Zehn Jahre Humboldt-Professur : Stars mit Strahlkraft

Vor zehn Jahren wurden die ersten Alexander von Humboldt-Professuren verliehen. Die Berufenen bringen exzellente Forschung mit – und kritischen Geist.

Grünes Licht. Die zehn neuen Alexander von Humboldt-Professoren werden jedes Jahr in Berlin feierlich ausgezeichnet.
Grünes Licht. Die zehn neuen Alexander von Humboldt-Professoren werden jedes Jahr in Berlin feierlich ausgezeichnet.Foto: Humboldt-Stiftung/David Ausserhofer

Was macht die Alexander von Humboldt-Professur eigentlich so attraktiv? Bis zu fünf Millionen Euro für fünf Jahre: Die Formel, mit der es gelungen ist, in den vergangenen zehn Jahren 67 exzellente Forscher und Forscherinnen von Top-Unis in den USA, Großbritannien, den Niederlanden, Frankreich und acht weiteren Ländern nach Deutschland zu holen, klingt zweifellos unwiderstehlich. Wegen der finanziellen Ausstattung, die das Meister-Programm der Alexander von Humboldt-Stiftung den Forschenden zu bieten hat, gilt die Professur als deutscher Nobelpreis.

Doch ihre Bindungskraft geht weit darüber hinaus. Schon die für den internationalen Berufungs-Markt günstigen Zahlenverhältnisse sprechen für sich: Den 267 durch Universitäten und außeruniversitäre Forschungseinrichtungen ergangenen Nominierungen stehen 88 Bewilligungen gegenüber, eine Quote von gut 30 Prozent. Bei 67 der Ausgewählten verliefen die Berufungsverhandlungen in Deutschland dann erfolgreich. Beendet wurden bislang 27 Förderungen – zwei davon vorzeitig. Was jedoch am stärksten ins Gewicht fällt: Wer mit der Humboldt-Professur fünf Jahre in Deutschland geforscht hat, bleibt in aller Regel. Bis auf eine Ausnahme haben sich alle Berufenen nach Ablauf der Förderung dafür entschieden, weiterhin in Deutschland zu arbeiten.

Von der Humboldt-Stiftung beauftragte Evaluatoren stellen die Hypothese auf, „dass die Humboldt-Professur am Puls der Zeit interveniert“. Die Freiheit und die Flexibilität, wie sie die Humboldt-Professur ermöglicht, seien „äußerst rar“, schreiben die Gutachter im Fazit ihrer jetzt veröffentlichten Bestandsaufnahme. Enno Aufderheide, Generalsekretär der Stiftung, konkretisiert, was Deutschland für Forschende weltweit zunehmend interessant macht: „Besonders das forschungsfreundliche Klima und der hohe Stellenwert der Grundlagenforschung sind absolute Pluspunkte.“ Zugleich entwickelten sich Länder wie die USA oder Großbritannien „in eine völlig entgegengesetzte Richtung“. Deshalb werde das Interesse an Programmen wie der Humboldt-Professur sicher weiter wachsen.

Die Professur bietet einen großen Gestaltungsspielraum

Welche Spielräume die Berufenen haben, aber auch an welche Grenzen sie stoßen, beschreiben die externen Experten der „Technopolis Group“ in ihrem Evaluationsbericht. Ihre Erkenntnisse ziehen sie aus Fallstudien, aus Interviews und aus einer Online-Befragung. Hinzu kommen bibliometrische Analysen zur Wirkung der Kooperationen in Forschungsgruppen oder Instituten.

Überraschend ist, dass manche Preisträger und Preisträgerinnen trotz Gehaltseinbußen nach Deutschland gekommen sind. Dahinter standen teilweise private Gründe – immerhin die Hälfte der Berufenen sind deutsche Staatsbürger, die die Chance nutzen, zurückzukehren –, aber auch der „große Gestaltungsspielraum“ der Professur. Ein „spezifischer Pull-Faktor“ sei „die Möglichkeit, den eigenen Wirkungsrahmen zu erhöhen“.

So können viele in ihrem Fachgebiet ein neues Zentrum aufbauen und genießen auch insofern eine Sonderstellung. Sie tragen außerdem zur zusätzlichen Vernetzung ihrer deutschen Einrichtungen mit der weltweiten scientific community bei und ihre Arbeitsgruppen sind „hochgradig“ international zusammengesetzt.

„Die Motivation, in Deutschland strukturprägend wirken zu können“, sei für viele Berufene besonders hoch, heißt es. Darin sähen sie „ihren Auftrag und ihre Chance“. Tatsächlich werde „das Forschungspotenzial Deutschlands durch die Mobilisierung wissenschaftlicher Expertise aus dem Ausland nachhaltig gestärkt“, lautet hier das Fazit der Gutachter.

Der Frauenanteil ist seit 2013 auf 45 Prozent gestiegen

Doch lassen sich die Strukturen des deutschen Wissenschafts- und Hochschulsystems wirklich aktiv umgestalten? In sechs ausführlichen Interviews haben sich Berufene durchaus skeptisch gezeigt. Sie beklagen fehlende Transparenz in Entscheidungsprozessen an der Uni, ein zu hohes Gewicht persönlicher und politischer Verbindungen sowie insgesamt einen zu hohen Verwaltungsaufwand. Kritisch gesehen wird auch der geringe Frauenanteil an den Professuren vor allem in den Naturwissenschaften. Er könne „die Bereitschaft hemmen, sich stärker zu involvieren“, heißt es.

Dass es sich bei den „etablierten Stars der internationalen Forschungslandschaft“, die mit der Humboldt-Professur ausgezeichnet werden, in der großen Mehrheit um Männer handelte, hat die Stiftung wiederholt selber problematisiert. Von den insgesamt 67 bislang Berufenen sind zwölf Frauen (knapp 18 Prozent). Seit 2013 sind die Nominierungen von Frauen von anfangs nur zwei bis drei pro Jahr allerdings deutlich gestiegen; bei den Neuberufungen wuchs der Evaluierung zufolge der Frauenanteil bis 2017 auf 45 Prozent.

Zu den Grenzen, an die Humboldt-Professorinnen und -Professoren stoßen, gehört indes ausgerechnet die Königsdisziplin des Programms: die einmal Berufenen möglichst dauerhaft in Deutschland zu halten. Dies ist zwar bislang in den allermeisten anstehenden Fällen gelungen – aber nicht immer reibungslos.

Ausgezeichnet: Die zehn neuen Alexander von Humboldt-Professoren
Die Rechtswissenschaftlerin Anna van Aken (49) wechselt von der Universität St. Gallen an die Universität Hamburg, wo sie Themen wie Völkerrecht bis hin zur Korruption aus der Perspektive der Rechtswissenschaften und der Verhaltensökonomie erforschen soll.Alle Bilder anzeigen
1 von 9Foto: Humboldt-Stiftung/Elbmotion
08.05.2018 12:25Die Rechtswissenschaftlerin Anna van Aken (49) wechselt von der Universität St. Gallen an die Universität Hamburg, wo sie Themen...

Bei Dual-Career-Angeboten ist noch Luft nach oben

Was nach den Berufungsverhandlungen für die Position der Preisträger gilt, zählt nach fünf Jahren teilweise nicht mehr. Erste Hinweise von Betroffenen etwa zur fehlenden Transparenz von Entscheidungsprozessen hat die Stiftung schon 2016 in den Auswahlbestimmungen aufgenommen. Das Gutachterteam empfiehlt zusätzlich, Statements der Unis zur Verstetigung einzufordern – dazu, „was bleibt und was sich ändert“.

Schon bei der Nominierung müssten die Unis nun angeben, welche Leistungen sie für die Zeit nach dem Abschluss der Förderung zusagen, ergänzt Generalsekretär Enno Aufderheide. Die künftigen Humboldt-Professoren würden außerdem vom Hochschulverband bei ihren Berufungsverhandlungen beraten.

Etliches hat sich also seit dem Start vor zehn Jahren bewegt. Dabei das „Potenzial an kritischem Geist“, das die Preisträger mitbringen, einzubeziehen, gehört zu den Empfehlungen der Gutachter. Aufderheide sieht etwa bei Dual-Career-Angeboten für Partner und Partnerinnen „Luft nach oben“. Häufig sei das ein Knackpunkt bei der Entscheidung über den (dauerhaften) Wechsel nach Deutschland.

Ist es nach zehn Jahren nicht auch Zeit, die Zahl der Professuren zu erhöhen – zumal angesichts der Entwicklungen etwa in den USA mit weiter steigender Nachfrage zu rechnen ist? „Hierüber sind wir bereits im Gespräch mit unseren Geldgebern“, sagt Enno Aufderheide. Wichtiger sei es aber zunächst, Verbesserungen am Programm selbst vorzunehmen. Die konstruktive Kritik ist also angekommen.

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