zum Hauptinhalt
Kinderbetreuung wird dringend benötigt.

© picture alliance / dpa

Tagesspiegel Plus Update

Die Krise wandert: In diesen Berliner Regionen fehlen am meisten Kitaplätze

Der neue Kitaförderatlas zeigt: Besonders in der Innenstadt entspannt sich die Lage. In Außenbezirken und Neubaugebieten bleibt es oft schwierig. Ein Überblick.

| Update:

Jede zweite Berliner Region hat keine oder kaum Kitaplatzreserven. Allerdings verlagert sich der Mangel aus der Innenstadt in Außenbezirke und hin zu Neubaugebieten. Diese Entwicklung zeigt der neue Kitaförderatlas 2022. Trotz der großen Ausbauanstrengungen der freien Träger gibt es über 40 Gebiete in der Stadt, in denen es keinerlei Platzreserven gibt und gleichzeitig der Bedarf weiter steigt. Im Jahr 2018 gehörten allerdings noch 50 Gebiete zu dieser Kategorie.

Am größten ist inzwischen das Defizit in Spandau. Der Bezirk wird von der Senatsverwaltung für Jugend in neun Kitaplanungsregionen unterteilt. So wird deutlich, dass überall – von Hakenfelde bis Siemensstadt – durchgängig Plätze fehlen: Kein einziges Spandauer Gebiet gehört zur Kategorie, die keinen weiteren Ausbau benötigt -hier lesen Sie die Reaktion des Stadtrats vor Ort.

Vergleichbar ernst ist die Lage in Treptow-Köpenick: Hier gehören 17 von 20 Regionen zu den beiden Kategorien mit den größten Bedarfen. In Lichtenberg sind es neun von 13. Immer wieder hatte es im Vorfeld Kritik gegeben, dass es weiterhin große Wohnungsbauprojekte gibt, die ohne Kita geplant werden.

Ganz anders die Lage im Babyboomer-Bezirk Pankow. Dort wurden wegen der großen Nachfrage – Pankow hat mit Abstand die meisten Kinder – besonders viele Kitaplätze geschaffen, sodass von den noch 2018 benannten elf Regionen mit hohem Bedarf jetzt nur noch zwei übrig blieben. Die Sozialstruktur mit vielen Akademikern bringt es zudem mit sich, dass die Familien mit Klagen drohen, wenn sie keinen Kitaplatz bekommen oder auch Verdienstausfall einfordern, wenn beide Elternteile arbeiten.

In den Randbezirken, in denen die Familien entweder nicht ihre Rechte kennen oder einfach keine Betreuung wünschen, müssen die Jugendämter kaum mit Klagen rechnen.

Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen von unseren Redakteuren ausgewählten, externen Inhalt, der den Artikel für Sie mit zusätzlichen Informationen anreichert. Sie können sich hier den externen Inhalt mit einem Klick anzeigen lassen oder wieder ausblenden.

Ich bin damit einverstanden, dass mir der externe Inhalt angezeigt wird. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr Informationen dazu erhalten Sie in den Datenschutz-Einstellungen. Diese finden Sie ganz unten auf unserer Seite im Footer, sodass Sie Ihre Einstellungen jederzeit verwalten oder widerrufen können.

Ähnlich wie in Pankow hat sich die Lage in Friedrichshain-Kreuzberg entwickelt. Hier gehörten noch 2018 sieben von acht Regionen zu den Mangelbereichen. Inzwischen ist davon nur noch die Karl-Marx-Allee Süd übrig. Mehr noch: Die anderen sieben Regionen werden der entspanntesten Kategorie zugeordnet, was bedeutet: Es gibt nicht nur Platzreserven, sondern zudem prognostisch sinkenden Bedarf. Dies gilt auch für neun der 16 Pankower Regionen, was noch vor Kurzem als unvorstellbar galt.

Martin Hoyer vom Paritätischen Wohlfahrtsverband nannte am Montag noch einen weiteren Grund für die so ganz andere Entwicklung, die ebenfalls mit der Sozialstruktur zusammenhängt: In den eher bürgerlichen oder angesagten Regionen Pankow oder Friedrichshain-Kreuzbergs gibt es mehr Familien, die es sich zutrauen, selbst eine Kita zu gründen, wenn sie keine Plätze finden.

Ohne eine ausreichende und abgesicherte Finanzierung können die Kita-Träger keine Aufträge erteilen. 

Martin Hoyer, Paritätischer Wohlfahrtsverband

So kommt es, dass sich der Platzmangel nicht nur dort konzentriert, wo es wegen Neubausiedlungen viele Zuzüge gibt, sondern auch dort, wo Eltern sich nicht selbst helfen wollen oder können – in den sozialen Randlagen und unter Geflüchteten. Als Beispiele nennt Hoyer neben dem Falkenhagener Feld und Haselhorst Charlottenburg Nord, Neu Hohenschönhausen, Plänterwald, Baumschulenweg, Gropiusstadt, Märkisches Viertel und Rollbergesiedlung.

Im Umkehrschluss bedeutet dies für den Paritätischen Wohlfahrtsverband, dass das Land anstelle der Eltern beziehungsweise auch ohne Druck der Eltern aktiv werden muss, um den Mangel zu beseitigen. Denn wissenschaftlich nachgewiesen ist, dass Kinder ohne Frühförderung Schaden nehmen – einen Schaden, der auch in der Schulzeit nicht mehr ganz zu kompensieren ist. Vielmehr erleiden die Kinder durch den Mangel an Anregungen Defizite bei der Hirnentwicklung, die teilweise irreversibel sind.

Daraus wiederum folgt, dass das Land genug Geld bereitstellen muss, damit die freien Träger Kitas bauen können. Genau dies passiert aber nicht. Vielmehr sind im Haushaltsentwurf für die Jahre 2022/23 nur insgesamt 56,5 Millionen Euro eingeplant, obwohl das Land in seiner Kitaplanung bis 2025 einen Bedarf von rund 160 Millionen Euro beziffert hatte.

Aber auch diese höhere Summe wäre zu gering, da die Baupreise explodieren, weshalb das Geld im Doppelhaushalt nur noch für etwa zwei Drittel der angedachten Plätze reichen würde. Verbände, Opposition und auch die Jugendpolitiker der Regierungsfraktionen fordern deshalb, den Haushaltsplan zu ändern und deutlich mehr Mittel für Kitaausbau und die Sanierung von Kitaplätzen zur Verfügung zu stellen.

„Investitionen in frühkindliche Bildung sind gut investiertes Geld“, findet denn auch die jugendpolitische Sprecherin der SPD-Fraktion, Ellen Haußdörfer. Mindestens die genannten 160 Millionen Euro müssten daher bis 2025 fließen.

Wenn wir als Stadtgesellschaft wirklich kein Kind mehr zurücklassen wollen, müssen wir jetzt sofort handeln.

Stefan Spieker, Fröbel e.V.

Auch CDU-Jugendpolitiker Roman Simon plädiert dringend dafür, den Förderatlas als erneute Bestärkung für den Kitaausbau zu sehen. „Es reicht nicht, Handlungsbedarf festzustellen – es muss auch gehandelt werden“, sagte er am Montag dem Tagesspiegel. Und zwar „umso mehr, als man bei Erstellung des Kitaförderatlas noch nicht wissen konnte, dass durch den Krieg in der Ukraine nun einige tausend Kinder mehr in Berlin sind“.

Der Förderatlas 2022 ist in Bezug auf die neu Geflüchteten zwar schon etwas überholt, dennoch aber von Bedeutung, da es wegen der Pandemie zwei Jahre lang keinen Atlas gegeben hatte und die beschriebenen Veränderungen in einigen Regionen daher erheblich sind.

„Nach wie vor haben wir in Berlin zu wenig Kitaplätze. Eine gute frühkindliche Bildung ist Voraussetzung für alle Kinder, vor allem für diejenigen, deren Aufwachsen von Armut geprägt ist. Deswegen muss der Kitaausbau weiterhin hohe Priorität für diese Koalition haben“, bekräftigte die bildungspolitische und jugendpolitische Sprecherin der Grünen, Marianne Burkert-Eulitz, am Dienstag.

FDP-Bildungspolitiker Paul Fresdorf forderte denn auch ein „ausreichendes Budget“ für den Kita-Neubau. Zudem müssten Kitagründungen vereinfacht und Vorschriften entschlackt werden.

Der Geschäftsführer des großen Kita-Trägers Fröbel e.V., Stefan Spieker, erinnerte am Montag angesichts der neuen Kitazahlen daran, dass es in Berlin noch immer rund 2000 Fünfjährige ohne Deutschkenntnisse gebe, die keine Kita oder eine andere Vorschulförderung besuchen, obwohl sie dies dem Gesetz nach 18 Monate vor der Einschulung müssten. Der Zusammenschluss „Kita-Stimme“ hatte sich deshalb kürzlich mit einem offenen Brief an Senat und Bezirke gewandt.

Ähnlich wie die Abgeordneten verwies Spieker auf den steigenden Bedarf durch die Vielzahl geflüchteter Kinder aus der Ukraine, die jetzt schnell Plätze benötigten. „Wenn wir als Stadtgesellschaft wirklich kein Kind mehr zurücklassen wollen, müssen wir jetzt sofort handeln und den Kita-Ausbau im aktuellen Haushalt mit deutlich mehr Finanzmitteln ausstatten“, fordert Spieker angesichts dessen, dass der Bau einer neuen Kita zwei bis drei Jahre dauert.

In einer früheren Fassung gab es leider Fehler in der Beschriftung der Grafik, so dass es eine fehlende Übereinstimmung zwischen Text und Grafik gab. Wir bitten dies zu entschuldigen.

Zur Startseite

showPaywall:
false
isSubscriber:
true
isPaid:
true
showPaywallPiano:
false