Ehrung des Ost-Ampelmännchen : Kleiner Mann ganz groß

Immer wieder werden in Berlin die ostdeutschen Ampelmännchen verbaut. Geschätzt sind sie an mehr als 60 Prozent der Ampeln. Und das hat einen guten Grund.

Füssgängerüberweg, Grünphase, Rotphase, Ampelmännchen Fußgängerampel Berlin-Mitte. ©
Füssgängerüberweg, Grünphase, Rotphase, Ampelmännchen Fußgängerampel Berlin-Mitte. ©Foto: Thilo Rückeis

Auch 28 Jahre nach der Wiedervereinigung sind Ostdeutsche in leitender Funktion stark unterrepräsentiert. Ganz anders in leuchtender Funktion: Die Zahl der Ost-Ampelmännchen wächst in Berlin seit Jahren. Seit 2005 werden in der gesamten Stadt die ostdeutschen Männchen verbaut, wenn Ampeln erneuert oder Anlagen neu gebaut werden. Die Verkehrsverwaltung führt keine Statistik, aber schätzt die aktuelle Ossi-Quote auf „mehr als 60 Prozent“.

Die Erfolgsgeschichte ist zum einen den Protesten aus den östlichen Stadtteilen zu verdanken, als dort nach der Wende gemäß den bundesdeutschen Richtlinien plötzlich die ersten der kontur- und charakterlosen Westmännchen auftauchten. Zum anderen sprechen fachliche Erwägungen wie die größere Leuchtfläche für die Grundsatzentscheidung zugunsten des markanten Männchens mit dem Hut.

Der Verkehrspsychologe Karl Peglau entwarf den kleinen Mann 1961 für die Straßen der DDR ganz bewusst in dieser Gestalt, wie er im Gespräch mit dem Tagesspiegel 2005 erklärte: Der rote Ampelmann breitet die Arme aus wie einen Absperrbalken und der grüne schreitet so energisch voran, dass seine Beine eine Pfeilform bilden. „Das Piktogramm ist zu verwerfen“, sagte Peglau damals mit Blick auf den West-Spargel, dem es erkennbar an Dynamik fehlt. Hinzu komme die psychologische Bedeutung der „emotionalen Ansprache“ durch Knollennase und Bauchansatz: Der Mensch vertraue am ehesten jemandem, der ihm selbst sympathisch sei oder sogar ähnele.

Ein ganzes Ampelmann-Imperium

Als Peglau 2009 im Alter von 82 Jahren starb, war sein Zögling bereits unsterblich geworden – dank der Entscheidung der Berliner Verkehrsverwaltung und dank dem Tübinger Designer Markus Heckhausen, der aus den nach der Wende ausgemusterten Leuchtscheiben von Fußgängerampeln zunächst Lampen für den Hausgebrauch baute. Die wurden zur Keimzelle des Ampelmann-Imperiums, zu dem längst nicht mehr nur Läden gehören, sondern auch ein Restaurant in den S-Bahn-Bögen, in dem Eltern mit Blick auf den Berliner Dom Ampelmannbier trinken können, während die Kinder die rote Ampelmannnudelsoße auf die Ampelmannlätzchen kleckern, die die Eltern anschließend in der Ampelmanntasche verstauen können, in der sich auch die Ampelmanngummimännchen für kleine Notfälle befinden.

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Auf die Liste der bedrohten Arten gehört der kleine Kerl also gewiss nicht. In mehreren Städten leuchten auch Ampelfrauen an den Kreuzungen, die sich aber nur lokal durchsetzen konnten. Sonst gilt: Draußen nur Männchen.

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