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Andrej Holm zu Karstadt-Umbau in Kreuzberg : „Nichtstun der Verwaltung ist die beste Option“

Begeisterung bis Ablehnung: Der geplante Umbau des Karstadt-Kaufhauses am Hermannplatz polarisiert. Jetzt hat sich Stadtsoziologe Andrej Holm geäußert.

Neue Pracht. Karstadt am Hermannplatz soll wieder im Art-déco-Stil erstrahlen.
Neue Pracht. Karstadt am Hermannplatz soll wieder im Art-déco-Stil erstrahlen.Foto: Signa/Chipperfield

Das Bauvorhaben eines Immobilienkonzerns könnte den Hermannplatz radikal verändern: Die österreichische Signa Holding will das Karstadt-Gebäude an der Grenze zwischen Kreuzberg und Neukölln umbauen und erweitern. Geht es nach der Firma, soll dort das alte Karstadt-Gebäude aus den 1920er Jahren wieder errichtet werden – für 450 Millionen Euro.

Kritik an Umbau. Der Stadtsoziologe und Ex-Staatssekretär Andrej Holm ist gegen die Karstadt-Pläne.
Kritik an Umbau. Der Stadtsoziologe und Ex-Staatssekretär Andrej Holm ist gegen die Karstadt-Pläne.Foto: Jörg Carstensen/dpa

Der Wirbel um das Vorhaben ist groß. Gegner befürchten, es könne eine Luxus-Shoppingmeile entstehen, durch die Anwohner und Gewerbetreibende verdrängt werden. Aus Friedrichshain- Kreuzberg, wo das Bauvorhaben genehmigt werden muss müsste, hatte es Widerstand gegeben. Der zuständige Baustadtrat Florian Schmidt (Grüne) hatte sich jedoch zu Gesprächen bereiterklärt, nachdem der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) sich in die Diskussion eingeschaltet hatte. Er kritisierte, dass ein Bezirksamt nicht „von heute auf morgen eine dreistellige Milliardeninvestition“ absagen könne. Zuvor hatte Schmidt die Signa-Pläne durch einen Vermerk vorerst gestoppt.

Auf einer Veranstaltung der Kreuzberger Linken am Donnerstagabend sagte Andrej Holm, ehemaliger Staatssekretär (Linke) und Stadtsoziologe, er wünsche sich, dass der Bezirk bei seiner Linie bleibe: „Aus meiner Sicht ist das Nichtstun der Verwaltung in diesem Fall die beste Option.“ Der „Ausverkauf der Stadt“ müsse verhindert werden. Auch die Linken-Abgeordnete Gaby Gottwald lehnt das Bauvorhaben ab: „Wir glauben, dass dieses Großvorhaben Verdrängung beschleunigen wird.“

Stadtsoziologe Andrej Holm sieht das Projekt kritisch

Vergangene Woche hatte der österreichische Konzern im Neuköllner Stadtentwicklungsausschuss angekündigt, neben Gewerbeflächen, Büros und Wohnungen auch „bezahlbaren Wohnraum“ in dem Gebäude errichten zu wollen Neuköllns Stadtrat für Stadtentwicklung, Jochen Biedermann (Grüne), zweifelt daran, dass die Signa Holding diesen tatsächlich schaffen will: „Mehr als die allgemeine Aussage liegt uns derzeit nicht vor“, sagte er dem Tagesspiegel am Freitag. Das Bauvorhaben sei mit bezahlbaren Wohnungen wohl kaum finanzierbar.

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Signa hat die Karstadt-Warenhauskette im Juni 2019 erworben und will in den kommenden Jahren 3,5 Milliarden Euro in Berlin investieren. Nachdem das Unternehmen zunächst von einem Hotel gesprochen hatte, soll die Neugestaltung des Gebäudes nun „in die Nachbarschaft und zu deren Bewohner*innen passen“, schrieb Signa kürzlich in einem Statement bei Facebook.

So soll Karstadt am Hermannplatz aussehen
Karstadt am Hermannplatz, wie es einmal aussehen soll. Der Entwurf stammt von David Chipperfield Architects. Zu sehen ist, dass auch der Neubau mit den Türmen eine Terrasse haben wird.Alle Bilder anzeigen
1 von 9Foto: David Chipperfield Architects
12.03.2019 09:30Karstadt am Hermannplatz, wie es einmal aussehen soll. Der Entwurf stammt von David Chipperfield Architects. Zu sehen ist, dass...

Niloufar Tajeri von der Initiative „Karstadt erhalten“ kritisiert, dass Signa Lobbyarbeit in Neukölln betreibe, obwohl der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg dem Vorhaben schon eine Absage erteilt habe. „Signa befindet sich in der Verkaufsphase ihrer Idee“, sagte sie. Signa hatte zuletzt auf ein Dialogverfahren mit Anwohnern gesetzt – eine Farce, sagte Tajeri. „Bei den Sprechstunden sind drei bis vier Menschen da, und der Signa-Manager erklärt Dinge.“

Anwohnerinitiative kritisiert Bürgerbeteiligung

Der Neuköllner Stadtrat Biedermann sagte: „Ich kann die Skepsis der Initiative nachvollziehen.“ Der Signa-Konzern habe aber mittlerweile verstanden, „dass sie nicht ohne echte Beteiligung und Mitbestimmung weiterkommen werden.“ Neuköllns Bürgermeister Martin Hikel (SPD) hingegen hatte sich im März von den Signa-Plänen begeistert gezeigt. Doch die Planungshoheit liegt vorrangig beim Nachbarbezirk.

Während der Neuköllner Stadtentwicklungsausschuss am Dienstag mit Signa sprach, veranstaltete die Anwohnerinitiative eine Gegendemonstration auf dem Hermannplatz. Nach eigenen Angaben hat die Initiative bislang in Neukölln mehr als 1400 Unterschriften gegen den Karstadt-Abriss gesammelt.

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