• Künstliche Intelligenz in der Medizin: Berliner Start-up will Früherkennung von Demenz verbessern

Künstliche Intelligenz in der Medizin : Berliner Start-up will Früherkennung von Demenz verbessern

Mit künstlicher Intelligenz will das Berliner Start-up Mediaire die Früherkennung von Demenz und anderen Krankheiten verbessern. Wie das gelingen soll.

Teamwork. Die beiden Mediaire-Gründer CTO Jörg Döpfert und CEO Andreas Lemke (r.).
Teamwork. Die beiden Mediaire-Gründer CTO Jörg Döpfert und CEO Andreas Lemke (r.).Fotos: promo/Getty

Etwa 1,7 Millionen Menschen in Deutschland leiden laut der Alzheimer Gesellschaft an Demenzerkrankungen. Die meisten von ihnen seien von der Form Alzheimerkrankheit betroffen. Jedes Jahr kommen laut Statistik 300 000 Neuerkrankungen hinzu. Da die Gesellschaft insgesamt altert, übersteigt die Zahl der Neuerkrankungen sogar mittlerweile die der Sterbefälle unter bereits Erkrankten. Das stellt Patienten und Angehörige, aber auch die betreuenden Mediziner vor Herausforderungen.

Denn die Diagnose ist kompliziert. Wenn ein Arzt eine Demenzerkrankung vermutet, untersucht er den Patienten körperlich, außerdem befragt er ihn und seine Angehörigen. Werden dabei Symptome festgestellt, wird der Patient beim Radiologen noch genauer untersucht. Eine wichtige Methode dafür ist die Magnetresonanztomographie (MRT), die Kernspintomographie, die den Körper in Schichtenbildern darstellen kann.

KI als Helfer bei der Diagnose

Hier setzt auch die Technologie des Berliner Start-ups Mediaire an. „Um eine Demenz zu diagnostizieren, muss ein Radiologe etwa 200 Bilder anschauen“, sagt Andreas Lemke, einer der Mediaire-Gründer. Der Radiologe schaut die Querschnittbilder auf seinem Bildschirm an, mit dem Mausrad scrollt er durch den Körper des Patienten.

„Für ein einzelnes Bild bleiben dabei nur wenige Sekunden“, sagt er. Zwar verfüge jeder erfahrene Radiologe über ein geschultes Auge. Doch Künstliche Intelligenz (KI) könne dem Experten Zusatzinformationen geben, um seinen Blick zu schärfen. So könne die Diagnose noch präziser durchgeführt werden.

Die KI erkenne Muster wieder, die sie in anderen Bildern bereits registriert habe, erklärt Lemke. Wenn die Software eine Auffälligkeit erkenne, markiere sie die Stelle farbig. Der menschliche Arzt könne sie dann genauer prüfen. Das Programm führe außerdem genaue Berechnungen zu Größe und Volumen durch, die mit bisherigen Methoden nicht möglich seien. „Der Algorithmus kann von den Rückmeldungen der Radiologen lernen und verbessert in bestimmten Zyklen seine Genauigkeit“, sagt Lemke.

„Ein Programm kann den Radiologen nicht ersetzen.“

Dabei bleibe der Datenschutz gewährleistet, denn die Patientendaten würden nur innerhalb der Praxis gespeichert. Allerdings nehme die Software dem Mediziner keine Entscheidungen ab, betont der Unternehmer, sie unterstütze ihn lediglich bei der Auswertung des Bildmaterials: „Ein Programm kann den Radiologen nicht ersetzen.“

Der Firmensitz von Mediaire ist ein unscheinbares Ladengeschäft in der Kreuzberger Möckernstraße. 2018 haben Andreas Lemke und Jörg Döpfert ihr Start-up gegründet. Die Physiker kannten sich noch vom Studium in Heidelberg, wo sie beide im Bereich der Magnetresonanztomographie promoviert haben. Doch nach der wissenschaftlichen Ausbildung strebten sie keine Forscherkarrieren an, sondern entschieden sich für die freie Wirtschaft.

In die Gesundheitswirtschaft verschlug es sie dann über Umwege. Lemke arbeitete zunächst als Systemingenieur beim Automobilzulieferer Bosch daran, die Lebensdauer von Batterien für Elektroautos zu verlängern. Dort habe er viel über die professionelle Entwicklung neuer Produkte gelernt, sagt er. „In der Forschung fertigt man eigentlich nur Prototypen an. Das heißt, man hört auf, wenn es wirklich spannend wird.“ Faszinierend sei aber gerade der Weg vom frühen Stadium bis zur Serienreife.

Doch weil das Interesse an der Medizin überwogen habe, wandte sich Lemke 2015 wieder der Radiologie zu und gründete das Start-up HQ Imaging in Heidelberg mit. Das Unternehmen bietet spezialisierte Lösungen für die Magnetresonanztomographie an. Ein Kunde habe ihn schließlich auf die Idee gebracht, MRT-Bilder mittels Künstlicher Intelligenz zu untersuchen. Für diesen Kunden habe er dann einen Prototypen entwickelt und dabei erkannt: Dieses Produkt könnte in Serie gehen und Erfolg haben.

MRT-Bild eines Patienten.
MRT-Bild eines Patienten.Foto: Getty Images/EyeEm

Lemkes ehemaliger Kommilitone Jörg Döpfert hat sich ebenfalls gegen eine Forscherkarriere entschieden. Und entwickelte nach dem Studium zunächst bei Flixbus in Berlin KI-basierte Lösungen für Prognosen und Preisanpassungen. Doch irgendwann war auch er auf der Suche nach einem neuen Betätigungsfeld. Deshalb taten sich die beiden Freunde zusammen, holten zwei Radiologen mit an Bord, und gründeten Mediaire. Ihr Einstiegsprodukt „Mdbrain“ ist seit Anfang 2019 als Medizinprodukt zugelassen. Es kommt bereits in einigen radiologischen Zentren deutschlandweit zum Einsatz. Eine neue Version soll noch im September folgen.

Einer der ersten Anwender ist der Neuroradiologe Michael Fenchel vom Anbieter „Ihre-Radiologen.de“, der an zehn Standorten in Berlin-Brandenburg Medizinische Versorgungszentren unterhält. „Das Verfahren hilft vor allem dabei, die normalen Alterungsprozesse im Hirn von Demenz-typischen Veränderungen zu unterscheiden“, sagt Fenchel.

Selbstverständlich müsse der Arzt die Auswertung auf Plausibilität prüfen. Ein Vorteil von „Mdbrain“: Es arbeite sehr schnell, die Diagnose liege innerhalb von zehn bis 15 Minuten vor. Außerdem sei der Datenschutz gewährleistet: „Die Patientendaten verlassen nicht die Praxis, werden nur auf unseren internen Servern gespeichert“, versichert Fenchel.

Eine Heilung gibt es noch nicht

Das Leid der bereits Erkrankten kann das Berliner Start-up aber leider nicht lindern. „Die Früherkennung von Demenz ist ein wichtiges Thema, dazu wird aktuell viel geforscht“, sagt Jörg Debatin. Der Radiologe und ehemalige Klinikchef leitet den Health Innovation Hub. Im Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums treibt diese Berliner Denkfabrik die Digitalisierung in der Medizin voran.

„Das Ganze hat aber einen großen Haken: Es gibt im Augenblick keine Therapie.“ Durch effektive Früherkennung erfahre der Patient von seinem Schicksal, könne sein Leben sortieren und sich vorbereiten. Aber eine Heilung sei bislang nicht möglich. Allerdings gäbe es in dem Bereich durchaus aussichtsreiche Entwicklungen. Eine verbesserte Diagnostik könne dazu beitragen, in Zukunft wirksame Therapien zu entwickeln.

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