Die Urzelle der Berliner Quartiersarbeit : Die Notbremser von der Heerstraße

Arbeitslosigkeit, Armut, Elend überall: Das Viertel um die Staakener Heerstraße gilt als gesellschaftlich abgehängt. Trotzdem geht die Kriminalität seit Jahren zurück. Wie kann das sein?

Armenviertel. Viele Menschen im Viertel Heerstraße Nord leben von Sozialleistungen.
Armenviertel. Viele Menschen im Viertel Heerstraße Nord leben von Sozialleistungen.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Zwei ungewöhnliche Gefährten stehen in schwindelerregender Höhe auf dem frei zugänglichen Umlauf eines Hochhauses und schauen über die niedrige Balustrade auf ihr Zuhause. Zu sehen ist eines der Armenviertel Berlins: der Staakener Kiez Heerstraße Nord mit seinen Wohntürmen und anderen vielgeschossigen Betonklötzen.

Der Mann und die Frau kennen sich schon viele Jahre – sie sind Teil eines bemerkenswerten Netzwerkes. Und von hier, dem 17. Stock, die Fassade hinabblickend kann man sie besonders gut betrachten: die Urzelle der sozialen Quartiersarbeit in Berlin, das Gemeinwesenzentrum Heerstraße Nord. 40 Jahre alt, Trutzburg gegen Verwahrlosung, Einsamkeit und Kriminalität.

Ein spezielles Stück Berlin: der Ortsteil Staaken
Ein spezieller Berliner Ort: Links Staaken (1988, mit Berliner Mauer), rechts Staaken (2016, mit frischem Anstrich).Weitere Bilder anzeigen
1 von 73Fotos: Imago, André Görke
07.07.2018 12:45Ein spezieller Berliner Ort: Links Staaken (1988, mit Berliner Mauer), rechts Staaken (2016, mit frischem Anstrich).

Mehr als 60 Prozent der Kinder unter 15 Jahren im Viertel leben in Armut, 26 Prozent der Erwachsenen sind nicht arbeitssuchend gemeldete Sozialleistungsempfänger, etwa Asylbewerber, Süchtige, Kranke, Menschen ohne Bildungsabschluss. Die Arbeitslosenquote der Übrigen ist durchweg deutlich zweistellig.

Mohamed Zaidi und Brigitte Stenner sind neben anderen Sozialarbeitern aus mehr als 40 Einrichtungen und Projekten Lotsen im oft trüben Leben vieler Menschen hier.

Blick von ganz oben: die Siedlung Heerstraße Nord, davor die Einfamilienhäuser.
Blick von ganz oben: die Siedlung Heerstraße Nord, davor die Einfamilienhäuser.Foto: Kai-Uwe Heinrich


"Alle sind arm und trauen sich irgendwie wenig zu"

Er ist 29 Jahre alt, sein großer, gemütlicher Körper schwankt beim Laufen hin und her wie eine Boje bei leichter Brise; sie ist 75 Jahre alt, eine zarte Erscheinung, durch die schwarze Spange im weißen Haar wirkt sie mädchenhaft. Beide sind Spandauer von Geburt, beide wohnen schon lange in dieser Hochhaussiedlung am westlichsten Rande Berlins; sie kennen sich, seitdem der kleine Mo in den Kinderklub des Zentrums kam, in dem seine tunesische Mutter putzte und Brigitte Stenner im Vorstand saß.

Oben auf dem Ausguck, mit dem Blick zum weit entfernten Funkturm, fragt Zaidi Stenner: „Was hast du hier gelernt?“

Stenner: „Dass man was miteinander erreichen kann.“

Er: „Wenn man sich anstrengt.“

Sie: „Die Weltprobleme können wir nicht lösen. Aber hier bei uns kommen doch alle noch miteinander aus.“

Stenner schweigt, dann fragt sie sich: „Aber wie lange noch?“

Er: „Alle meine Freunde haben jetzt Kinder und wohnen immer noch hier. Und alle sind arm und trauen sich irgendwie wenig zu.“

Berlins erste mobile Polizeiwache wurde vor dem Einkaufszentrum in Staaken eröffnet.
Berlins erste mobile Polizeiwache wurde vor dem Einkaufszentrum in Staaken eröffnet.Foto: André Görke

Hochhaussiedlungen wie hier, im Märkischen Viertel oder in der Gropiusstadt waren einst Zeichen für Modernität und Aufbruch. Die Stadtplaner hatten sprichwörtlich hohe Ziele: bezahlbare Mieten, demokratisches Wohnen, soziales Miteinander. Doch weil nun mal die Menschen mit ihren Problemen nicht automatisch zueinanderfinden, schon gar nicht in einer Welt aus Beton, sind die schönen Vorstellungen der Stadtplaner oft Luftschlösser. Die Konstante an diesem Ort ist soziale Unsicherheit; mögen sich die Zeiten auch ändern, die Probleme bleiben gleich. Das Vorurteil lautet: Wo Armut herrscht und eine solche soziale Mischung, muss auch die Kriminalität allgegenwärtig sein. Doch vom Treppenhausbalkon betrachtet, scheint diese Horrorvision so weit entfernt wie die Schleierwolken vom Hochhausdach. Stattdessen guckt man hinab auf eine friedlich wirkende Kulisse, auf sehr viel Grün zwischen dem Beton, auf barrierefreie Zugänge, Spielplätze hinter jeder Hausecke, Basketballkörbe, Fußballkäfige.

Hier greifen Hände ineinander, um die Menschen aufzufangen

Unten, im „Hasenbau“, wie das Gemeinwesenzentrum wegen seiner vielen baulichen Verwinkelungen heißt, steht die Glocke der evangelischen Kirche demonstrativ vor der Tür und soll signalisieren, dass dieses Haus für alle da ist. Das heißt hier in Staaken für knapp 20.000 Einwohner, die auf 16 Hektar wohnen. Eine Frau hastet mit Malstiften für ein Kinderfest aus der Tür, ein Mann sucht schimpfend nach dem Halal-Grill, weil in zwei Stunden in der Kaserne um die Ecke das Zuckerfest mit Anwohnern und Geflüchteten gefeiert wird. Der Pfarrer steigt gerade auf sein Fahrrad und muss los zum Seniorensingen.

Von hier aus haben die sozialen Träger ein Netz aus menschlichem Zuspruch und Daseinsvorsorge für die Anwohner gewoben. Ausgangspunkt war die Idee, dass kirchliche und weltliche Sozialarbeit von einem Ort aus gesteuert werden sollen. Hier greifen Hände ineinander, um die Menschen in einem Viertel, das permanent am sozialen Abgrund hängt, aufzufangen.


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