• Frühgeschichte Berlins: Die Prinzessin ist ein Prinz - was ein Skelett über die Stadt verrät

Frühgeschichte Berlins : Die Prinzessin ist ein Prinz - was ein Skelett über die Stadt verrät

Ein Jahrhunderte altes Skelett, gefunden in Britz, wird neu erforscht. Es liefert erstaunliche Erkenntnisse über die Ursprünge Berlins.

Knochenjob. Vor knapp 70 Jahren wurde das Skelett entdeckt, viele Geheimnisse hat es aber noch nicht preisgegeben.
Knochenjob. Vor knapp 70 Jahren wurde das Skelett entdeckt, viele Geheimnisse hat es aber noch nicht preisgegeben.Foto: Thilo Rückeis

Es war einmal, vor langer, langer Zeit, fast anderthalb Jahrtausende muss es her sein.

Da starb dort, wo heute Neukölln liegt, ein Mensch, nicht alt, mehr ein Kind noch als ein Erwachsener.

Man hob eine Grube aus und bettete den jungen Leichnam hinein, die Füße nach Osten, den Kopf nach Westen, das Gesicht der aufgehenden Sonne entgegen, wie es Sitte war.

Einen Kamm gab man mit ins Grab, eine Glasschale, eine Tasche mit eisernem Verschluss. Dem Leichnam presste man eine Goldmünze zwischen die kalten Lippen, als Gabe für den Fährmann, der die Toten ins Jenseits rudert. Dann schüttete man die Grube zu.

Verrostet bis zur Unkenntlichkeit

Jahre vergingen, Jahrzehnte, Jahrhunderte. Insekten fraßen das Fleisch des Leichnams, seine Kleidung löste sich auf, nur zwei bronzene Gewandschnallen blieben übrig, sie sackten zwischen die kahlen Knochen. Auch die Tasche zersetzte sich, allein ihr Verschluss blieb im Erdreich haften, verrostet bis zur Unkenntlichkeit, genau wie die Eisengeräte im Tascheninneren, ein Schlüssel vielleicht, eine Schere, ein Messer.

Zwischen den Kieferknochen ruhte die Goldmünze.

Und oben wuchs langsam Berlin.

Am 28. März 1951, einem Mittwoch kurz vor dem Osterwochenende, stießen Bauarbeiter beim Abtragen eines Lehmhügels im Neuköllner Ortsteil Britz auf etwas Hartes. Als sie vorsichtig weitergruben, entdeckten sie Knochen.

Die Männer waren dabei, den neuen Park am Buschkrug zu gestalten, an dessen südöstlichem Ende der Hügel lag, Blaschko- Ecke Buschkrugallee. Der Vorarbeiter verständigte umgehend das Berliner Museum für Vor- und Frühgeschichte, dessen Mitarbeiter am Folgetag an der Fundstelle eintrafen. Zwei Skelette hatten die Arbeiter zu diesem Zeitpunkt freigeschaufelt, beigesetzt etwa zwei Meter voneinander entfernt, das eine deutlich besser erhalten als das andere.

Die Museumsleiterin. Marion Bertram ist die stellvertretende Direktorin des Museums für Vor- und Frühgeschichte.
Die Museumsleiterin. Marion Bertram ist die stellvertretende Direktorin des Museums für Vor- und Frühgeschichte.Foto: Thilo Rückeis

Gertrud Dorka, die Direktorin des Museums, ahnte schnell, dass der Fund ein besonderer war. Speziell die Beigaben im Grab des vollständigeren Skeletts ließen die Historikerin aufmerken: Die Gewandschnallen, die Glasschüssel, der Kamm, die Goldmünze – alles deutete auf ein Begräbnis der Merowingerzeit hin, 5. bis 6. Jahrhundert, an der Schwelle von der Antike zum frühen Mittelalter, eine notorisch unterbelichtete Epoche, die im Berliner Raum nur sehr wenige Spuren hinterlassen hat.

Ein paar Jahrzehnte zuvor, im Januar 1912, hatten Bauarbeiter etwa zwei Kilometer nördlich der jetzigen Fundstelle das berühmte „Reitergrab von Neukölln“ entdeckt, die Ruhestätte eines etwa 40-jährigen Mannes, der zusammen mit seinem Pferd beigesetzt worden war. Abgesehen von einer Handvoll weiterer, schlechter erhaltener und weniger reich ausgestatteter Gräber in Neukölln, Mitte, Pankow und Spandau war das Reitergrab lange Berlins einziger bedeutender Fund der Merowingerzeit gewesen. Bis zu jenem Tag im März 1951.

"Eine Prinzessin", munkelte man bald

Nachdem die Knochen freigelegt und abtransportiert worden waren, landeten sie auf dem Untersuchungstisch des Anthropologen Hans Grimm. Bei dem Skelett, von dem nur Fragmente erhalten waren, fiel es Grimm relativ leicht, das Geschlecht und ungefähre Sterbealter zu bestimmen: Aus der Schädelform und dem Grad der Zahnabnutzung schloss der Anthropologe auf einen Mann, der zum Todeszeitpunkt etwa 30 bis 35 Jahre alt gewesen sein dürfte.

Das vollständigere der beiden Skelette war kleiner, noch nicht ganz ausgewachsen, es musste zu einem deutlich jüngeren Menschen gehört haben. Wegen der zarten Gesichtsformen tippte Grimm auf ein Mädchen, das aus unbekannten Gründen mit etwa 16 Jahren verstorben war. Die Tote musste, wie sich an den wertvollen Grabbeigaben ablesen ließ, in ihrem sozialen Umfeld zur Oberschicht gehört haben – eine „Prinzessin“, wie man in den Gängen des Museums bald munkelte.

Der Name blieb hängen. Als „Britzer Prinzessin“ ging das Skelett in die Berliner Historie ein. Ihr Name taucht in jedem Abriss zur frühen Regionalgeschichte auf, ihr Kamm aus Hirschhorn ist in der Dauerausstellung des Bezirksmuseums Neukölln zu sehen, ihre Gebeine wurden bis 2009 im Schloss Charlottenburg gezeigt und ruhen seitdem im Magazin des Museums für Vor- und Frühgeschichte.

Jedenfalls ruhten sie dort bis vor Kurzem.

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