Auf Strahlenschutz wird extrem geachtet

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Arotenaneurysma : Eine Frage des Bauchgefühls
Beim Chefarzt. Ernst Weigang (r.) erklärt den Patienten Manfred Köppen (l.) und Rolf Kreibich ein Aneurysma-Modell.
Beim Chefarzt. Ernst Weigang (r.) erklärt den Patienten Manfred Köppen (l.) und Rolf Kreibich ein Aneurysma-Modell.Foto: Thilo Rückeis

Dann erklärt er mir den OP-Raum: „Es ist ein Hybrid-Saal, was bedeutet: Sowohl offene als auch minimalinvasive Eingriffe sind hier möglich. Die Einrichtung eines solchen Saals habe er zur Bedingung gemacht, als er die Chefarztstelle am Krankenhaus Hubertus angeboten bekam. Alles ist mit hoch moderner HighTech ausgestattet, der Operationstisch zum Beispiel ist „free-floating“, bewegt sich nahezu organisch mit den Handgriffen des Operateurs. Zur Qualitätssicherung werden sämtliche OP-Daten aufgezeichnet und die gesamte Anlage monatlich technisch überprüft. „Auf den Strahlenschutz für Patienten und Mitarbeiter wird bei uns extrem geachtet“, erklärt Professor Weigang, während er sich Bleiglasbrille, Bleikappe, -weste und -schürze wieder auszieht. Noch vor einigen Jahrzehnten seien viele Radiologen an Krebs erkrankt, diese Zeiten sind lange vorbei.

Rund 14 000 Operationen eines Bauchaortenaneurysmas werden in Deutschland jährlich vorgenommen. Am Gefäßzentrum Berlin-Brandenburg des Krankenhauses Hubertus waren es im letzten Jahr 166, so viel wie – nach eigenen Angaben – an keinem anderen Gefäßzentrum in der Region. Die Dunkelziffer nicht entdeckter Aneurysmen ist übrigens um ein Vielfaches höher, Weigang schätzt sie auf 100 000 in Deutschland. Oft stößt man durch Zufall auf Aneurysmen, wie bei Manfred Köppen, den Weigang im August 2015 operiert hat. „Eigentlich war ich wegen Rückenschmerzen beim Röntgen, dann hat man das Aneurysma festgestellt“, erzählt Köppen. Den Eingriff erlebte er bewusst mit, da er nur lokal betäubt war. Was bei Patienten, die durch Begleiterkrankungen gefährdet sind, durchaus möglich ist. Kampfsport wie früher kann der 74-Jährige heute zwar nicht mehr machen, aber ansonsten fühlt er sich völlig fit und spürt nichts von der Stentprothese in seiner Bauchschlagader.

Es gibt auch kindskopfgroße Aneurysmen, die sich schon sichtbar durch die Bauchdecke wölben

Bei einem weiteren Patienten von Ernst Weigang waren die Probleme schon länger bekannt. Rolf Kreibich, 79, sagt: „Ich verdanke mein Leben vor allem meiner klugen Frau.“ Die war es nämlich, die ihn immer wieder zur Untersuchung geschickt hat. Zehn Jahre lang wurde er am Krankenhaus Hubertus durch die Angiologen mit Ultraschall beobachtet. Das ist gar nicht ungewöhnlich, viele Aneurysmen werden nicht sofort operiert, sondern erst dann, wenn sie eine gewisse Größe erreicht haben. Als Grenzwert gilt ein Durchmesser von rund fünf Zentimetern, aber Weigang hat schon alles gesehen, auch kindskopfgroße Aneurysmen: „Die wölben sich schon sichtbar durch die Bauchdecke, wenn die Patienten zu uns kommen.“ Kreibich war beruflich viel unterwegs, auf allen Kontinenten und wollte sichergehen, dass er nicht irgendwo im Ausland auf dem flachen Land oder in der Prärie plötzlich operiert werden muss. Der Eingriff erfolgte bei ihm im März 2016, in Vollnarkose: „Ich wollte nichts mitkriegen und habe schon lange keinen so guten Tiefschlaf mehr gehabt“, erzählt er schmunzelnd. Radfahren, Tennis, alles geht heute wieder, Beschwerden hat er keine.

Noch etwas war anders bei Kreibich: Gleich zwei Aneurysmen hintereinander machten ihm zu schaffen. „In seinem Fall mussten wir besonders lange Prothesen auswählen“, erklärt Ernst Weigang. Aber auch das ist nicht so außergewöhnlich, wie es klingt. Aneurysmen können hochkomplex ausgeprägt sein, manche Patienten leiden an fünf oder mehr von ihnen gleichzeitig. Der Chirurg muss dann bis zu acht Prothesen einsetzen. Eine weitere Herausforderung: Im Bereich des Aneurysmas gehen meist eine Reihe kleinerer Arterien von der Aorta ab, die natürlich nicht überdeckt werden dürfen, um den Blutfluss weiterhin zu gewährleisten. Heißt: In die Prothese müssen kleine Fenster eingearbeitet werden, die passgenau an der Stelle sitzen, an der die entsprechende Arterie abgeht. Eine hohe Kunst – die man am Gefäßzentrum Berlin-Brandenburg sehr gut beherrscht.

Ernst Weigang hat innerhalb des Zentrums 2015 zusätzlich das Aortenzentrum am Hubertus Krankenhaus gegründet. Er begrüßt den Beschluss des Gemeinsamen Bundesausschusses von 2016, dass Männer ab 65 Jahren einmal im Leben Anspruch auf ein Vorsorgeultraschall zum Ausschluss eines Bauchaortenaneurysmas haben. „Jetzt kämpfen wir gemeinsam mit den gefäßmedizinischen Fachgesellschaften darum, dass das auch auf Frauen ausgeweitet wird“, sagt er. Denn auch die sind gefährdet, wenn auch weniger: Zwei Drittel aller Aneurysmen-Patienten sind männlich. Warum? Ernst Weigang führt es aufs Rauchen zurück, einen der wesentlichen Risikofaktoren neben Bluthochdruck und erhöhten Fett- und Zuckerwerten. Wichtig ist ihm aber vor allem eines: Dass die Gefährlichkeit eines Aneurysmas einer breiten Bevölkerung bewusst wird. Egal welchen Geschlechts.

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