Geflüchtete mit Behinderung : Der Weg ins neue Leben

Verstümmelt, chronisch krank, traumatisiert: Geflüchtete mit Behinderung haben kaum Chancen auf einen Job. Nebal hat es geschafft, ein Glücksfall.

Etwa 280 000 Flüchtlinge sind 2016 nach Deutschland gekommen. 15 Prozent sind schätzungsweise Menschen mit Behinderung.
Etwa 280 000 Flüchtlinge sind 2016 nach Deutschland gekommen. 15 Prozent sind schätzungsweise Menschen mit Behinderung.Foto: Armin Weigel/dpa

Wo gibt‘s denn so was? Kaum hatte Bashar seinen Asylantrag unterzeichnet, stand wenig später ein fremder Mann im Flüchtlingsheim vor ihm und bot Hilfe an. Einfach so. Der Syrer war misstrauisch. Konnte er dem Mann vertrauen? „Erst als ich hierher kam, waren meine Bedenken weg.“

Bashar, 48, ein kräftiger Mann mit sanfter Stimme, sitzt im Büro des Mina Vereins in der Friedrichstraße. Der hilfsbereite Fremde, der ihn damals im Heim aufsuchte, war Taha Eltauki. Gemeinsam mit Laura Schödermaier führt er hauptamtlich das Lotsennetzwerk in Berlin, ein Projekt des Mina Vereins, das geflüchtete Familien mit behinderten Mitgliedern bei der Integration begleitet.

Viele bleiben ihr ganzes Leben lang zu Hause

Bashar floh vor den Bomben aus einem Vorort von Damaskus nicht nur mit seiner Ehefrau und den vier Kindern. Er nahm auch seine erwachsene Schwester mit. Nebal hat das Down-Syndrom. „Meine Eltern sind gestorben, wir konnten sie nicht alleine zurücklassen“, sagt er. Zumal Menschen mit geistiger Behinderung es in Syrien besonders schwer haben. „Sie werden ausgelacht und ausgegrenzt“, sagt Bashar. Es fehle einfach das Bewusstsein – und Orte, wo sich die Betroffenen treffen könnten.

Die meisten gehen nicht mal zur Schule und bleiben im Grunde ihr ganzes Leben lang zu Hause, wie Nebal. „Am Anfang gingen wir in die gleiche Klasse“, erzählt Bashar, „doch Nebal hat nicht so gut mitgemacht und durfte irgendwann nicht mehr kommen.“ Dass seine Schwester eines Tages in Deutschland arbeiten wird, das hätte sich Bashar nie träumen lassen. Und nun das: Jeden Morgen gegen sieben Uhr wird Nebal von einem Fahrdienst abgeholt und in die Mosaik-Werkstatt in Reinickendorf gefahren.

Dort ist sie im Berufsbildungsbereich in der Hauswirtschaft tätig. In der Kantine schmiert sie Brötchen für die Werkstattmitarbeiter, sie schnippelt Gemüse, kocht, geht einkaufen, macht die Wäsche und bügelt. „Sie macht das sehr akkurat“, sagt Manuela Kliese, die Nebal betreut. Nur mit der Sprache klappt es noch nicht so recht. Die 49-Jährige versteht nur Arabisch. „Wir versuchen uns bestmöglich zu arrangieren, durch Vormachen und Nachmachen“, sagt Kliese.

Wo die Behörden nicht helfen, springen Vereine ein

Gemeinsame Sprache ist der Schlüssel zur Integration. „Nur so können Reibungen und Konflikte vermieden werden“, sagt Laura Schödermaier. Allerdings können schwerbehinderte Geflüchtete nicht an jedem Sprachkurs teilnehmen. Sie brauchen ein besonderes Angebot – und das ist eher dürftig. „Diese Zielgruppe wird komplett vergessen“, beklagt Susanne Schwalgin, Referentin für Flucht und Behinderung bei Handicap International.

Zur Zeit seien diverse Projekte in Berlin in erster Linie darauf fokussiert, die gravierende Versorgungslücke zu mildern. Es fehle an barrierefreien Erstaufnahmeeinrichtungen, und es sei mühsam, Hilfsmittel zu bekommen, Rollstühle oder Hörgeräte. „Ein Versagen der Verwaltung“, sagt Schwalgin. Da rückt das Thema Arbeit erstmal in den Hintergrund.

Wo die Behörden nicht helfen, springen Vereine ein. „Unsere Kurse sind auch für Geflüchtete offen“, sagt Maren Reineke, Leiterin der Integrationskurse für gehörlose Migranten beim Unerhört e.V.. Elf Plätze stehen pro Jahr zur Verfügung. Auch Alphabetisierungskurse gehören dazu: „Viele Geflüchtete kennen nicht mal ihre Landesgebärdensprache und können nur von den Lippen ablesen“, sagt Reineke. Für sie sei es schwierig, überhaupt in die Schriftsprache hineinzukommen.

Geflüchtete mit Sehbehinderung können das Angebot im Sehzentrum (SFZ) für blinde und sehbehinderte Menschen in Anspruch nehmen. Zwei Vollzeitkurse in Gruppen mit fünf Personen bietet es an. „Die Teilnehmer sind überwiegend Flüchtlinge aus Syrien“, sagt Kursleiter Rene Piefker. Das dürfte kein Zufall sein: Die Herkunft entscheidet oft über die Integrationschancen. Seit November 2015 dürfen Asylsuchende, die eine gute Bleibeperspektive haben, schon während des Asylverfahrens einen Integrationskurs besuchen. Das gilt für Syrer, Iraker, Iraner, Eritreer und Somalier.

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