als Droge eingenommen. Das enthaltene Psilocybin könnte auch gegen Depressionen und Alkoholismus wirken.

© Shutterstock / anitram

Tagesspiegel Plus

Zauberpilze gegen die Sucht: „Magic Mushrooms“ könnten Alkoholkranke vor Rückfällen bewahren

Im Tierversuch funktioniert es schon mal: Die psychoaktive Substanz in „Magic Mushrooms“, Psilocybin, wirkt gegen Rückfälle von Alkoholismus. Noch ist es allerdings nur ein Hoffnungsschimmer.

„Das hatten wir so nicht erwartet“, erinnert sich Marcus Meinhardt vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit Mannheim (ZI) an die Anfänge der vor zwölf Jahren begonnenen Forschung an alkoholsüchtigen Ratten: Ähnlich wie beim Menschen kann die Sucht bei diesen Tieren die Produktion einer biochemischen Empfangsantenne für den Nerven-Signalstoff Glutamat in bestimmten Regionen des Gehirns verringern und so die geistige Flexibilität bei Entscheidungen einschränken.

Dass dieser Rezeptor bei einem Alkohol-Entzug weiterhin fehlt, trägt zu Rückfällen in den übermäßigen Alkoholkonsum bei. Wie ein Forschungsteam um Meinhardt jetzt in der Zeitschrift „Science Advances“ berichtet, kann das Halluzinogen Psilocybin die Rezeptor-Produktion wieder ankurbeln und bei Ratten auch den Rückfall zur Alkoholsucht verhindern.

Mit diesen Versuchen haben wir eine Tür zu neuen Behandlungsmöglichkeiten von Alkoholismus aufgestoßen.

 Marcus Meinhardt, Zentralinstitut für Seelische Gesundheit Mannheim

„Kommt ein Mensch, der bereits vom Alkohol weg ist, an seiner früheren Lieblingskneipe vorbei, kann er oft nicht widerstehen und sein Suchtverhalten beginnt wieder von vorne“, schildert Meinhardt eine Erfahrung vieler Betroffener.

Alkoholsüchtige Menschen sind zwar sehr unterschiedlich, aber bei vielen von ihnen verschlechtert die Suchterkrankung bestimmte höhere geistige Fähigkeiten in ähnlicher Weise: Sie kontrollieren zum Beispiel ihre Impulse und Emotionen schlechter, sind weniger motiviert und sind bei höheren kognitiven Entscheidungen weniger flexibel.

In Brandenburg machen sich nach Angaben der Landesstelle für Suchtfragen die Auswirkungen der Corona-Pandemie durch einen spürbaren Zuwachs an Beratungen in Suchtberatungsstellen des Landes bemerkbar.

© dpa-Zentralbild/dpa / Soeren Stache

Untersucht werden solcher Fähigkeiten etwa mit dem „Wisconsin Card Sorting Test“. Dabei werden Karten mit Symbolen in unterschiedlichen Farben, Formen und Anzahlen verwendet. Vier dieser Karten liegen offen auf dem Tisch, eine fünfte muss die Versuchsperson einer dieser offenen Karten zuordnen, ohne allerdings die Regel zu kennen, nach der das geschehen soll. Wird zum Beispiel eine Karte mit roten Karos einer anderen Karte mit roten Symbolen zugeordnet und der Versuchsleiter nickt anerkennend, weiß die Versuchsperson, dass sie richtig liegt. Die folgenden Karten legt sie daher ebenfalls entsprechend der Symbolfarben ab. Nach einigen Runden wird die Regel aber geändert, ohne die Versuchsperson darüber zu informieren. Die Karten sollen dann zum Beispiel nach der Form und nicht Farbe der Symbole sortiert werden. Der Proband muss sich die neue Regel anhand der Reaktionen seines Gegenübers erschließen.

„Bei solchen Tests legen Alkoholiker die Karten viel öfter falsch ab als Menschen ohne eine solches Suchtproblem“, berichtet Meinhardt. Als der ZI-Forscher Ratten einem ähnlichen Test unterzogen, schnitten die 16 Nagetiere, die vorher sieben Wochen lang immer wieder Alkohol-Dunst ausgesetzt waren und so alkoholsüchtig wurden, dabei ebenfalls schlechter als Artgenossen ab, die nicht alkoholsüchtig gemacht worden waren. Auch andere Eigenschaften der süchtigen Ratten waren einigen von Menschen mit Alkoholproblemen sehr ähnlich.

Veränderungen im Gehirn sind teilweise reversibel

Bei Personen mit übermäßigem Alkoholkonsum treten an der Stirnseite des Gehirns im „präfrontalen Kortex“ Schäden auf, die sowohl das Suchtverhalten und das Verlangen nach Alkohol auslösen, wie auch die geistigen Fähigkeiten mindern können. Ebenfalls im Vorderhirn befindet sich eine „Nucleus Accumbens“ genannte Region, die im Belohnungssystem des Gehirns und beim Entstehen einer Sucht eine zentrale Rolle spielen. Für die Verbindung zwischen diesen beiden Hirnregionen sind sogenannte „metabotrope Glutamat-Rezeptoren“ wichtig.

Das ZI-Team hat eine dieser Empfangsantennen für das Nervensignal Glutamat namens „mGluR2“ untersucht. An Gehirnen von verstorbenen alkoholkranken Menschen sah die Gruppe, dass bei ungefähr zwei Drittel dieser Personen erheblich geringere Mengen dieses Rezeptors als bei anderen Personen vorhanden waren. Da dieser Rezeptor normalerweise das Ausschütten des Nervensignalstoffes Glutamat bremst, dürften die Betroffenen also einen Überschuss dieses Neurotransmitters ausgesetzt gewesen sein, der das Suchtverhalten steigern und die geistigen Fähigkeiten beeinträchtigen konnte.

Eine ähnliche verringerte Aktivität des mGluR2 finden Meinhardt und sein Team auch in der vergleichbaren Gehirnregion der alkoholkranken Ratten. Nur wenn die Produktion dieses Rezeptors in den Gehirnen der Nagetiere gedrosselt war, lösten sie den modifizierten Karten-Test deutlich schlechter und entwickelten ein deutliches Suchtverhalten nach Alkohol.

Der Konsum Psilocybin-haltiger Pilze kann einen ähnlichen Rauschzustand wie die Substanz LSD hervorrufen.

© Imperial College London / Thomas Angus

Die verringerte Produktion von mGluR2 besteht auch nach langem Alkohol-Entzug fort. Daher ist die Abstinenz der Tiere auch nicht von Dauer. Sobald sie Alkohol schnuppern, lässt das Rezeptor-Defizit sie in ihre frühere Sucht zurückfallen.

Psilocybin, das in Pilzen vorkommt, aber auch synthetisch hergestellt werden kann, kurbelt die Produktion von mGluR2 wieder an. Sie erreicht auch bei alkoholkranken Ratten wieder das Niveau gesunder Tiere, verhindert Rückfälle und verbessert die geistige Leistungsfähigkeit der Ratten wieder.

Das Halluzinogen wird am ZI in Mannheim und der Charité in Berlin derzeit auch als Mittel gegen Depressionen getestet. Eine kürzlich im „New England Journal of Medicine“ veröffentlicht Studie von Forschenden des Centre for Psychedelic Research am Imperial College London zeigte, dass Psilocybin in einem therapeutischen Umfeld Depressionswerte schneller und stärker senken kann als ein häufig als Antidepressivum eingesetzter selektiver Serotonin-Wiederaufnahmehemmer. Dieses Ergebnis müsste jedoch in größeren Studien bestätigt werden.

„Mit diesen Versuchen haben wir eine Tür zu neuen Behandlungsmöglichkeiten von Alkoholismus aufgestoßen“, sagt Meinhardt. Ob die Substanz auch ähnliche Erfolge bei alkoholkranken Menschen haben könnte, müssen allerdings erst klinische Untersuchungen zeigen. Die Genehmigungen für solche Studien mit Betäubungsmitteln zu bekommen, dürfte allerdings langwierig sein. Selbst wenn alles klappt, würde es also noch einige Jahre dauern, bis eine solche Therapie von Alkoholsucht mit Psilocybin möglich sein könnte.

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