Junge Migranten und Polizisten : Wenn "der Bulle" vom Feind zum Sport-Kamerad wird

Die Migranten werden mit dem Streifenwagen abgeholt - und zum Sport mit der Polizei gebracht. Hauptkommissar Mantei hat den Bundespreis für Demokratie bekommen.

Migranten und Polizisten in Wedding spielen Football.
Migranten und Polizisten in Wedding spielen Football.Foto: privat

Die Polizei kann auch anders. Ganz gewiss im Polizeiabschnitt 36 in Wedding. Da rappen die Beamten auch - wenn es der Sache dient. In diesem Sommer wurde ein Musikvideo zum Thema Respekt und Toleranz auf Youtube zum Hit. Neben Rappern wie Cop36 war auch die Polizeipräsidentin Barbara Slowik und die SPD-Bundestagsabgeordnete Eva Högl zu sehen. Im Kiez rund um die Soldiner Straße brachte es den Ordnungshütern in Uniform wieder viel Respekt ein. Darum geht es beim erfolgreichen Projekt „Kiezbezogener Netzwerkaufbau“ (KbNA), das vor zehn Jahren gegründet wurde. Am 21. Oktober im Roten Rathaus wird es mit einem Festakt gefeiert.

„Mit gemeinsamen Aktionen sollen Brücken zwischen jungen Migranten und der Polizei gebaut werden, die zum besseren Verständnis füreinander und einem respektvollen Umgang miteinander beitragen.“ So trocken hörte sich einst das Ziel des Projekts an, dass der Sozialarbeiter Yousef Ayoub 2009 begründete – damals war er selbst noch in der Ausbildung und im Soldiner Kiez aufgewachsen. Ayoub nennt es ein Glück, dass die Polizisten damals offen waren für seine Idee. Er sei damals mit offenen Armen im Revier empfangen worden, erinnert sich Yousef Ayoub.

Inzwischen ist KbNa zu einem echten Erfolgsprojekt geworden, dass den soziale schwierigen Soldiner Kiez in Gesundbrunnen-Kiez positiv verändert und vor allem friedlicher gemacht hat. „Sehr zufrieden“ sei er mit dem Ergebnis, sagt Ayoub, der heute als Erzieher in der Wilhelm-Hauff-Grundschule arbeitet. Und natürlich ist er auch stolz darauf, was sich entwickelt hat und dass „wir so viele Jugendliche erreichen konnten“. Entstanden ist in den Jahren ein ganzes Netzwerk, in der 34 Organisationen, Moscheen, Schulen und Einrichtungen und die Polizei zusammenarbeiten. KbNa erhält keinerlei öffentliche Gelder, die sieben Aktiven des Vereins arbeiten ehrenamtlich – und was Ayoub wichtig ist: „Wir nutzen die Ressourcen und die Unterstützung  aus dem Kiez“.

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Ayoub und die Polizisten Eckard Mantei und Boris Meckelburg vom Abschnitt 36 haben mit ihrer Zusammenarbeit dafür gesorgt, dass viele Jugendliche die Polizei nicht mehr als Feindbild, sondern als Partner beim gemeinsamen Ziel eines coolen Miteinanders sehen. Auf beiden Seiten hätten sich Vorurteile abgebaut. Dazu trägt bei, dass die Jugendlichen jede Woche in einer Sporthalle der Polizei gegen die Beamten Fußball spielen -  ohne Fouls, ohne Beleidigungen, mit Fairplay. Sich näher kommt man sich auch beim Boxen oder Selbstverteidigung. Das baut Beziehungen auf, die sich auch im Alltag auf der Straße bewähren, wenn es Stress gibt.

Dann ist der Bulle nicht mehr der Feind, sondern ein Sport-Kamerad – oder auch ein Helfer, dem man vertraut. Abgeholt werden die Kinder übrigens immer mit Polizei-Fahrzeugen, erzählt KbNa-Vorständlerin Agnes Michalik. Auch das trage dazu bei, dass „Bild des bösen Polizisten aufzuweichen“. Wenn früher die Polizei kam, eskalierte es regelmäßig, heute bleibt es ruhig, weil die Jugendlichen die Beamten kennen, beschreiben Ayoub und Michalik die positiven Veränderungen im Kiez.

Polizisten helfen beim Backen

Die Jungen spielen American Football mit den Berlin Adlern, die Mädchen machen Design-Workshops mit einer Schneiderin und präsentieren ihre Ergebnisse, die Jugendlichen schauspielern mit dem Prime Time-Theater oder spielen Fußball bei einem großen Turnier mit Teams aus allen möglichen Einrichtungen, darunter die Polizei, und alle sind sie mit Begeisterung dabei beim jährlichen Weihnachtsbacken in der Kantine des Polizeiabschnitts 36.

Die Polizisten helfen beim Backen, die Eltern freuen sich über ihre glücklichen Kinder, am Ende essen alle zusammen Plätzchen im Kerzenlicht. Über all diesen Kontakten haben sich auch Beziehungen zu den Eltern und Verwandten aufgebaut, und inzwischen kommen Jugendliche und Erwachsene ins Revier, wenn sie bei Problemen Hilfe oder Rat benötigen.

Auch würden sich Jugendliche heute für eine Ausbildung bei der Polizei bewerben, erzählt Vorständlerin Agnes Michalik. Das sei früher undenkbar gewesen. „Der Verein KbNa leistet einen unermüdlichen und wertvollen Beitrag zur Verständigung und für einen friedlichen Umgang im Soldiner Kiez“, sagt Hauptkommissar Eckard Mantei. Für sein rein ehrenamtliches Engagement wurde der Verein unter anderem mit dem Bundespreis „Aktiv für Demokratie und Toleranz“ ausgezeichnet. All das wird am Wochenende groß gefeiert.

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