Ein großes Problem ist die zunehmende Resistenz von Erregern

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Hygiene im Krankenhaus : Der Kampf gegen die Keime
Wichtigste Waffe: Ärzte und Pfleger sollten sich die Hände desinfizieren – vor jedem Patientenkontakt.
Wichtigste Waffe: Ärzte und Pfleger sollten sich die Hände desinfizieren – vor jedem Patientenkontakt.Foto: dpa/Patrick Pleul

MRSA, der multiresistente Staphylococcus aureus, ist wohl der auch bei Laien bekannteste multiresistente Erreger. Er ist unter anderem in der Nase und auf der Haut zu finden. Er ist aber nicht der am weitesten verbreitete. Das sind multiresistente sogenannte „Gram-negative“ Erreger (im Medizinerdeutsch MRGN abgekürzt) – benannt übrigens nach einem dänischen Wissenschaftler, der diese Methode vor über 100 Jahren im Vivantes Klinikum im Friedrichshain entwickelt hat. Diese Winzlinge halten sich gerne, aber nicht nur, im Darm auf. „Teilweise beobachten wir bereits Erreger, bei denen alle üblicherweise eingesetzten Antibiotika nicht mehr wirksam sind“, sagt Charité- Hygienikerin Petra Gastmeier. „Sie versetzen die Ärzte in eine Situation zurück wie vor dem Zweiten Weltkrieg, als es noch keine Antibiotika gab.“ Einzige Gegenmaßnahmen sind Basishygiene und Kontaktisolation des Kranken. Trotz solcher Gegenmaßnahmen: Allein können die Kliniken dieses Problem nicht lösen. „Gesamtgesellschaftlich muss der Einsatz von Antibiotika reduziert und optimiert werden, um die Ausbreitung multiresistenter Bakterien zu vermeiden“, sagt Petra Gastmeier. „Das betrifft sowohl Landwirtschaft als auch Humanmedizin.“

Gefährlich sind in Krankenhäusern auch Legionellen, die sich im Wasser vermehren und bei Menschen mit geschwächtem Immunsystem eine lebensgefährliche Lungenentzündung auslösen können. Spezialfilter unter dem Wasserhahn könnten helfen. Nach vier Wochen müssen sie erneuert werden. Kosten: 20 Euro pro Stück. Das kann sich ein Klinikum nicht für Tausende von Hähnen leisten. Da kommen schnell Millionen zusammen. Doch der richtige Einsatz des Geldes kann real Leben retten. Mit konsequenter Vorsorge ließen sich die Ansteckungszahlen verringern: „Bei den Kliniken, die sich KISS anschließen und sich dadurch erstmals richtig mit dem Thema beschäftigen, beobachten wir oft einen Rückgang der Infektionszahlen um 20, manchmal sogar 30 Prozent“, sagt Petra Gastmeier.

Wie bewertet man den Erfolg?

Zahlen, deren Allgemeingültigkeit sich jedoch nur schwer beweisen lässt. Denn die Hygiene-Überwachungssysteme stecken in einem grundsätzlichen Dilemma, wenn es um die Bewertung des Erfolges geht. Eigentlich gibt es nur zwei harte Fakten zur Beurteilung der Qualität der Maßnahmen: die Zahl der Patienten, die sich im Krankenhaus infiziert haben, und die Zahl derjenigen, die daran gestorben sind. Doch keines der beiden Systeme – weder das KISS noch das zweite Vivantes-System – liefert eine solche Zahl, einfach deshalb, weil dafür ständig sämtliche Patienten und deren Infektionen überwacht werden müssten. Schon die Schätzungen, wie viele Patienten pro Jahr an einer im Krankenhaus erworbenen Infektion sterben, sind schwierig. Manche sprechen von 40 000 Toten, Gastmeier von 10 000 bis 15 000. Vivantes-Kollege Brandt hält diese Zahl für wahrscheinlicher.

Es gibt jedoch von Krankenhaus zu Krankenhaus Unterschiede beim Erfolg im Kampf gegen die Keime. Die Öffentlichkeit will darüber erfahren. Doch die KISS-Daten seien dafür nicht geeignet, sagt Brandt. „Wenn die Kliniken öffentlich an diesen Zahlen gemessen werden, besteht die Gefahr, dass nicht mehr jeder ehrlich meldet.“ Belastbare Zahlen sind in diesem Bereich also weiterhin Mangelware. Vor diesem Hintergrund hatte der Gemeinsame Bundesausschuss, das Selbstverwaltungsgremium im deutschen Gesundheitswesen, in dem Ärzte, Kassen, Kliniken und auch Patientenvertreter sitzen, ein wissenschaftliches Institut beauftragt, ein Qualitätsindikatorensystem für die Klinikhygiene aufzubauen. Dieses ging – nach einigen Verzögerungen – 2017 an den Start und soll vor allem Wundinfektionen erfassen, die sich Patienten nach einer OP einfangen. Der öffentliche Druck war einfach zu hoch, eine verbindliche Hygiene-Qualitätsmessung zu etablieren.

Am Thema Infektionsvermeidung kommen die Kliniken nicht mehr vorbei, ebenso wenig daran, sich öffentlich an ihren Erfolgen messen zu lassen. Spätestens beim nächsten Ausbruch gefährlicher Infektionen auf Frühgeborenenstationen werden die Fragen wieder drängender.

Die Vergleichstabelle mit Angaben zur Klinikhygiene und zu Klinikinfektionen von 50 Berliner Krankenhäusern finden Sie im Magazin „Tagesspiegel Kliniken Berlin 2018/2019“. Es enthält auch erklärende Texte zu 62 Erkrankungen von Augenheilkunde bis Urologie. Das Magazin kostet 12,80 Euro und ist erhältlich im Tagesspiegel- Shop, www.tagesspiegel.de/shop, Tel. 29021-520 sowie im Zeitschriftenhandel.

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