Fußgängerlobby : Berliner Initiative fordert höheres Bußgeld für Gehwegradler

Radfahren auf dem Gehweg spielt in der Berliner Unfallstatistik keine Rolle. Trotzdem will ein Verein das Bußgeld auf bis zu 60 Euro erhöhen. Ist das sinnvoll?

Ein Verein das Bußgeld für das Radeln am Gehweg von 15 auf bis zu 60 Euro erhöhen.
Ein Verein das Bußgeld für das Radeln am Gehweg von 15 auf bis zu 60 Euro erhöhen.Foto: Robert Günther/dpa

Es wird immer schlimmer. Das hört man oft – aber selten so einhellig wie beim Thema „Radfahren auf Gehwegen“. Senioren berichten, dass sie sich kaum noch vor die Haustür trauen aus Angst, auf dem Trottoir umgefahren zu werden. Eltern haben Angst um ihre Kinder und selbst fitte Gewohnheitsläufer sind hochgradig genervt davon, wie ihnen ihr ohnehin oft nicht üppiger Platz streitig gemacht wird.

Der Boom des Radverkehrs, der mit zunehmend schnellen und leisen Rädern einhergeht, verschärft die Probleme. Auf dieser Gemengelage basiert die kürzlich bei einer Anhörung im Verkehrsausschuss des Abgeordnetenhauses erhobene Forderung des Fachverbandes FUSS e. V., das Radfahren auf Gehwegen künftig mit 60 Euro zu bestrafen. Bisher kommt man mit 15 Euro davon, sofern man überhaupt erwischt wird. Zeit für einen Blick auf Fakten und Regeln.

Weniger als 0,07 Prozent Unfallquote

In der Unfallstatistik der Berliner Polizei spielt das gefühlte Großthema nur eine winzige Rolle: Von gut 143.000 registrierten Verkehrsunfällen im vergangenen Jahr wurden ganze 99 von Gehwegradlern verursacht – weniger als 0,07 Prozent. Selbst wenn man nur die rund 2600 Unfälle betrachtet, an denen mindestens ein Fußgänger beteiligt war, kommen Gehwegradler auf weniger als vier Prozent.

Den größten Teil „ihrer“ Unfälle verursachen Fußgänger selbst – durch „Missachtung des Fahrzeugverkehrs“ (859 Fälle), gefolgt vom Gehen bei Rot (253) und „plötzlichem Hervortreten“ hinter Sichtbarrieren, überwiegend jenseits von Querungshilfen wie Ampeln, Zebrastreifen und Mittelinseln. In wie vielen Fällen es sich bei jenen Hindernissen um illegal parkende Autos handelt und wie oft der „missachtete Fahrzeugverkehr“ zu flott unterwegs war, verrät die Statistik nicht.

Und bei einem weiteren subjektiven Hauptproblem, dem rücksichtslosen Radeln durch Haltestellen der BVG, sieht die Unfallbilanz ebenfalls harmlos aus: 35 solcher Fälle wurden 2017 registriert. Gemessen an den Unfallhäufungen, die die Polizei vor allem in den dunklen Herbst- und Wintermonaten insbesondere zwischen 16 und 18 Uhr an Werktagen registriert, ist das marginal.

Siegfried Brockmann, der die Unfallforschung der Versicherer (UdV) leitet, erklärt die Diskrepanz zwischen Gefühl und Statistik mit der mutmaßlich großen Dunkelziffer: Während bei Crashs zwischen obligatorisch versicherten Autos meist die Polizei geholt werde, dürften sich nichtmotorisierte Verkehrsteilnehmer oft an Ort und Stelle einigen, sofern niemand schwer verletzt wurde – und sofern der Radfahrer nicht flüchtet, womit er übrigens eine Straftat beginge.

„Ich teile die Diagnose, dass es so nicht bleiben kann“, sagt Brockmann zum Alltag auf den Berliner Gehwegen. „Höhere Bußgelder fände ich super – aber nur, wenn die Verhältnisse gewahrt bleiben.“ Als Beispiel nennt Brockmann das gigantische Gefahrenpotenzial eines Autos, das in der Stadt mit Tempo 70 (oder noch etwas darüber, da die Polizei stets eine Toleranz abzieht) geblitzt wird.

Solange der Fahrer für diesen Verstoß nur 35 Euro zahlen müsse und noch nicht einmal einen Punkt in Flensburg bekomme, „kann es nicht sein, dass Radfahren auf dem Gehweg 60 Euro kostet“, sagt der Unfallforscher. Folglich müsse ein Gesamtpaket her, „zumal die Bußgelder in Deutschland im internationalen Vergleich lächerlich niedrig sind“. Hinzu komme die mangelnde Polizeipräsenz: Wenn man schon so selten erwischt werde, müsse es wenigstens wehtun.

Die Aggression wird durchgereicht

Ein Sonderfall ist die östliche Innenstadt, in der sich die Zahl der erwischten Gehwegradler nach dem Start der polizeilichen Fahrradstaffel 2014 vervierfachte. Seitdem versuchen die 20 Fahrradpolizisten, den Druck zu halten. Oft stehen sie auch an Fußgängerampeln wie vor dem Alexa-Kaufhaus und in der Bernauer Straße, wo viele Radfahrer bei Rot kaum bremsen und permanent Fußgänger gefährden.

„Manchmal kommen wir zu dritt kaum mit dem Aufschreiben nach“, berichtet eine Beamtin – und rückt zugleich den verbreiteten Irrtum zurecht, dass eine auf dem Bürgersteig umkurvte rote Ampel eben nicht als Gehwegradeln zählt, sondern als weitaus teurerer Rotlichtverstoß.

Ein großer Teil der Misere beruht auf Gedankenlosigkeit, mangelnder Empathie und Bequemlichkeit: Nebenstraßen mit Holperpflaster laden ebenso zum Gehwegradeln ein wie Magistralen, auf denen Autofahrer die Radler bedrängen. Die vergessen oder ignorieren dann, dass sie mit Tempo 20 oder mehr auf dem Gehweg für Fußgänger genauso unangenehm sind, wie sie selbst den Autoverkehr empfinden. Während es auf den Straßen der Stadt immer voller wird und die Polizei immer weniger präsent ist, wird die Aggression gewissermaßen durchgereicht bis zu den Schwächsten.

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Viele wünschen sich eine Kennzeichenpflicht für Fahrräder, damit Rowdys nicht unerkannt verschwinden können. UdV-Chef Brockmann hält wenig von dieser Idee: Ohne ein Foto des Radlers oder sehr aufmerksame Zeugen hätte man im Streitfall später auch mit Kennzeichen am Rad kaum Chancen, den Fahrer gerichtsfest zu belangen.

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