Manche freuen sich mehr über ihr Haustier als über den Partner

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Allein unter Millionen : Berlin, Hauptstadt der Einsamkeit
Manche freuen sich mehr über ihr Haustier als über ihren Partner.
Manche freuen sich mehr über ihr Haustier als über ihren Partner.Illustration: Birgit Lang

„Tiere werden ja als Sozialpartner immer beliebter“, sagt Viola Freidel mit unerschütterlicher Ruhe, bewacht und umrahmt von ihren zwei Hunden in ihrem Büro im Grunewald. Die Vogel-Uhr an der Wand zwitschert zu jeder Stunde. „50 Prozent der Haushalte haben ein Haustier“, sagt sie. Der Milliardenumsatz, der mit ihnen gemacht wird, für Futter, Arztbesuche, Physiologen, Hundefriseure, für Auslauf-Parks und Tier-Pensionen, steige ständig. Ein Drittel der Frauen freuten sich mehr über die Anwesenheit ihres Tieres als über die des Partners, sie zitiere da nur Studien. „Tiere sind einfach verlässlicher als Menschen“, sagt Freidel, als gäbe es daran nichts zu diskutieren. Seit Jahren steigt in Berlin die Zahl der gemeldeten Hunde. Ist Berlin vielleicht deshalb die Stadt der Hunde, weil es die Hauptstadt der Einsamen ist?

Seit 13 Jahren arbeitet sie für den Verein „Leben mit Tieren“, halbe Stelle. „Die Legende sagt“, beginnt Freidel, Mitte der 80er Jahre hätten sich Human- und Veterinärmediziner zusammengetan und bemerkt, dass aus der Gemeinschaft „herausgerissene Menschen“ in der Lage sind, Kontakt zu Tieren aufzubauen. Die Idee kam aus Amerika, wo auch die Wirksamkeit der Methode bewiesen wurde. In West-Berlin fing man an, Mensch-Tier-Begegnungshäuser zu bauen, in unmittelbarer Nachbarschaft von Senioren- und Pflegeheimen. Am Anfang mit Tierarten wie Eseln, Schafen, Schweinen und Meerschweinchen. Es kamen auch Kitas und Schulklassen. Heute finanziert das natürlich niemand mehr. Das letzte von sechs Häusern wurde 2015 in Schmargendorf geschlossen. Seitdem hat sich die „tiergestützte Intervention“ weiterentwickelt.

Als die öffentliche Förderung versiegte, begannen sie mit ehrenamtlichen Besuchsdiensten in Heimen und Alten-WGs. Anfangs noch mit Kaninchen und Meerschweinchen, aber Meerschweinchen sind Fluchttiere, die die Hand des Menschen als Bedrohung sehen. Besser waren Hunde, die der Verein auch nicht mehr selbst halten musste. Sie gehören den Ehrenamtlichen, etwa 45 aktiven. Weil die Tiere auf Eignung getestet werden müssen, schätzen sie zwei auf Tierverhalten spezialisierte Tierärzte ein. Der Hund darf kein aggressives Verhalten zeigen. In einer einstündigen Prüfung für Halter und Hund wird getestet: Kann der Halter den Hund lesen? Sieht er, wenn der Hund überfordert ist? „Sonst müsste der Hund das auf seine Art lösen und Zähne will da keiner sehen.“

Ungeheure Effekte: Leute, die nach Monaten wieder sprechen!

Viola Freidels Problem ist es nicht, die Einsamen zu finden, sondern die Ehrenamtlichen.

"Einsamkeit ist das neue Rauchen, Saufen und Dicksein zugleich"

Manfred Spitzer ist ein Hauptamtlicher. Der Neurologe, Psychiater und Buchautor hat die Einsamkeit bis ins menschliche Gehirn verfolgt. Gerade eben hat er Dutzende Studien zu einem Buch zugespitzt: „Einsamkeit. Schmerzhaft. Ansteckend. Tödlich.“

Ansteckend? Manfred Spitzer hat noch die Schminke des Fernsehstudios im Gesicht, weil dieses Thema plötzlich alle elektrisiert, da musste er ins Morgenmagazin. Am Vorabend sprach er im großen Saal der Urania, nun noch schnell ein Interview in der Lobby. Einsamkeit liegt irgendwie in der Luft! Spitzer ist begeistert. Sein Buch erschien genau zum richtigen Zeitpunkt. Gerade als er damit herauskam, dass Einsamkeit in unseren Kulturen „der Killer Nummer eins“ ist, installierte England das Ministerium gegen Einsamkeit.

Der Killer Nummer eins? Das sei nicht übertrieben, sondern mit Daten bewiesen. „Einsamkeit ist das neue Rauchen, Saufen und Dicksein zugleich.“ Dass Einsamkeit tödlich ist, wurde nach einer ersten Studie von 2010 bekannt, 300 000 Teilnehmer, die zweite Studie hatte 3,5 Millionen.

Ist das nicht etwas übertrieben? Nein, die Daten sind so, sagt Spitzer. Wie mache man denn Epidemiologe? „Man nimmt eine große Gruppe von Leuten, erfragt Blutdruck, Körpergewicht, trinken Sie Alkohol und wie viel? Wie viel Sport machen sie, rauchen Sie, und: Wie einsam fühlen Sie sich? Dann wartet man zehn Jahre und zählt die Toten.“ Simpler gehe es nicht. Man stelle sich dann die Frage: „Wer hatte denn was und ist jetzt tot? Von denen, die gesagt haben, sie sind einsam, sind es die meisten.“

Manfred Spitzer, deutscher Hirnforscher und Leiter des Ulmer Transferzentrums für Neurowissenschaften und Lernen.
Manfred Spitzer, deutscher Hirnforscher und Leiter des Ulmer Transferzentrums für Neurowissenschaften und Lernen.Foto: Ingo Wagner, DPA/DPAWEB

Zuvor hatte ihn das Ergebnis einer Kardiologen-Studie umgehauen, die in den 40ern begann, aber erst 2009 publiziert wurde. Einsamkeit ist ansteckend! „Es wirkt erstmal wie ein Paradox, ist aber dann keins, wenn man Einsamkeit und Alleinsein unterscheidet. Der objektive Tatbestand sozialer Isolation ist eben nicht gleich Einsamkeitsgefühl. Man kann das Gefühl auch haben, ohne sozial isoliert zu sein. Und dann kann man das Gefühl ansteckend an andere weitergeben.“

Aber dass Einsamkeit körperlich schmerzt, war für ihn die interessanteste Erkenntnis. „Vor 20 Jahren wusste das niemand.“ Denn bei Einsamkeit und Schmerz werde das gleiche Hirnareal aktiviert. „Ich kann mich noch erinnern, auf welchem Sessel ich saß, als ich das 2003 gelesen habe.“ Wenn man es erstmal verstanden hat, werde einem klar, dass man die Sprache hätte ernst nehmen sollen: Einsamkeit schmerzt, Abschied schmerzt! „Und Paracetamol hilft gegen Einsamkeit, doppelblind getestet!“ Ohne diese Studie wäre keiner drauf gekommen. Umgekehrt wirke Gemeinschaft schmerzlindernd.

Plötzlich passte zusammen, dass Menschen, die sich einsam fühlen, einen Schmerzmittel-Missbrauch betreiben. Leute, die noch bis eben des Medikamentenmissbrauchs verdächtig waren, behandelten in Wahrheit damit effektiv ihre Einsamkeits-Symptome im Schmerz-Zentrum.

Spitzer steckt voller Zahlen und statistischer Zusammenhänge. „Frauen leben acht Jahre länger und heiraten zwei Jahre früher, das macht im Schnitt acht Jahre Witwentum.“ Damit sei Einsamkeit im Alter bei Frauen vorprogrammiert. Er sagt, trotzdem sei das Alter nicht die gefährlichste Zeit. „Die einsamsten Leute sind 15- bis 20-jährige Mädchen.“ Paradoxerweise aber deshalb, weil sie sozialer sind als Jungs. Weil ihr Bedürfnis nach funktionierendem Kontakt größer ist, empfänden sie es umso schlimmer, wenn es in der Pubertät mit Zickenkrieg und Mobbing knirscht.

Die Anzeichen für eine chronische Einsamkeit sind dieselben wie für Depressionen: negative Gedanken, man kann nicht schlafen, ist tagsüber ohne Schwung. Möglich, dass die steigenden Zahlen der Depressionen in Deutschland in Wahrheit die steigenden Zahlen der Einsamkeit sind. Einsamkeit ist dann kein Symptom, sondern die Krankheit selbst.

Sebastian, Gründer der Moabiter Selbsthilfegruppe, würde jetzt vermutlich sagen, Einsamkeit geht ja nicht davon weg, dass jetzt alle mal drüber gesprochen haben. Ist nicht irgendwo sichtbar, wie die Einsamkeit verfliegt, eine Methode wirkt?

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