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Lange Leitung. Dicke Rohre leiten das Grundwasser von der Baustelle am Leipziger Platz bis in den Landwehrkanal. Würde nicht ständig gepumpt, stünde die mehr als zehn Meter tiefe Baugrube sofort unter Wasser. Wie sehr die Nässe nachdrückt, zeigt sich auch am Potsdamer Platz (links im Bild), in dessen Tiefgarage Pfützen stehen.

© Doris Spiekermann-Klaas

Alles im Fluss: Berlin hat ein Grundwasser-Problem

Die Unterspülung des U-Bahn-Tunnels auf der Baustelle am Leipziger Platz zeigt, dass der Berliner Boden Probleme birgt. Die Koalition will Hausbesitzern beim Kampf gegen nasse Keller helfen. Das dürfte schwierig werden.

Mag der Berliner Immobilienmarkt auch noch so angespannt sein – Wassergrundstücke gibt es reichlich. Sie befinden sich in einem fünf bis zehn Kilometer breiten Streifen, der von Nordwest nach Südost die Stadt durchzieht, darunter die City mit der Großbaustelle am Leipziger Platz, auf der Ende März bekanntlich der Tunnel der U 2 ins Schwimmen geriet und seitdem gesperrt ist. Damit ist der Haken dieser speziellen Grundstücksart offenkundig: Das Wasser befindet sich auf der Unterseite. Wer tiefer als zwei- drei Meter gräbt, wird nass. Wer hier neu baut, muss das Grundwasser aufwändig fernhalten. Wer schon gebaut hat, kämpft oft auf verlorenem Posten – wie jene Rudower Hausbesitzer, durch deren nasse Keller vor einem Jahr der wahlkämpfende CDU-Chef Frank Henkel gummistiefelte und Abhilfe versprach. Alles nur trockene Theorie? Viel spricht dafür, dass das Wasser im Boden im Wortsinn ein drängendes Problem bleiben wird.

Geologisch betrachtet zeigt schon die "Standortwahl" ein Dilemma: Die Spree, an der im 13. Jahrhundert die Siedlungen Berlin und Cölln entstanden, ist nur die Sohle jenes viel gewaltigeren Urstromtals, durch das während der Weichsel-Kaltzeit die Schmelzwassermassen Richtung Nordsee abflossen. Wer das gut 30 Meter über dem Meeresspiegel gelegene Tal bewusst verlässt, kann es deutlich spüren, wenn er beispielsweise auf dem Kaiser- oder dem Mehringdamm die südwestlich gelegene Teltow-Hochfläche erklimmt. Im Nordosten wiederum führen Greifswalder Straße und Landsberger Allee auf die Barnim-Hochfläche. Mit jedem gewonnenen Höhenmeter sinkt der sogenannte Flurabstand des Grundwassers, das allenfalls im Einzugsgebiet der Panke – einem Seitental des Berliner Urstromtals – noch bis in die Keller kriecht.

Die City jedoch ist "Tiefstadt". In der verlangt der Senat für jeden Neubau mit mehr als einem Untergeschoss einen Trog: Senkrechte Schlitzwände trennen die Baustelle vom Boden der Umgebung. Zwischen diesen Wänden wird die Grube ausgebaggert und leergepumpt, ohne dass das Grundwasser aus der gesamten Umgebung nachdrängt. Mit solchen Wänden wurde auch der freigelegte U-Bahntunnel geschützt, der die Baustelle am Leipziger Platz diagonal durchquert. Doch dann strömten doch Sand und Wasser unter dem Tunnel hervor. Die BVG wartet darauf, dass die Technische Aufsichtsbehörde die Strecke wieder freigibt. Bisher wisse man nur, dass der Tunnel sich nicht bewegt habe, sagt ein Sprecher. Das lässt vermuten, dass kein großer Bereich freigespült wurde, der Tunnel also nicht hohl liegt. Einfach nachschauen kann man nicht, weil die Quelle mit Sand zugeschüttet wurde.

Der Runde Tisch tagt erstmals im Mai. Mit welchem Ziel?

"Vielleicht war einfach der Wasserdruck zu groß", sagt BVG-Sprecher Klaus Wazlak. Worum es geht, illustriert die für den Hauptbahnhof von Technikern genannte Zahl von 20 Tonnen pro Quadratmeter, mit denen das Wasser gegen das Fundament drückt.

Die Grafik zeigt, in welcher Tiefe das Grundwasser in verschiedenen Bereichen Berlins beginnt.
Die Grafik zeigt, in welcher Tiefe das Grundwasser in verschiedenen Bereichen Berlins beginnt.

© Tsp/Klöpfel

Der Grundwasserstand hängt auch von der Beschaffenheit des Bodens ab: In manchen Stadtteilen erschwert eine Tonschicht unterm Sand die Versickerung. Anderswo – vor allem in der City – ist das Wasser für Großbaustellen jahrzehntelang großflächig abgesenkt worden. Wie sehr, zeigt eine seit 1870 betriebene Messstelle in der Charlottenstraße: Dort sank der Grundwasserstand beim Bau der Reichsbank in den 1930ern um rund acht Meter – und stieg bei Kriegsende, als nichts mehr gebaut wurde und zerstörte Brücken und Schiffe die Spree stauten, wieder aufs Niveau des 19. Jahrhunderts.

Diese vorindustriellen Wasserstände sind auch an den Stadträndern wieder normal geworden, nachdem sich durch industriellen Niedergang und sparsame Armaturen der Wasserverbrauch seit 1989 fast halbiert hat und die Wasserwerke entsprechend weniger fördern. Die Wasserbetriebe regulieren gemäß Vereinbarung mit dem Senat noch in Johannisthal das Grundwasser; außerdem pumpt Siemens zum Schutz seiner Firmengebäude.

Für Privatleute wie die Rudower Hausbesitzer ist solche Selbsthilfe kaum machbar. Sie müssen darauf hoffen, dass ein von Rot-Schwarz geplanter Runder Tisch ihnen hilft. Im Mai soll er erstmals tagen; das Maximalziel ist laut Koalitionsvereinbarung eine "stadtweite" und "lückenlose" Regulierung. Wer die bezahlen soll, steht dort allerdings nicht.

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