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Beim Frauenkrisentelefon haben immer mehr Anruferinnen psychische Probleme.

© dpa

Das Frauenkrisentelefon Berlin verzeichnet in der Pandemie weit mehr Anruferinnen als sonst. Frauen berichten zunehmend von häuslicher Gewalt – und Einsamkeit.

Natürlich werden Männer nicht brüsk abgewimmelt, natürlich hören sie am Telefon, sie mögen sich doch bitte an eine andere Einrichtung wenden, hier seien sie leider falsch. Andererseits: Das hätten sich die Männer ja auch denken können, bevor sie die Berliner Nummer 615 42 43 gewählt haben. Die Adresse heißt ja nicht ohne Grund „Frauenkrisentelefon“.

Denn diese Anlaufstelle ist ausschließlich für Frauen gedacht. „Es ist wichtig, dass es so etwas gibt“, sagt Gertrud Anneken. „Frauen haben oft spezifische Themen, das können gesellschaftliche oder finanzielle Fragen sein. Oder es geht um Benachteiligung, die Mutterrolle oder Fragen zur Arbeit.“

Die Diplom-Pädagogin Anneken, auch zur systemischen Familientherapeutin ausgebildet, ist eine der drei hauptamtlichen Mitarbeiterinnen des Vereins „Frauenkrisentelefon“. Unterstützt werden sie von sieben ehrenamtlichen Beraterinnen, alle Psychologinnen, Erziehungswissenschaftlerinnen oder Pädagoginnen. Das „Frauenkrisentelefon“ mit Sitz in Kreuzberg bietet auch Onlineberatung per Mail und per Chat an.

In der Pandemie, sagt Gertrud Anneken, „hat sich alles noch verschärft, weil alle aufeinander sitzen“. Oder, im Gegenteil, weil die sozialen Kontakte fehlen, die im normalen Alltag psychische Stabilität gewährleisten. Einsamkeit ist ein wichtiges Thema bei den Beratungen. Einsamkeit hat viele Facetten, es ist nicht immer bloß die physische Einsamkeit. Sie ist auch bei Fragen ohne klare Antworten spürbar. „Viele Frauen sind unsicher, wie sie sich verhalten sollen“, sagt Gertrud Anneken. Deshalb greifen sie zum Telefon oder mailen.

Unsicherheit löst viele Fragen aus: Wie verhalte ich mich meinem Arbeitgeber gegenüber richtig? Wie in der Beziehung? Wann soll ich Grenzen setzen, wie weit können diese Grenzen gehen? Soll ich mich von meinem Partner trennen? Aber auch: Wie verhalte ich mich gegenüber einer Nachbarin, mit der ich Stress habe? Dass hinter diesen Fragen oft auch das Thema Einsamkeit steckt, das erkennen viele Anruferinnen nicht sofort.

Erst nach und nach kommt das Thema Einsamkeit

Gertrud Anneken zufolge geht es „erstmal um verschiedene Themen, erst dann kommt das Thema Einsamkeit. Viele reflektieren das erst im Verlauf eines Gesprächs.“ Und viele Frauen machten ihre Probleme, ihre Suche nach Antworten erstmal mit sich selber aus. Erst wenn sie dann endgültig gefühlt an Grenzen stoßen, rufen sie an.

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Unter dieser Nummer werden aber generell sehr viele Themen behandelt, vom allgemeinen Mobbing bis zur sexualisierter Gewalt. „Die Palette der Probleme ist breit“, sagt Anneken.

Manchmal steht auch plötzlich ein ganz hartes, sehr düsteres Thema im Raum. Wenn das Wort „Vergewaltigung“ fällt, dann ist das „Frauenkrisentelefon“ nur eine Zwischenstation bei der Suche nach der bestmöglichen Hilfe. Die Mitarbeiterinnen raten dann unbedingt zum Gang zur Polizei und zu professioneller Hilfe, etwa zu „LARA“, der Fachstelle für sexualisierte Gewalt gegen  Frauen.

Die meisten Frauen, die anrufen, sind mindestens Ende 20

Die meisten Frauen, die sich beim „Frauenkrisentelefon“ melden, sind mindestens Ende 20. Und je älter die Anruferinnen sind, umso höher ist ihre Zahl. Nach oben gibt es keine Altersgrenze.

Seit 1982 ist der Verein aktiv, da ist sehr vieles Routine. Aber die Pandemie, die ist keine Routine, die ist ein Sonderfall, auch für das „Frauenkrisentelefon“. Gertrud Anneken kann die Ausnahmesituation gut bilanzieren, sie muss sich bloß das Jahr 2020 ansehen. 1221 Frauen haben sich im vergangenen Jahr gemeldet, insgesamt gab es 3028 Beratungen. 965 Mal meldeten sich Frauen mit psychischen Problemen, das entspricht 77 Prozent aller Anruferinnen. Eine Steigerung gegenüber dem Jahr 2019 um 22 Prozent.

[Die Rufnummer 030 / 615 42 43 ist täglich erreichbar, die Sprechzeiten sind auf www.frauenkrisentelefon.de zu finden. Jede Frau in Not kann auch einen Gesprächstermin vereinbaren oder auf den Anrufbeantworter sprechen. Mailkontakt via info(@)frauenkrisentelefon.de. Spendenkonto: Frauenkrisentelefon e.V., IBAN: DE96 1203 0000 0018 0836 67, SWIFT BIC: BYLADEM1001]

Viele Frauen, die sich meldeten, hatten „verstärkt an Einsamkeit bis hin zur Isolation und dem Wegfall oder der Reduzierung von bereits installierten Hilfen“ gelitten, sagt Anneken. Die Intensität der Beratungen steigerte sich entsprechend, die Beratungszeiten dehnten sich auf bis zu 70 Minuten aus. Vor allem aber baten „die Frauen häufiger als sonst um einen weiteren telefonischen Termin“.

Frauen die oft anrufen, brauchen trotzdem zusätzliche Termine

Mehrere Telefonate waren nötig, „weil erst dann eine ziel- beziehungsweise ressourcenorientierte Beratung“ angeboten werden konnte, sagt Anneken. Bemerkenswert auch: Frauen, die seit Jahren regelmäßig angerufen haben, meldeten sich in der Pandemiezeit häufiger als sonst. Aus schierer Not: Ihre anderen Hilfssysteme war nicht erreichbar.

Und auch eine typische Begleiterscheinung von Corona war spürbar. Den Anstieg häuslicher Gewalt konnte das „Frauenkrisentelefon“ mit eigenen Zahlen belegen. Die Zahl der Frauen, die bei den Erst- und Reihe-Beratungen von Gewalt erzählten, nahm zu.

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Beratungen finden schon lange nur am Telefon oder online statt. Persönliche Gespräche sind längst unmöglich, der Beratungsraum des Vereins ist für Kontakte mit Mindestabstand viel zu klein. Sieben Tage pro Woche ist das Krisentelefon zu erreichen, allerdings aufgrund der Personalsituation täglich jeweils nur zwei Stunden, die Zeiten sind im Internet nachzulesen. Die ehrenamtlichen Beraterinnen führen auch am Wochenende und an den Feiertagen die Gespräche. Beratungen mit telefonischen Terminvereinbarungen außerhalb der regulären Beratungszeiten werden dagegen ausschließlich von den hauptamtlichen Mitarbeiterinnen übernommen.

Mehr als maximal zehn ehrenamtliche Beraterinnen gibt es nicht

Der Verein arbeitet ungefähr alle 18 Monate neue ehrenamtliche Mitarbeiterinnen ein. Mehr als maximal zehn ehrenamtliche Beraterinnen gibt es aber nicht. Deshalb gibt es eine Regel. Wer bereits neun Mal angerufen hat, bekommt bei seinen nächsten Anrufen jeweils nur ein Zeitfenster von 20 Minuten. Sonst gingen die Gespräche auf Kosten von anderen Frauen, die seltener die Nummer wählen und großen Gesprächsbedarf haben.

Und weil die eigene Psychohygiene ganz wichtig ist, gibt es für die Beraterinnen abwechselnd eine Supervision oder Fallbesprechungen. Es kommt immer wieder vor, dass eine Beraterin ein bestimmtes Gespräch erwähnt, das sie besonders mitgenommen hat. Dann wird darüber geredet, es wird nach dem entscheidenden Punkt für das Unwohlsein geforscht. Und wenn möglich, wird er aufgearbeitet. „Da hat ja jeder einen anderen Punkt“, sagt Anneken. Der Einsatz externer Dozenten hängt von der Kassenlage ab. Das Frauenkrisentelefon lebt von finanziellen Unterstützern, Spenden sind deshalb immer willkommen.

Aber nicht immer werden Männer, die die Nummer 615 42 43 wählen, höflich an andere Einrichtungen verwiesen. Es gibt auch Situationen, in denen sie länger in der Leitung bleiben. Wenn sie im Auftrag einer Frau anrufen, dann können sie ausführlich ihr Problem schildern. „Aber so etwas“, sagt Gertrud Anneken, „kommt selten vor.“

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