Berlin-Kreuzberg : Initiative setzt sich für Polen-Denkmal ein

Am Anhalter Bahnhof soll ein Denkmal an den Überfall der Deutschen vor 80 Jahren erinnern. In Deutschland gibt es Bedenken, in Polen hohen Zuspruch.

Florian Mausbach (v.l.) zusammen mit Dieter Bingen, dem Direktor des Deutschen Polen-Instituts Darmstadt sowie dem Direktor der „Topographie des Terrors“, Andreas Nachama, am Anhalter Bahnhof.
Florian Mausbach (v.l.) zusammen mit Dieter Bingen, dem Direktor des Deutschen Polen-Instituts Darmstadt sowie dem Direktor der...Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Eine bürgerschaftliche Initiative hat vor einem Jahr am 15. November 2017 an den Deutschen Bundestag und die Öffentlichkeit appelliert, auf dem Askanischen Platz in Berlin-Kreuzberg vor dem Hintergrund der Kriegsruine des Anhalter Bahnhofs ein Denkmal für die polnischen Opfer der deutschen Besatzung von 1939-1945 zu errichten. Ein solches Denkmal war ein Herzensanliegen Wladyslaw Bartoszewskis, des Auschwitzhäftlings, Widerstandskämpfers und Schirmherrn deutsch-polnischer Versöhnung.

Als Ergebnis ihrer Regierungskonsultationen begrüßten am 2. November 2018 der polnische und der deutsche Außenminister, Jacek Czaputowicz und Heiko Maas, mit Blick auf den 80. Jahrestag des Ausbruchs des Zweiten Weltkriegs am 1. September 2019 „Initiativen, der polnischen Opfer der deutschen Besatzung Polens zwischen 1939 und 1945 zu gedenken“. Ex-Außenminister Radoslaw Sikorski von der Opposition sekundierte gegenüber der Deutschen Welle mit dem Hinweis auf das „selektive Gedenken“ in Deutschland: Natürlich solle es ein solches Denkmal geben und den Deutschen bewusst sein, dass zu ihren Opfern im Krieg „auch wir“ gehören.

Die provokanten Reparationsforderungen polnischer Regierungspolitiker sollten weniger Sorge bereiten als deren Echo in der polnischen Bevölkerung. Es ist kaum die Erwartung von Schadensersatz. Es ist das laute Pochen auf Wahrhaben und Anerkennen dessen, was die Deutschen den Polen angetan haben.

„Denkmal für die Tragödie der polnischen Nation"

Polen war das erste Opfer des Zweiten Weltkriegs: Millionen Tote und Verschleppte, die Hauptstadt Warschau dem Erdboden gleichgemacht. Frankreich, als nächstes großes Nachbarland überfallen, wurde auch unter deutscher Besatzung noch als Nation respektiert. Polen sollte als Nation und Staat vernichtet werden.

Der Aufruf mit seinen vielen namhaften Unterstützern aus der Zivilgesellschaft ist in Polen über die politischen Lager hinweg auf Zuspruch gestoßen. Eine gemeinsame fraktionsübergreifende Erklärung der Polnisch-Deutschen Parlamentariergruppe des Sejm sieht ein „Denkmal für die Tragödie der polnischen Nation in der Mitte der deutschen Hauptstadt als moralischen Wegweiser für künftige Generationen“.

Hierzulande werden in der öffentlichen Debatte und in Bundestagsfraktionen außer Zustimmung auch Bedenken laut. Ein Denkmal für die Polen könne weitere Denkmal-Forderungen anderer Opfernationen nach sich ziehen. Es solle deshalb ein gemeinsamer Ort des Gedenkens an alle Opfer des Vernichtungskrieges im Osten geschaffen werden. Ein solches unterschiedsloses Gedenken aber missachtet nicht nur die nationalen Opferperspektiven, sondern auch die historischen Geschehnisse.

Polen ist traditionell Teil des Westens

Die liberale Gazeta Wyborcza, die dem Thema ihre Titelseite widmete, illustrierte den Aufruf für ein Polen-Denkmal mit einem Foto vom 12. November 1940: es zeigt den Empfang des sowjetischen Außenministers Molotow durch SS-Offiziere am Anhalter Bahnhof. Ein deutlicher Fingerzeig, dass der erste deutsche Vernichtungskrieg allein Polen galt und die Aufteilung des Landes in Komplizenschaft mit der Sowjetunion geschah. Als Opfer auch der Sowjetunion ist für Polen ein gemeinsamer Gedenkort nicht hinnehmbar. Nach dem Überfall auf Polen wandte sich der Krieg erst nach Westen, bevor er sich 1941 als großer zweiter Vernichtungskrieg im Osten mit einer unendlichen Zahl von Opfern gegen den Vielvölkerstaat Sowjetunion richtete.

Vielleicht ist die unterschiedslose Wahrnehmung Mittel- und Osteuropas auch dem nachwirkenden Bild des 40 Jahre lang hinter dem Eisernem Vorhang versperrten Ostblocks geschuldet, dafür, dass wir im gewohnten Blick nach Westen dem Osten nach wie vor den Rücken kehren. Auch die kulturelle Vorstellung vom Osten als einer gemeinsamen slawischen Völkerfamilie ist im besten Falle folkloristisch. Der Panslawismus ist eine zaristische Herrschaftsdoktrin. Polens Sprache ist slawischen Ursprungs, als Nation aber ist Polen traditionell Teil des Westens, schreibt lateinisch, nicht kyrillisch, schaut nach Rom, nicht nach Byzanz.

Die Sorge vor weiteren Denkmal-Forderungen verkennt den einzigartigen Charakter der deutsch-polnischen Nachbarschaft, vergleichbar nur der deutsch-französischen. Hat die deutsch-französische Freundschaft zu Forderungen anderer westeuropäischer Nationen nach vergleichbaren Sonderbeziehungen geführt? Gibt es Vorbehalte gegen das „Weimarer Dreieck“ der Nachbarn Frankreich, Deutschland und Polen? Ein besonderes Polen-Denkmal in Berlin – warum sollten andere Nationen dies nicht verstehen und respektieren?

Deutsche und Polen untrennbar verbunden

Polen ist kein gewöhnlicher Nachbar. Seit Kaiser Otto III. sich im Jahre 1000 mit Herzog Boleslaw I. in Gnesen traf, sind Deutsche und Polen im Miteinander und Gegeneinander untrennbar verbunden: nach Magdeburger Stadtrecht gegründete Städte, Deutschordensritter als Verbündete und Feinde, die Blütezeit der Ostsee-Hanse mit ihren backsteingotischen Kirchen und Rathäusern, polnische Könige aus Sachsen, die Teilungen Polens zwischen Preußen, Österreich und Russland, Polen-Begeisterung im Vormärz, preußische „Germanisierung“ Westpolens, Grenzkonflikte nach dem Versailler Vertrag, die deutsche Besatzung 1939 – 1945 und in der Folge die Grenzverschiebungen und Zwangsumsiedlungen von Polen und Deutschen.

Im Jahre 1989 schließlich die friedliche Revolution zuerst in Warschau, dann in Berlin. Und bei aller wechselvollen Geschichte nicht zu vergessen: die vielfältigen engen menschlichen und familiären Beziehungen zwischen beiden Völkern.

Ein Polen-Denkmal in der deutschen Hauptstadt wäre nicht nur Ausdruck der deutschen Schuld und des Mitgefühls für die Opfer, sondern auch der besonderen Nähe und Verantwortung beider Nachbarn für die Zukunft Europas.

Florian Mausbach hält ein Denkmal für mehr als angebracht.
Florian Mausbach hält ein Denkmal für mehr als angebracht.Foto: picture-alliance/ dpa

Florian Mausbach ist Architekt und Stadtplaner. Er war von 1995 bis 2009 Präsident des Bundesamtes für Bauwesen und Raumordnung.

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