• "Erbstreit" bei der Werkstatt der Kulturen: Intransparenz, Mitarbeiter nicht übernommen, Ideenklau

"Erbstreit" bei der Werkstatt der Kulturen : Intransparenz, Mitarbeiter nicht übernommen, Ideenklau

Die ehemalige Werkstatt der Kulturen in Berlin-Neukölln heißt jetzt „Oyoun“. Ex-Gesellschafterinnen und Mitarbeiter erheben schwere Vorwürfe.

Die ehemalige Werkstatt der Kulturen, hier ein Konzert im Sommer 2019, war bekannt für Veranstaltungen der migrantischen Community.
Die ehemalige Werkstatt der Kulturen, hier ein Konzert im Sommer 2019, war bekannt für Veranstaltungen der migrantischen...Foto: imago images / POP-EYE

Am 14. März soll die ehemalige Werkstatt der Kulturen (WdK) in der Neuköllner Wissmannstraße als neuer Kulturstandort eröffnet werden – unter dem Namen „Oyoun“ und mit einem neuen Träger namens „Kultur NeuDenken“ (KND). Doch schon seit Wochen knirscht es. Nachdem erst kürzlich drei von fünf Frauen das neue Führungsteam aufgrund von Streit verließen, werden jetzt schwerwiegende Vorwürfe laut.

In einem Statement, das dem Tagesspiegel vorliegt, weisen die nun ausgeschiedenen Gesellschafterinnen Tmnit Zere und Saskia Köbschall sowie die bisherige Künstlerische Leiterin Nathalie Mba Bikoro eine Erklärung der verbliebenen Leitung der KND zurück, wonach „externer Druck“ die Ursache für die Spaltung gewesen sei. „Tatsächlich begründet sich unser Rücktritt durch den Vertrauensverlust gegenüber der Geschäftsführung und der zunehmenden Gewissheit, dass die Entscheidungen der Geschäftsführungen weder in unserem Einvernehmen, noch im Interesse des Hauses getroffen wurden“, heißt es in dem Statement.

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Die drei Frauen kritisieren, sie seien von der übrigen Leitung der KND nicht informiert worden, dass unbefristet beschäftigte Mitarbeiter der ehemaligen Werkstatt der Kulturen nicht übernommen wurden, obwohl dies zugesichert worden war. Wie der Tagesspiegel aus mehreren Quellen erfuhr, sollen mindestens vier ehemalige Mitarbeiter betroffen sein. Deshalb laufen jetzt offenbar drei arbeitsgerichtliche Verfahren gegen die neue Trägerin KND.

Eine Person, die nach eigener Aussage einen unbefristeten Vertrag hatte, erklärte auf Nachfrage des Tagesspiegels: „KND begründet das damit, dass es keinen Betriebsübergang gibt.“ Dabei habe sie alle Bedingungen erfüllt, um übernommen zu werden und der Übernahme auch nicht widersprochen.

Ehemalige Gesellschafterinnen bemängeln Intransparenz

KND-Geschäftsführerin Louna Sbou bestätigte telefonisch, dass „ein gerichtliches Verfahren“ laufe. Die neue Trägerin KND habe alle Mitarbeiter mit unbefristeten Arbeitsverträgen übernehmen wollen. „Dabei bleibe ich. Die bisherigen Mitarbeiter sind eine große Bereicherung für das Haus.“ Sbou sagt, es gebe zwei Mitarbeiter, die der Übernahme nicht zugestimmt hätten. Mehr könne sie wegen des laufenden Verfahrens nicht sagen.

In ihrem Statement kritisieren Zere, Bikoro und Köbschall zudem, die Geschäftsführung der KND habe sie nicht darüber informiert, inwiefern eine Vereinbarung mit der ehemaligen Leiterin der Werkstatt der Kulturen, Philippa Ebéné, eingehalten wurde. Diese Vereinbarung sei bereits im vergangenen Jahr getroffen worden. Sie werfen der Geschäftsführung strukturelle Diskriminierung, eine „neoliberale Herangehensweise beim Management des Ortes“, das Zurückhalten rechtlich relevanter Mitteilungen und Informationen sowie die Weitergabe vertraulicher kritischer Aussagen aus der Community an die Senatsverwaltung für Kultur und Europa vor.

Betrieb die Geschäftsführung Ideenklau?

Außerdem werfen die drei Frauen der Geschäftsführung indirekt Ideenklau vor. Ein von ihnen vorbereitetes Projekt habe die Geschäftsführung der KND für sich reklamiert und mit einem neuen Namen versehen. Für das geringfügig abgeänderte Konzept sei dann ein Förderantrag gestellt worden.

Die neue Führung werde dem „Erbe“ des Kulturstandortes nicht gerecht, erklären die drei Frauen und verweisen auf die bisherige Rolle der Werkstatt der Kulturen in der migrantischen Gemeinschaft Berlins.

Ehemaliger Bandleader: „Feindliche Übernahme“

Auch der Musiker und Bandleader Fuasi Abdul-Khaliq, der in der ehemaligen WdK die „Hommage-Sessions“ kuratierte, äußerte in einem offenen Brief an die Senatsverwaltung für Kultur heftige Kritik. Abdul-Khaliq erklärt darin, dass der bisherige Fokus der WdK auf künstlerische und kulturelle Vielfalt, transkulturellen Austausch und Inklusion mit der neuen Führung offenbar verloren gegangen sei.

„Als ein Mitglied der WdK-Gemeinschaft seit ihren Anfängen 1993 bis heute, bin ich nicht in der Lage, irgendetwas positives in dieser feindlichen Übernahme zu sehen“, formuliert Abdul-Khaliq drastisch. Die WdK sei der einzige Ort der Stadt gewesen, in dem Jazz-Musiker*innen institutionell gefördert wurden, schreibt er weiter. Es wäre der richtige Moment, der Gemeinschaft die WdK zurückzugeben, fordert er.

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