Der Flüchtling wurde 2016 erschossen : War Hussam Hussein wirklich bewaffnet?

Die Polizei erschoss vor drei Jahren den irakischen Flüchtling Hussam Hussein – damals hieß es, er sei bewaffnet gewesen. Doch daran gibt es Zweifel.

Im September 2016 starb der Flüchtling Hussam Hussein, tödlich getroffen durch eine Polizeikugel.
Im September 2016 starb der Flüchtling Hussam Hussein, tödlich getroffen durch eine Polizeikugel.Foto: Gregor Fischer/dpa

Die Schüsse im September 2016 hatten die Debatte über die Lage in den oft überfüllten Flüchtlingsheimen befeuert – und knappe Ermittlungen innerhalb der Polizei ausgelöst. Der Fall dürfte demnächst neu bewertet werden: Am 27. September 2016 war der irakische Asylbewerber Hussam Hussein vor der von Flüchtlingen bewohnten Traglufthalle in Moabit von Polizisten erschossen worden. Die Beamten hätten einen anderen Flüchtling geschützt, den der Iraker mit einem Messer bedroht habe. Das teilte die Staatsanwaltschaft mit.

Hussein hatte erfahren, dass seine sechsjährige Tochter von einem Pakistaner missbraucht worden sei. Dieser Pakistaner war von den Polizisten festgenommen worden, als der Vater des Mädchens mit einem Messer auf ihn zugestürmt sein soll – woraufhin drei Beamte schossen. Eine Kugel traf Hussein tödlich. Die Staatsanwaltschaft stellte die Ermittlungen gegen den Polizisten, der den tödlichen Schuss abgab, im Mai 2017 ein.

Nach ARD-Recherchen gibt es aber „erhebliche Zweifel“ an der Darstellung, dass der Iraker bewaffnet war. Ein Zeuge, der den Polizeieinsatz beobachtet hatte, sagte dem RBB-Magazin „Kontraste“: „Hussein hatte kein Messer, das schwöre ich, ich habe kein Messer gesehen und ich stand ja neben ihm. Niemand von uns hat ein Messer gesehen.“

Auch ein beteiligter Polizist kritisiert laut ARD die Einstellung des Verfahrens. Das Kammergericht hat schon Ende 2018 Nachermittlungen angeordnet – um zu klären, woher das Messer kam, das Hussein in der Hand gehalten haben und das von einem Beamten sichergestellt worden sein soll. Auf dem Messer seien weder DNA noch Fingerabdrücke von Hussein gefunden worden. Auch der Tagesspiegel schrieb seinerzeit nicht über eine etwaige Schuld des Beamten.

Illegitime Polizeigewalt kommt viel häufiger vor als bisher angenommen. Das ergeben Forschungen an der Universität Bochum, über die Kontraste und „Spiegel“ berichten. Demnach gibt es jährlich mindestens 12.000 mutmaßliche Übergriffe durch Polizeibeamte – und fünf Mal mehr als angezeigt.

Der Missbrauchstäter wurde 2017 zu einem Jahr und acht Monaten Haft auf Bewährung verurteilt.

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