Kommunikation mit Rezo & Co. : Die CDU weiß nichts von Wählern unter 30

Witzloser Sarkasmus statt reuevolle Einsicht – die CDU reagiert peinlich auf das Rezo-Video. Womöglich fehlt ihr die nötige Pädagogik. Eine Kolumne.

CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak.
CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak.Foto: Carsten Koall/dpa

Wie die CDU mit dem Video des Musikers Rezo umgeht, erinnert mich an den Spruch: „Eltern werden ist nicht schwer, Eltern sein dagegen sehr.“ Kurz zur Erinnerung: Ein junger Mann, der eigentlich Musiker ist, haut der CDU in einem YouTube-Video sehr zugespitzt ihre gesamten politischen Verfehlungen der vergangenen Jahrzehnte um die Ohren. Von Klientelpolitik, Bildungsmisere bis hin zum Klimaschutzversagen. Zugegeben, in einer Sprache, die auch nicht meine ist, aber ich bin wohl auch nicht seine Zielgruppe.

Den Inhalt finde ich trotzdem ansprechend. Eloquent, klug, locker und glaubhaft bringt Rezo in diesen 55 Minuten Verbalrundumschlag alles auf den Punkt, was ihn an der CDU-Politik nervt. Die Partei hätte sich das mal in Ruhe anhören und selbstreflektiert darauf reagieren können: Haben wir da etwas falsch gemacht?

Aber was tut sie? Sie nimmt die Wut und Enttäuschung der „Generation Rezo“ nicht ernst und kanzelt sie ab. Statt sich also Rezos Vorwürfen zu stellen, wird der Überbringer der schlechten Nachricht ins Lächerliche gezogen und verunglimpft. Frei nach der Devise: Wer keine Argumente hat, setzt lieber auf Sarkasmus. Oder um es auf gut Deutsch zu sagen: Da geht jemandem aber der Hintern auf Grundeis.

Es ist nicht das erste Mal, dass die CDU in dieser Rat- und Respektlosigkeit auf junge Menschen und ihre politischen Äußerungen reagiert. Die Parteivorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer sagte zum Beispiel in Richtung der „Fridays for Future“-Demonstranten, die nicht zum Unterricht, sondern zum Streik gingen: „Von mir werdet ihr keine Entschuldigung für die Fehltage erhalten. Und von mir gibt es auch keinen bezahlten Nachhilfeunterricht , um den Stoff nachzuholen.“ Das klingt ein wenig nach: „Solange du deine Füße unter meinen Tisch stellst.“

In dieser Sprache mit jungen Menschen zu reden, macht eigentlich nur eines deutlich: Die CDU hat überhaupt keine Ahnung, wie man mit jungen Menschen im Jahr 2019 kommuniziert. Konservativ und autoritär kommt sie daher und erinnert an Erziehungsmethoden der 50er-Jahre. Nun bin ich selbst Mutter eines pubertierenden Kindes und kann mich in so manche Reaktion sehr gut hineinfühlen. Zum Beispiel, wenn mir meine Tochter gehörig den Spiegel hinhält, wenn ich mal wieder inkonsequent war und meine selbst aufgestellten Regeln nicht beachte.

Kein Video, sondern ein PDF als Antwort

In solchen Situationen habe ich als Mutter zwei Möglichkeiten: Entweder, ich versuche meinen Fehler zu vertuschen, reagiere autoritär und kontere: „Du gehst jetzt sofort auf dein Zimmer.“ Oder ich sage: „Ja, in manchen Dingen hast du recht, auch ich weiß nicht alles, lass uns darüber reden.“

Die CDU hat sich für die erste Variante entschieden. Ich habe allerdings die große Befürchtung, dass die Partei nur diese eine Variante der Kommunikation kennt und nicht weiß, wie man überhaupt mit jungen Leuten ins Gespräch kommt. Und das hat nichts damit zu tun, dass sie keine jungen Politiker hätte.

Aber Parteimitglieder wie der JU-Vorsitzende Tilman Kuban oder Generalsekretär Paul Ziemiak sind zwar um die 30, wirken aber dennoch ewig gestrig. Dass die CDU jungen Leuten offenbar nicht wirklich etwas zutraut, zeigt, dass sie ihrem Bundestagsabgeordneten Philipp Amthor (26) nicht erlaubt hat, sein bereits aufgenommenes Video als Replik zu Rezos Rundumschlag zu veröffentlichen.

Stattdessen hat sie ein PDF als Antwort erstellt. Vielleicht schickt sie die elf Seiten per Fax raus. Dann wäre zumindest eines bewiesen: Für die CDU ist nicht nur das Internet Neuland, sondern auch der Wähler unter 30.

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In einer früheren Version des Textes hieß es, Kuban (31) und Ziemiak (33) seien "unter 30" Jahre alt. Wir haben dies korrigiert.

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