Leben nach der Haft in Berlin : Die letzte Chance eines Serientäters

So war es immer: Kaum entlassen, schlug er wieder zu. Totschlag, Vergewaltigung. 34 Jahre Knast. Nun ist Rolf Beier draußen. Kann das gut gehen?

Rolf Beier ist gerade 60 geworden. Er sagt: "Ich habe mein Leben verschenkt."
Rolf Beier ist gerade 60 geworden. Er sagt: "Ich habe mein Leben verschenkt."Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Die Welt und Rolf Beier sind sich im Laufe vieler Jahre fremd geworden. „Im Knast“, sagt der ältere Herr, „war ick ein Macher.“ Da hatte er Arbeit, Kumpels, einen Tagesplan. Seitdem er draußen ist, da hat er nix. Kein Geld, keinen Job, keine Familie. Nur Zeit. Und da draußen eine Stadt, die ihm nicht geheuer ist. Was heißt schon draußen?

„Dit hellblaue Haus zwischen den Bäumen, dit is meens“, hat Beier vorm ersten Treffen am Telefon gesagt. Nun, an einem Sommertag im August, sitzt er auf seiner Wohnzimmercouch und spricht über seine guten Seiten. Der Mann trägt blaue Shorts, T-Shirt, seine nackten Füße stecken in Adiletten. Es ist schon am Morgen heiß, im Garten springt ein Rasenmäher an. Dieser Lärm, er zeigt entschuldigend auf das Hörgerät an seinem linken Ohr, steht auf, um das Fenster zu schließen. In die Stille hinein sagt Rolf Beier: „Meine Hilfsbereitschaft, die Ordnung. Und meine Pünktlichkeit.“

Der Mann, der da gerade laut über sich selbst nachdenkt, ist ein Totschläger. Vergewaltiger. Ein Erpresser und Dieb. Ein kleiner Stoffhund, schwarze Schnauze, weiches Fell, schaut auf der Sofalehne über seine Schulter.

34 Jahre seines Lebens hat Rolf Beier gesessen, ein geborener Spandauer, der eigentlich anders heißt, wie hier auch alle anderen Straftäter und deren Opfer.

Gerade ist Rolf Beier 60 geworden. Seit Mai 2016 ist er ein freier Mann. Und das obwohl das Gericht bei ihm Sicherungsverwahrung (SV), also die Haft nach der Haft, angeordnet hatte. Doch nach zehn Jahren SV bescheinigten Gutachter ihm eine positive Entwicklung, und Beier durfte gehen.

Dreimal hat die Berliner Justiz mit ihren Prognosen bereits falsch gelegen bei Beier, den die geringsten Anlässe in rasende Wut versetzen konnten, der kein Erbarmen mit seinen Opfern und keine Angst vor Strafen kannte.

Um den Hals trägt er eine Silberkette, auf den Armen Tattoos, Knastarbeit, alles Pfusch, sagt er. Im Tintenfell des Tigers schimmern hell die Stiche der Nadel, der Puma sieht aus wie eine überfressene Kaulquappe, die ihm den Unterarm herunterrutscht. Es sollte vor allem das Kreuz darunter verbergen, sein allererstes Tattoo, mit den Initialen der Ex. „Auf dem Rücken hab ich noch eins“, sagt Beier, reißt das T-Shirt über den Leib und präsentiert seinen asiatischen Drachen. Eine Hepatitis habe er sich beim Stechen eingefangen.

Seroquel, 125 Milligramm am Tag, Impulskontrolle

Jeden Morgen um 6.55 Uhr klingelt jetzt Beiers Wecker, punkt sieben schluckt er die erste Tablette: Psychopharmaka, Seroquel,125 Milligramm am Tag, zur Impulskontrolle. Bis Mai 2021, so hat es das Landgericht angewiesen, gilt für Beier die Führungsaufsicht: Er darf keinen Alkohol trinken, muss die Medikamente nehmen, regelmäßig zur Urinkontrolle, er steht unter Beobachtung der forensisch-therapeutischen Ambulanz der Charité, des LKA, ihm sind zwei Betreuer zugeteilt und eine Bewährungshelferin.

Sie haben für Rolf Beier das blaue Haus ausgesucht, ein Wohnprojekt irgendwo im Ostteil der Stadt, Betreung rund um die Uhr. War ihm sicherer so. Zu wissen, dass auch abends jemand da ist, zu dem er hin kann, wenn ihn Einsamkeit und Zweifel überkommen. Eineinhalb Zimmer mit Küchenzeile, ein Schreibtisch, eine Schrankwand, ein Couchtisch im Marmorimitat – und ein Koloss von einem Fernseher. Sein bestes Stück, 102 Zoll, finanziert aus dem Heimkinderfonds der Bundesregierung.

Beier, das Heimkind, ist 16, als ihn ein Jugendrichter das erste Mal wegen Diebstahls verurteilt. Und 42, als die Justiz beschließt, dass er weggesperrt gehört, zur Not für immer. Der Verurteilte reagiert, wie er immer reagierte: wütend. Brüllt durch den Saal, dass man ihm, Rolf Beier, doch bitte in die Augen zu schauen habe, und nicht nur auf den Boden. Im Namen des Volkes, verkünden die Richter in ihren schwarzen Roben, unbeirrt weiter, zur Strafsache gegen den Maler und Lackierer Rolf Frank Beier:

„Der wegen Vergewaltigung schuldig gesprochene Angeklagte wird zu einer Freiheitsstrafe von neun Jahren verurteilt. Die Unterbringung in der Sicherungsverwahrung wird angeordnet. Bei dem Angeklagten liegt ein Hang vor, da er nicht imstande ist, dem Anreiz von Verbrechen zu widerstehen.“

Wie wurde aus dem knapp durchschnittlich intelligenten Jungen ein gefährlicher Gewalttäter?

Er setzt sich in die Bahn und fährt die Stationen seines Lebens ab. Wenn es zu voll wird, zu hektisch, steigt er aus. Ist sicherer so.
Er setzt sich in die Bahn und fährt die Stationen seines Lebens ab. Wenn es zu voll wird, zu hektisch, steigt er aus. Ist sicherer...Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Es ist nur ein paar Monate her, da hat er sich auf sein Fahrrad geschwungen, und ist in Spandau die Stationen seines Lebens abgefahren, allein. Das Haus der Familie, die Sonderschule, die Straßen, in denen seine Geschwister wohnten. Zu spät, alle unbekannt verzogen.

An einem kühlen Morgen im September macht er sich abermals auf den Weg. Rolf Beier, 1,75 Meter groß, grauer Schnurrbart, kastanienbraune Haare, zieht sich sein Fleecehemd mit dem Holzfällerkaro über, seine grün-grau-weiße Camouflagehose aus dem Schrank und steigt mit seinem Rucksack in die S-Bahnlinie 5. Beier setzt sich ans Fenster, wo jetzt eine Stadt vorbeizieht, die längst nicht mehr die seine ist. Dass alles anders ist hier draußen, erfüllt ihn mit „so ’ner Art Traurigkeit“, sagt Beier, denn da fühlt er es und das tut weh. „Ich habe mein Leben verschenkt.“ Unwiederbringlich.

Alex, Friedrichstraße, Hauptbahnhof.

Der Rucksack steht in der S-Bahn auf Beiers Schoß. Ein Mädchen bleibt stehen, bettelt, Beier zieht das Kinn hoch. „Wat is? Wat willste?“ Dann nestelt er ein paar Münzen aus der vorderen Tasche hervor, wo er das Kleingeld aufbewahrt, das beim Einkauf übrig bleibt, „damit ick, wenn ich Lust hab, ne kleene Spende geben kann“. Viel hat er selber nicht, 382 Euro im Monat.

Bahnhof Zoo. Einmal ist er hier ausgestiegen, hat sich um die eigene Achse gedreht – und weg, auf Nimmerwiedersehen. „Dit hat doch mit dem Zoo nüscht mehr zu tun!“ Alles so glatt, geschniegelt. Er fühle sich heute auf dem Alex wohler, „wo das normale Volk rumtippelt“.

Seine Fäuste hämmern dem anderen ins Gesicht, auf die Brust, in den Magen

S-Bahnhof Westkreuz. Wenn es voll wird in der S-Bahn, alles drängelt, schubst und drückt, steigt Beier wieder aus. Setzt sich auf eine Bank und wartet auf den nächsten Zug. Ist ihm sicherer so. Er weiß ja, was passieren kann, wenn er sauer wird. Früher war’s viel schlimmer. Konnte ja keiner sehen, dass es brodelte in ihm, wie ein Bottich heißen Öls, da genügte ein Tropfen kalten Wassers, um das zum Zischen, zum Knallen zu bringen.

Wie der Typ damals, muss 1982 gewesen sein, als er mal wieder für neun Monate draußen war. Da rempelt dieser Fremde seine Claudi auf der Straße an, geht weiter, als wäre nix gewesen. Will sich nicht entschuldigen, kommt ihm auch noch blöd. Du Sau, denkt Beier. Dann denkt er nichts mehr.

Es wird schwarz um ihn, Beier hört nur noch seinen Atem, er holt aus, seine Fäuste hämmern dem anderen ins Gesicht, rechts und links, auf die Brust, in den Magen, Sau, Sau, Sau, er hört keine Schreie, sieht nicht die Menschen, die sich um ihn scharen, er keucht, fühlt nichts, nur Wut, diese schwarze Wut ...

Rolf! Rolf, hör auf!

An den Haaren zieht Claudi ihren Freund zurück in diese Welt, wie einen tollwütigen Köter. Erst da, sagt Beier, sei er zu sich gekommen.

Wenn Rolf Beier Geschichten erzählt, Pointen setzt, lacht, so breit, dass man seine Zahnlücken sieht, lacht sein ganzer Körper mit, kichernd knufft er einen in die Seite. Alles wirkt rund und freundlich, das Gesicht, die braunen Augen. Rolf Beier blickt jetzt nicht mehr aus dem Fenster, die Bahnhöfe ziehen unkommentiert vorbei, er schaut jetzt zurück in seine Vergangenheit. Beiers Verbrechen haben nie Aufsehen erregt, weil sie nicht besonders waren, außer vielleicht besonders erbärmlich und brutal. Beier sagt: „Mir sind diese Straftaten immer irgendwie passiert.“

In der Küche liegt die Pohl in ihrem Blut

Es geschieht am 7. Februar 1983. Beier lebt damals am Kurt-Schumacher-Platz, Reinickendorf, ist chronisch pleite und hilft seiner Nachbarin zuweilen beim Einkaufen und Putzen: Edeltraud Pohl, 52 Jahre alt und nach einem Schlaganfall gehbehindert. Doch an diesem Tag, sagt Beier, sei es zum Streit gekommen – bis es wieder schwarz wird in seinem Kopf. Und er nur noch dachte: Halt die Klappe, halt deine Schnauze ...

„Er zog seine Handschuhe an und entnahm seiner Jackentasche ein Klappmesser. Mit diesem stach er Frau Pohl insgesamt zehnmal in den vorderen Brustbereich, zweimal in den Rücken und in den Hals, um sie zu töten.“

Das Zwitschern des Kanarienvogels holt ihn zurück. Da steht er im Wohnzimmer, so erzählt er es, schaut an sich hinab, sieht, dass er Handschuhe trägt und denkt: scheiße. Jetzt haste Scheiße gebaut. Wieder einmal. In der Küche liegt die Pohl in ihrem Blut. Bloß nicht durchdrehen, habe er gedacht, du musst einen Raub vortäuschen. Darum sei er von Zimmer zu Zimmer gegangen, habe die Wohnung durchwühlt. Bevor er die Tür ins Schloss fallen lässt, steckt er einen Zehn-Mark-Schein ein. Er sei aber mit der Schuld nicht klargekommen. Am selben Abend geht er in eine Telefonzelle am Kurt-Schumacher-Platz, wählt die 110 und bittet darum, verhaftet zu werden.

Aber was hatte ihn so in Wut versetzt? „Dass die Pohl behauptet hat, dass ich Caro, meine Ex-Verlobte, getötet habe und wegen Mordes verurteilt war.“

Aber dann hätte er doch gesessen?

„Eben. Aber die hat nicht aufgehört.“

Und das Messer?

„Hatte ich immer dabei.“

Die Handschuhe?

„Ich wollte den Hund einer Freundin ausführen, der zog so an der Leine.“

In dubio pro reo – im Zweifel für den Angeklagten. Weil ihm ein Raubmord nicht nachzuweisen ist, verurteilt das Landgericht Rolf Beier am 8. Juni 1983 nur wegen Totschlags. Zehn Jahre Haft.

Das Gutachten von Hans-Ludwig Kröber, 56 Seiten, brachte Rolf Beier die Sicherungsverwahrung ein.
Das Gutachten von Hans-Ludwig Kröber, 56 Seiten, brachte Rolf Beier die Sicherungsverwahrung ein.Foto: picture alliance / dpa

Einer glaubt an eine Tat aus dem Affekt bis heute nicht: Professor Hans-Ludwig Kröber. „Was für eine abstruse Geschichte“, sagt er. Aber dieses Urteil sei typisch gewesen für die 70er und 80er Jahre, als die Berliner Justiz noch im Ruf stand, besonders milde zu sein. „Da wurde schon fast krampfhaft versucht, bloß keine Mordurteile auszusprechen“, sagt Kröber in seinem Büro, Schloßstraße 50, Zentrum für Forensisch-Psychiatrische Begutachtung. Jahrzehntelang habe man am Landgericht die Schicksale jugendlicher Straftäter romantisiert, die Gefährlichkeit ihrer seelischen Schäden falsch eingeschätzt. „Heute ist unser Blick nüchterner geworden.“

Wäre das Leben von Rolf Beier ein Kriminalroman, Hans-Ludwig Kröber wäre sein Gegenspieler: Deutschlands bekanntester Gerichtspsychiater, 66 Jahre alt, ein Hüne, knapp zwei Meter groß, graue Haare, rahmenlose Brille. Kröber trat in vielen aufsehenerregenden Strafverfahren auf. Es ist sein Gutachten, 56 Seiten lang, das Rolf Beier 1999 nach seiner zweiten Vergewaltigung die Sicherungsverwahrung einbringt.

Beier wusste was er tat. Und er wusste, dass es unrecht war

Unter den Strafverteidigern gilt Kröber damals als harter Hund. Dreimal besucht er Beier in der U-Haft Moabit, in einer dafür vorgesehenen Zelle, ein Tisch, zwei Stühle. Das Gericht hat den Psychiater beauftragt, herauszufinden, ob Beier schuldfähig ist oder psychisch krank. Die Männer bleiben unter sich, reden über Beiers Kindheit, seine Frauen, seine kriminelle Karriere. Kröber macht sich Notizen zu Beiers Anstaltskleidung, seinen Tattoos, Größe, Gewicht.

„Er nimmt problemlos Kontakt mit dem Gutachter auf, verhält sich durchgängig höflich, zurückhaltend und situationsadäquat. Es finden sich keine Tendenzen zur theatralischen Überzeichnung.“

20 Jahre lang leitete Kröber das Institut für Forensische Psychiatrie der Charité, wozu auch die Ambulanz gehört, die Rolf Beier und andere Hochrisikotäter nach ihrer Entlassung betreut. Für eine verminderte Schuldfähigkeit findet er bei Rolf Beier Indizien – allerdings nicht in erheblichem Maß. Beier wusste, was er tat. Und er wusste, dass es unrecht ist.

„Der Angeklagte leidet an einer antisozialen Persönlichkeitsstörung, die Folge seiner lebensgeschichtlich bedingten emotionalen Verwahrlosung ist. Das wirkt sich so aus, daß er nur eine gering ausgeprägte Frustrationstoleranz besitzt.“

Die Sicherungsverwahrung gilt als das schärfste Instrument des Strafrechts. Rund 500 Häftlinge sitzen in Deutschland derzeit in SV, 44 in Berlin. 70 Prozent davon sind Sexualstraftäter, der Rest schwere Gewaltverbrecher.

Während Beier vorm Landgericht sitzt, kippt draußen die Stimmung. Die Menschen wollen von den gescheiterten Täterbiografien und Resozialisierung nichts mehr hören, sie verlangen Sicherheit. Angeheizt wird das Bedürfnis durch ein Interview des damaligen Bundeskanzlers Gerhard Schröder im Jahr 2001, in welchem Schröder für Sexualstraftäter fordert: wegschließen – und zwar für immer! Nun wurden die Anforderungen für die Verhängung der SV durch eine Vielzahl von Gesetzesänderungen schrittweise gesenkt.

"Hier hat sie gewohnt. Caro, sie war mein Untergang"

Bahnhof Spandau. Es geht weiter mit dem Bus, Beier setzt sich, stellt seinen Rucksack auf den Schoß – und springt gleich wieder auf. Seegefelder Straße. Beier geht in einen Hof, schaut die Fassaden hinauf und sagt: „Hier hat sie gewohnt: Caro, sie war mein Untergang.“ 20 Jahre alt ist er, als er sich in die Ex seines Bruders Lothar verliebt: 17 Jahre alt, braune Haare, „ein bisschen wie Catherine Zeta-Jones“, sagt Beier. Sie lernt Schneiderin im Ullsteinhaus.

„Der Liebesbeziehung kommt besondere Bedeutung zu. Sie war die erste und einzige Frau, die seine große emotionale Bedürftigkeit – zumindest für eine Zeitlang – zu stillen vermochte. Er geriet in völlige emotionale Abhängigkeit zu ihr, aus der er sich bis heute noch nicht hat lösen können.“

In der Altstadt Spandau, vorm damaligen Hertie-Kaufhaus, verlobt er sich 1977 mit Caro. „Wat is Mäuschen, willste mich heiraten?“, fragt er, zieht Caro in den Goldladen, kauft zwei Ringe, am Wochenende drauf feiern sie mit der Familie. Zwei Jahre geht es gut, bis Caro beginnt im Ku’dorf, Joachimsthaler Straße, zu arbeiten und ins Milieu abrutscht. In Deutschlands erstem „Bierdorf“ gibt es 18 Kneipen, einen Brunnenplatz, einen Jazzclub, eine Weinstube mit Livemusik – und Männer, die bereit sind, für Sex Geld zu geben. Dass seine Puppe, wie er sagt, anschaffen geht, habe er erst später und eher durch Zufall mitbekommen.

Sie streiten – und versöhnen sich. Sie machen Schluss – und kommen wieder zusammen. Er droht ihr – sie zeigt ihn an. Sie hassen sich – und landen im Bett. Viermal versucht er sich umzubringen, mal mit Tabletten, dann mit einem Messer.

Beier besteht nur noch aus Wut, als er am 10. März 1981 über das Dach und ein geöffnetes Fenster in Caros Wohnung steigt. Er zieht sein Messer, schleicht ins Wohnzimmer, wo er seine Ex-Freundin, die auf der Couch liegt, überrascht. Caro hat Angst, sie lässt sich fesseln, vergewaltigen. Als sie am Abend die Wohnung verlässt, um zur Polizei zu gehen, sticht sich Beier mit einem Messer in den Hals. Lebensgefahr besteht nicht.

Beim Prozess, sagt Beier, haben „die Kerle Stielaugen“ bekommen, als Caro in den Zeugenstand tritt: in weißem Kleid, „mit schwarzem BH und schwarzem Schlüpper“. Er selbst sitzt da und weint. Hemmungslos. „Aus Sehnsucht. Und weil ich wusste: Jetzt habe ich sie verloren. Für immer.“ Das Gericht verurteilt Rolf Beier am 21. Mai 1981 wegen Vergewaltigung zu einem Jahr und acht Monaten Haft.

„Auch die Rückfallgeschwindigkeit ist immer kürzer geworden. Zwischen der ersten Haftentlassung und der nächsten Inhaftierung lagen neun Monate, zwischen der zweiten Haftentlassung und der erneuten Inhaftierung drei Wochen, die jetzt vorgeworfene Tat hat der Angeklagte sechs Monate vor Endstrafentermin begangen.“

Beiers nächstes Ziel ist die Siegener Straße. Vor einem schmucklosen Acht-Geschosser aus der Nachkriegszeit bleibt er stehen, zeigt auf einen Balkon im Erdgeschoss und sagt grinsend: „Da sind wir als Kinder immer rein und raus.“

Seine Kindheit vergeht ohne Vorlesen, Geburtstagsfeiern und Geschenke

Er und seine Geschwister Moni, Manfred, Lothar, Christel und Tina. Rolf ist der Vierte in einer Reihe von Sieben, nur Renate, die Älteste, die habe nie bei ihnen gelebt. Der Vater ist ein Uhrmacher, der als Warenhausdetektiv arbeitet. 54 Jahre alt ist der Vater bei Rolfs Geburt, die Mutter 27 und mit der Erziehung der Kinder überfordert.

Du Penner!, so geht das von morgens bis abends, wenn Rolf mal zu Hause wohnt. Gorilla! Geh mir aus den Augen!

Die Eltern versuchen, ihn zur Adoption freizugeben. Das Kind lernt früh, was es heißt, unerwünscht zu sein, wird im Alter von drei Jahren das erste Mal weggegeben. Eine Kindheit, die ohne Zärtlichkeit, Spiele und Vorlesen vergeht, ohne Geburtstagsfeiern und Geschenke. Fotos seiner Mutter? Vom Vater? Den Geschwistern? Gibt es nicht. Dafür erinnert sich Beier an einen Streit, da ist er vielleicht sieben, der durch die Schlafzimmertür der Eltern dringt. Die Mutter, die brüllt: „Ich kann den Anblick von diesem Penner nicht ertragen!“ Der Vater, der sagt: „Dann muss er wieder weg.“

Rolf zieht von Heim zu Heim, erst in Berlin, das Paul-Gerhard-Stift, später kommt er nach Scheidegg in Bayern, dann nach Braunschweig, schließlich nach Alsenz.

„Der Angeklagte wurde in seiner Kindheit zweimal von Bekannten der Familie sexuell missbraucht. In der Folgezeit begann er damals ein Küchenmesser bei sich zu tragen.“

Jetzt steht er da, gescheitert, wie es die Mutter prophezeite, schaut auf das Haus seiner Kindheit und lässt auf sie kein böses Wort kommen. Was diese Gutachter alles über seine Mutter geschrieben haben, sagt Beier, Lügen, Halbwahrheiten. Einen gab’s, der behauptete, dass ihn seine Mutter mit einem Kuhfuß auf den Kopf geschlagen habe. „Da wär ick doch tot gewesen! Nee, hat se nich’ jeschafft, hat se nur versucht!“

Polizist zu werden war sein Traum. Die Realität sein Albtraum

Dafür war sie da, wenn er sie brauchte, sagt Beier. Damals, als er aus Liebeskummer 90 Tabletten schluckte. Wer habe ihn da zum Mittagessen wecken wollen? Die Mutter! Am liebsten denkt Rolf Beier an die Stille. Wenn es dunkel wurde, der Vater zu Bett gegangen war und die fünf Geschwister schliefen, da sei die Mutter wie ausgewechselt gewesen, habe ganz normal mit ihm geredet, auch liebevoll.

Nur dass sie ihn, Moni und Lothar auf die Sonderschule steckte, verzeiht er ihr nicht. Polizist, Krankenpfleger – das war sein Traum, die Realität ein Albtraum: Fleischerlehre – abgebrochen. Fliesenlegerlehre – abgebrochen. Er arbeitet als Lagerarbeiter bei Edeka, als Bauhelfer, Möbelspediteur, Gerüstbauer und schleppt bei „Standard-Fleisch“ Schweinehälften.

„Die sozialen Kontakte des Angeklagten sind von einem tiefen Bedürfnis nach Anerkennung und Zuwendung geprägt, worin sich sein unbewusster Wunsch verbirgt, die erlittenen erheblichen emotionalen Defizite auszugleichen. Der starke Wunsch nach Anerkennung macht ihn überdurchschnittlich abhängig von anderen.“

Immer wieder JVA Tegel. Er sitzt, als er seinen Hauptschulabschluss macht. Er sitzt, als er Claudi heiratet. Und als seine Mutter stirbt.
Immer wieder JVA Tegel. Er sitzt, als er seinen Hauptschulabschluss macht. Er sitzt, als er Claudi heiratet. Und als seine Mutter...Foto: IMAGO

Als Rolf Beiers Mutter im Jahr 1987 stirbt, sitzt ihr Sohn gerade wegen Totschlags, die Genehmigung für einen Freigang kommt zu spät. „Sie hat nicht lange gelitten, Streukrebs“, sagt Beier, stockt, und dass er jetzt fast zu weinen beginnt, scheint ihn selbst am allermeisten zu überraschen. Er zieht die Hand vors Gesicht, drückt mit Daumen und Zeigefinger seine Tränen zurück. Zur Beerdigung führen ihn zwei Justizvollzugsbeamte in Handschellen. Seinen Vater, 84 und im Rollstuhl, wird er dort zum letzten Mal sehen. Die Geschwister behandeln ihn wie einen Fremden.

Noch einmal geht Rolf Beier an diesem Septembertag seinen Schulweg, die Siegener Straße entlang, an den Büschen vorbei, die zu Bäumen geworden sind, über die Gleise, durch den Park, der damals noch eine Kiesgrube war. Mit einem hellen Pling meldet sein Handy eine neue Nachricht, sein Freund Jörg Riese, will wissen, wie der Tag so läuft.

„BRÜDERCHEN, ist alles ruhig bei dir?“

Beier lächelt. „Der macht sich immer Sorgen.“ Mit dem Smartphone kommt er gut zurecht, telefonieren, Whatsapp, SMS – mehr brauche er nicht. Ins Internet geht er lieber nicht, ein falscher Klick, schon hat man Schulden. Ist sicherer ohne.

Nach 20 Jahren liest er sein Urteil. Zum ersten Mal

Beier zeigt auf ein steinernes, braunes Etwas, das aussieht wie ein gigantischer Hinkelstein. „Dit Denkmal is och neu. Keene Ahnung, wofür das steht.“

Das ist ein Kletterfelsen, Herr Beier. „Ein wat?“ Da üben die Leute klettern – wie in den Bergen. Beier sagt: Aha. Es klingt wie: Macke.

Das linke Knie macht ihm zu schaffen, er setzt sich auf eine Mauer. Die Schmerzen in den Beinen seien Schuld, dass er bis heute keinen Job gefunden hat. Drei, vier Stunden könne er sitzen, höchstens. „Dann krieg ick solche Beene“, sagt Beier und was er mit den Händen zeigt, entspricht den Fesseln eines Elefanten. Mit seinem Betreuer hat er beim Jobcenter jetzt eine Untersuchung beim Amtsarzt beantragt, die ihn vom ersten Arbeitsmarkt befreit. Halbtags könnte er dann bei einem freien Träger in der Fahrradwerkstatt anfangen, „Der Chef will mich haben“, am liebsten heute. Oder morgen.

Ende Oktober 2017, Alexanderplatz. Rolf Beier geht vor dem Kino auf und ab, er ist zu früh, wie immer, trägt eine Regenjacke, beigefarbene Hose, auch wie immer, seinen Rucksack um die Schultern geschnallt. Über Beiers Kopf kräuselt sich der Rauch seines Zigarillos, kaum ausgedrückt, zündet er sich den nächsten an. Kette kann er sich nicht leisten, aber er ist nervös heute, will erst mal reden. Über diese 56 eng bedruckten Seiten Papier, die in seinem Rucksack stecken: Es sind seine beiden letzten Urteile, der Rückblick auf seine Kindheit, sein Leben hinter Gittern, die Straftaten. Er hatte sich angeboten, sie von seiner Bewährungshelferin mitzubringen – und hat sie dann selbst gelesen. Nach 20 Jahren. Zum ersten Mal.

Es ist ihm nicht bekommen. „Beim Lesen habe ich voll die Krise gekriegt“, sagt Beier. Erst habe er sich über die Fehler, die die Richter machten, geärgert, über die Lügen, Halbwahrheiten – und immer zu seinen Ungunsten. Zu Hause greift Beier zum Leuchtstift, markiert mit wütenden Strichen halbe Sätze, Seite für Seite:

„... nicht geliebt, da sie ihn fortlaufend kritisierte ...“

„... log und bestahl seine Mitschüler, seine Eltern und Geschwister ...“

„... versorgte ihn täglich auf ihre Kosten mit Essen ...“

Strich. Strich. Strich! „Abends habe ick mich erst mal mit Tabletten wegjeklinkt“, sagt Beier. Aber am nächsten Morgen haut ihn ein Gedanke wie eine gut platzierte Rechte um: Dass das Meiste eben nicht unterstrichen ist. Also stimmt. Was er allein der Doris, seinem letzten Opfer angetan habe, sagt Beier. „Da habe ich erst mal ’nen Heulkrampf gekriegt.“

„Seit der Tat hat die Zeugin keinen neuen Lebensgefährten mehr, da sie Kontakt zu Männern meidet. Sie hatte sich nach dem Vorfall in psychologische Behandlung begeben, hat das Geschehen aber bis heute nicht verarbeitet.“

Und jetzt – soll er diesen Umschlag übergeben? Wer wird dann noch glauben, dass er kein Monster ist? Dass er sich ändern kann, oder besser: schon ein anderer ist? Von der Schweigepflicht hat er die Therapeuten vor zwei Monaten entbunden, dazu die Freigabe für das Gutachten erteilt.

Warum eigentlich?

Beier sagt, weil er es beweisen will. Sich selbst. Allen, die nie an ihn geglaubt haben. Zeigen, dass er es schaffen kann. Dass man die da drinnen nicht alle abschreiben soll. „Wat soll’s“, seufzt Beier schließlich und überreicht den Umschlag.

Rolf Beier wurde als Kind zweimal sexuell missbraucht. Seitdem trug er immer ein Messer bei sich.
Rolf Beier wurde als Kind zweimal sexuell missbraucht. Seitdem trug er immer ein Messer bei sich.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

In Unfreiheit zu überleben, hat Beier im Heim gelernt, bevor er Lesen und Schreiben konnte. Dann, mit Anfang 20, entscheidet er sich, wenn auch unbewusst, für eine Welt, in der er einer von allen sein kann, dazugehört: das Gefängnis.

In der JVA Tegel, einer der ältesten Justizvollzugsanstalten Deutschlands, sitzt Beier Strafe um Strafe ab, umgeben von einer 1465 Meter langen Gefängnismauer und 13 Wachtürmen. Deutschlands größter Männerknast, überbelegt, veraltet, verrufen. Es gibt Zellen, in denen die Häftlinge mit 5,25 Quadratmetern und einer Toilettenschüssel mitten im Raum auskommen müssen.

Beier richtet sich ein hinter den Mauern, wo er nicht selbst sein Konto führen, sich um keine Miete oder Strom kümmern muss, um keine Krankenkasse, Versicherung, Formulare, Anträge.

Er sitzt, als er seinen Hauptschulabschluss nachholt.

Er sitzt, als er seine Lehre beginnt. Und die Prüfung zum Maler und Lackierer besteht.

Er sitzt und wird linker Verteidiger in der Gefängnismannschaft.

Und er sitzt, als er 1984 die damals 20-jährige Claudi heiratet.

Die Claudi, sagt Beier, hat er bei einer Freundin am Kurt-Schumacher-Platz kennengelernt, vor der Sache mit dem Totschlag. Danach hatte er sie freigegeben. Zehn Jahre, wer soll das schaffen? Doch die Claudi blieb.

Im Gefängnis backt er Bienenstich, verhökert die Bleche am Besuchertag

Und sie sagte: Ja. Es ist eine spartanische Zeremonie, der Gefängnispfarrer tut, was er kann, um den kargen Besucherraum mit ein paar Tischdecken und Kerzen aufzuhübschen. Beiers Mutter kommt, die Schwester Christel, „aufjetaakelt zur Feier des Tages“, es gibt Kaffee und Kuchen, dann schließt sich die Zellentür hinter ihm.

Die Claudi, sagt Beier: Die war schon top! „Jut, sie war ein bisschen kräftig, aber dit haben wa in den Griff jekriegt.“ Und zuverlässig ist die Claudi, besucht ihn, schickt ihm zu Weihnachten, Ostern und zum Geburtstag die erlaubten Fünf-Kilo-Pakete. Er zahlt, sie packt, was er bestellt, Kaffee, Tabak und Süßes. Dass sie nach vier Jahren die Scheidung einreicht, ist Pech, geht im Knast fast allen so.

„Anstaltsinsasse zu sein ist die Lebensform, die er kennt und die zu verlassen er keine längerdauernden Mühen auf sich nehmen mag.“

In der JVA, sagt Beier, wollen alle, Häftlinge und Wärter, vor allem eines: ihre Ruhe. In seiner ersten Woche muss er mal eine Ansage machen, als ihm einer dämlich kommt. Meine Zigaretten willst du? Beier geht ihm an die Kehle, drückt ihn übers Geländer, dann ist gut. Die Banden im Knast, die Türken, Russen und Araber, lassen ihn in Ruhe.

Im Haus 3E eröffnet Beier mit seinem Kumpel den „Einkaufsladen“. Für rund 110 D-Mark dürfen sie einmal im Monat über die JVA Lebensmittel bestellen. Das Geld legen sie zusammen und holen für sich selbst nur das Wichtigste. Den Rest investieren sie in Spaghetti, Tomatenmark, Kaffee, Tabak und Schokolade, schauen dann zu wie erst mal alle kochen, essen, rauchen, in wenigen Tagen verbrauchen, was sie sich selbst gekauft haben. Dann kommt die Zeit für Beiers Lager, 100 Prozent Marge, das rechnet sich. „Die Drogis verkaufen sowieso Haus und Hof.“ Ob Bargeld, Handys oder Drogen, sagt Beier, es gebe alles. Als sie aufzufliegen drohen, lassen sie das Geschäft auslaufen. Beier steigt um auf Bienenstich. Backt ganze Bleche, verhökert sie am Besuchertag. In der Woche verkauft er Döner, mit Kalbsfleisch aus der Dose.

Beier führt sich gut. Ein angenehmer Häftling. Mit guter Prognose. Am 18. Februar 1992 wird ihm, nun 34 Jahre alt, der Rest der Haft erlassen.

Vier Wochen später schlägt Rolf Beier wieder zu.

Die Wut steigt auf. Miststück. Er fesselt sie

Ja, die Sache mit dem Lutta, sagt er, als könne er es selbst nicht glauben, der totale Schwachsinn! Und fängt dann an zu erzählen: „Den Lutta kannte der Otto vom Bahnhof Zoo, wo sich Otto seine Jungen holte, wenn er Geld hatte. Der Lutta, der war schwul und lesbisch, der hing da immer rum. Der stand auf Gold, und wir haben gesagt, komm rum, wir haben Ketten und Uhren da, und das in meiner Bude, ein Schwachsinn!“

Passierte irgendwie. In der Wohnung fesseln sie Lutta mit einer Paketschnur, nehmen ihm 370 Mark und seine Scheckkarte ab. Vor Mitternacht hebt Beier die ersten 800 ab, dann trinken alle zusammen Schnaps und Cola, nach Mitternacht holt sich Beier weitere 1000 Mark. Besoffen wie er ist, bekommt es Beiers Kumpel mit der Angst zu tun, ruft heimlich die Polizei. Beier kann flüchten, stellt sich später. Das Landgericht verurteilt ihn wegen räuberischer Erpressung zu drei Jahren und sechs Monaten.

Beier führt sich wieder gut. Macht keinen Ärger. Ein angenehmer Häftling. Mit guter Prognose. Die Justiz bereitet den Mann, auf den da draußen nichts und niemand wartet, der da draußen nichts und niemand ist, wieder auf die Freiheit vor.

„Am 19. September 1996 hatte der Angeklagte von 14 bis 22 Uhr Ausgang. Er trug eine Lederjacke, in deren Ärmel er wie gewöhnlich bei seinen Ausgängen ein etwa 30 cm langes Brotmesser versteckte. Nach jedem Ausgang versteckte er das Messer vor seiner Rückkehr in die Justizanstalt vor deren Eingang im Gebüsch.“

An diesem Tag fährt Beier mit dem Rad herum, geht in eine Pizzeria, trinkt, was verboten ist, zwei Flaschen Bier. An einem Zeitungskiosk kauft er eine Flasche Weinbrand, zwei Dosen Cola und zwei Überraschungseier. Er beschließt, Doris zu besuchen, die Frau seines Gefängniskumpels Bifi. Sie ist im sechsten Monat schwanger. Beier weiß bis heute nicht, was er erwartet hat, die Frau will nichts von ihm wissen, irgendwie entgleitet alles, die Wut steigt auf, blödes Miststück, er fesselt, vergewaltigt sie.

„Danach verhielt er sich freundlich, entschuldigte sich für sein Verhalten und erzählte aus seiner Kindheit. Er gab an, ihrem Mann ,eins auswischen’ zu wollen. Dann wurde sein Blick plötzlich wieder starr und hart, er schlug der Zeugin mehrfach ins Gesicht.“

Beier misshandelt die junge Mutter bis zum nächsten Morgen, während nebenan die zwei Kinder schlafen.

Die 4. große Strafkammer des Landgerichts verurteilt ihn in 20 Prozesstagen zu sechs Jahren Freiheitsstrafe und ordnet die Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus an. Der Bundesgerichtshof hebt das Urteil auf und gibt den Fall ans Landgericht zurück. Am 29. Juni 1999 schließt sich die 2. große Strafkammer in der Revision der Einschätzung des „Sachverständigen Prof. Dr. med. Kröber“ an. Sie verurteilt den Angeklagten, zu neun Jahren Haft plus SV.

Er will nicht im Gefängnis sterben. Ums Verrecken nicht

Für die Haft nach der Haft gibt es damals ein eigenes Gebäude in Tegel: Haus 5, Endstation. In dem Altbau leben die SVler, Zelle an Zelle, jede acht Quadratmeter groß. Eine Verwahranstalt für jene, die die Justiz als unverbesserlich einstuft.

„Bei der getroffenen Maßregelanordnung hat die Kammer berücksichtigt, dass ein milderes Mittel nicht ersichtlich ist, zumal die bislang durchgeführten Therapiemaßnahmen ohne erkennbaren positiven Einfluss auf den Angeklagten geblieben sind.“

Da sind die Verwahrlosten, die kaum noch aus dem Bett kommen, Hospitalisierungsgeschädigte, die, das macht sie auch gefährlich, unfähig sind, noch selbstbestimmt in Freiheit zu leben. Und dann sind da die Psychopathen, die, noch fit und voller Tatendrang, nur auf ihre nächste Chance lauern, rauszukommen, zuzuschlagen. Und es gibt noch die, die nichts mehr zu beweisen haben, müde geworden sind, sich ein paar ruhige Jahre in Freiheit wünschen.

Doch wer ist wer? Und wie kann man das vorher wissen?

Es gibt wenig, was Richter und Anstalten so fürchten, und die Öffentlichkeit so erregt, wie der Rückfall eines freigelassenen Gewaltverbrechers. „Fast jeder zweite Straftäter wird rückfällig“, titelten im Sommer 2016 wieder Zeitungen. Dabei betrifft diese Quote vor allem Diebe, wie eine Langzeituntersuchung des Max-Planck-Instituts und der Georg-August-Universität Göttingen 2016 ergab. Von den wegen Mordes oder Totschlags Verurteilten kamen zwar 34 Prozent wieder vor Gericht – allerdings nicht wegen ähnlicher Verbrechen: nur 0,4 Prozent erneut wegen eines Tötungsdelikts. Bei Sexualdelikten liegt die Quote für einschlägige Rückfälle bei rund drei Prozent.

Beier will nicht ins Haus 5, ums Verrecken nicht. Er sagt sich: „Wenn ick jetzt nix ändere, schlage ich noch einen tot und sterbe im Knast.“ Der Tod hinter Gittern, die größte denkbare Niederlage. Ein Leben, für nichts.

Erst ist es vermutlich weniger ein Entschluss, mehr ein Reflex. Wie bei einem Ertrinkenden, der sich mit letzter Kraft vom Untergrund abstößt und an der Oberfläche gierig nach Luft schnappt.

Seit sie sich im Maßregelvollzug kennengelernt haben, kocht Rolf Beier für seinen Freund Jörg Riese.
Seit sie sich im Maßregelvollzug kennengelernt haben, kocht Rolf Beier für seinen Freund Jörg Riese.Foto: privat

Als er seine neun Jahre Strafhaft verbüßt hat, lässt sich Beier auf eigenen Wunsch in die Klinik des Maßregelvollzugs verlegen. Er sagt: „Ich wollte endlich eine Therapie machen, die mir hilft.“ Die Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik, „Bonnies Ranch“ genannt, wurde 1880 im Norden Berlins gebaut. Früher Irrenanstalt, dann Heilstätte, heute forensische Psychiatrie. Hinter meterhohen Sicherheitsglaswänden und Gitterzäunen leben psychisch kranke Straftäter: Schizophrene, Drogenabhängige, Pädophile, Psychopathen.

Ein Tag Ende September. Moment, sagt Beier in der Haustür. Er muss den Betreuern im Parterre eben noch mitteilen, dass sein Gast eingetroffen ist, bevor er ihn zum Sofa geleiten kann. Kaffee? Limo? Es ist halb elf, der Fernseher läuft ohne Ton.

Alles steht, wo es beim letzten und vorletzten Mal stand, nichts stapelt sich, kein Papier auf dem Schreibtisch, kein Geschirr in der Spüle, kein Staub auf dem Sideboard, die Tablettendose hat Beier auf dem Couchtisch sorgsam neben Brillenputztuch, Handyhalter und Tabaktüte ausgerichtet. Das meiste stammt aus dem Sozialkaufhaus.

Diesmal steht Jörg Riese, der besorgte Freund, wahrhaftig in der Tür

Beier setzt sich auf seinen Platz unter dem Kuscheltier, greift zum Smartphone, präsentiert im Kalender bunte Felder, alles Termine, sagt er stolz: Jobcenter, Ohrenarzt, Bewährungshilfe, Ambulanz, Zahnarzt. Die schlechten Tage sind die leeren Tage im neuen Leben von Rolf Beier. „Die ganze Zeit in der Hütte, das ist scheiße“, sagt er. Wenn die Bude immer enger, die Zweifel wieder größer werden. Schaff ich das? Kann ich jemand sein hier draußen? Nach so langer Zeit?

Es klingelt. Dieses Mal steht Jörg Riese, der besorgte Freund, wahrhaftig in der Tür: 47 Jahre alt, ein nicht sehr großer, aber breiter Kerl, rasierter Schädel, silberne Ringe rechts und links im Ohr.

Hallo, Dicker, sagt Beier.

Tachchen, Bruder, entgegnet Riese.

Sie kennen sich von „Bonnies“, waren Zimmernachbarn. Riese ist jetzt Freigänger, schläft noch in der Maßregelvollzugsklinik, arbeitet tagsüber aber in einer Behindertenwerkstatt als Haustechniker, „Fenster, Türen, alles, was so anfällt“. Das Leben hat die Falten hart in sein Gesicht gegraben, eine Erkältung die tiefen Ringe unter den blauen Augen schwarz eingefärbt.

Als Riese und Beier sich an einem Tag im Jahr 2007 das erste Mal begegnen, ist Beier schon ein paar Wochen in der Klinik. Riese sagt, der Beier war ihm gleich sympathisch. „Ick hab seine Tattoos gesehen, original Knast-Tattoos, nicht so ’ne ästhetische Kackscheiße. Und dann hatter och gleich losjesabbelt.“

Keiner braucht die ganze Welt. Viele Freunde, eine große Familie gehören zum Luxus der Behüteten. Aber einen einzigen Menschen, den braucht jeder. Um gesehen zu werden, sich selbst zu spüren, überhaupt zu sein. Für Beier ist das Riese.

Rieses Kindheit, es ist das gleiche Lied wie bei Beier, nur mit anderer Melodie: Rieses Vater, ein Säufer und Schläger, haut ab, da ist Jörg gerade fünf. Die Mutter, mit vier Söhnen überfordert, nimmt keine Hilfe an. Sie schickt Jörg mit neun fort, bis zur Volljährigkeit hat er alle Heimhierarchien der DDR durchlaufen. „Es war die alte Spirale. Immer wieder Knast und jedes Mal gewalttätiger.“ 21 Strafeinträge stehen in seiner Akte, als er in die Psychiatrie einzieht.

Wenn Beier an Formularen verzweifelt, ruft Riese bei der Behörde an

Weißt du noch, fragt Riese: Wie sauer du warst wegen der Medikamente?

„Ick wollte da nicht rumloofen wie so ’n Uhu“, sagt Beier, springt vom Sofa auf, um zu demonstrieren, wie er Patienten hat durch den Hofgarten laufen sehen: mit hängendem Kopf, schlaffen Schultern, schlurfenden Schritten. Ja, sagt Riese, das sind die Schizos, voll auf Halodol.

Aber weißt du noch, fragt Beier dann: Wie du gefuttert hast, als sie dir die ersten Psychopharmaka verpasst haben? Lithium und Seroquel, 400 Milligramm morgens, 400 Milligramm abends, gegen die Wut. Riese bekommt Heißhunger von dem Zeug, stopft tafelweise Ritter Sport in sich hinein, drei, vier am Tag. Riese, einst „voll auf Zelle gepumpt“, kostet die Völlerei den Waschbrettbauch und ein Vermögen. Er verschuldet sich bei seinem Nachbarn, legt von 74 auf 105 Kilo zu. Schulden zahlt man zurück, Ehrenkodex. Deshalb schlägt Beier ihm vor, sein Geld zu verwalten, bis die 50 Euro abgezahlt sind. So wurden sie zu Freunden. Was das heißt? „150 Prozent geben, ehrlich und aufrichtig!“, sagt Riese.

Freundschaft braucht Rituale. Jeden Samstagmorgen, punkt zehn, verschwindet Beier in der Klinik in die Küche, um zu kochen. Als Riese auf eine andere Station verlegt wird, ticken beide erst mal aus. Dann kocht Beier wieder. „Gegessen haben wir dann in den Freistunden im Hofgarten: sommers wie winters.“

Bruder. Brüderchen – man sollte besser nicht nach Liebe fragen, da sind die Herren sehr empfindlich. Freunde, basta. Wenn Beier an Formularen verzweifelt, den Mann bei der Rentenversicherung nicht versteht, ruft Riese bei der Behörde an. Wenn die Wut Riese die Wände hochtreibt, kriegt Beier ihn wieder runter.

In der Psychiatrie hat keiner geglaubt, dass ihre Freundschaft auch in Freiheit hält. Riese sagt, dass nur zwei Dinge ihren Bund zerstören könnten.

Erstens: „Der Tod“, sagt Riese. Beier nickt begeistert. Und zweitens? Eine Frau. „Der Rolf muss da höllisch aufpassen. Der neigt dazu, sich zum Liebeskasper zu machen“, sagt Riese. Er selbst gehe sich Frauen „nur noch mieten“, das sei ein ehrliches Geschäft, allen bliebe der Ärger erspart, „und die Brüderlichkeit“ erhalten.

Und Beier? Winkt ab und sagt: Ach was. „Ich werde ja auch nicht jünger.“ Also kocht er für Riese, jeden Samstag, immer noch. Letzte Woche Kotelett, Blumenkohl, Kartoffeln. Vorletzte Kasseler, Rotkohl, Klöße.

Spricht er da wirklich? Oder einer seiner Therapeuten?

Für Riese sucht die Klinik gerade einen Platz im betreuten Wohnen, dann geht es weiter wie bei Beier: Führungsaufsicht, Ambulanz, Urinkontrollen, Therapie, Betreuer, Bewährungshilfe, Überwachung und Unterstützung. Ob er sich auf die Freiheit freue? Nee, sagt Riese. Jetzt nicht mehr. „Wir müssen jeden Tag aufpassen, dass sich in Ausnahmesituationen diese Kräfte nicht wieder entfalten.“

Passiert immer wieder, auch bei Beier, dass etwas plötzlich so fremd, fast auswendig gelernt klingt. Wenn Beier etwa sagt: „Ich habe ja nie gelernt, im sozialen Umfeld zu leben.“

Spricht da wirklich er? Oder einer seiner Therapeuten? Nicht mal Beier kann das noch trennen. Und die Juristen wissen das genau.

„Dabei war nicht außer Betracht zu lassen, dass der Angeklagte — aufgrund der Begutachtung in früheren, gegen ihn geführten Strafverfahren – bereits therapieerfahren ist und weiß, worauf es ankommt.“

Etwa zehn Gutachten sind im Lauf der Jahre über Rolf Beier entstanden, ihm ist nach Aussage seiner Therapeuten so ziemlich jede bekannte Ausformung einer dissozialen Persönlichkeitsstörung attestiert worden: emotional-instabil, emotional-schizoid, mehr paranoid als schizoid, narzisstisch, egozentrisch, antisozial, paranoid-dissozial, selbstwertschwach, einzelgängerisch.

In der forensischen Psychiatrie trifft Beier auf eine Therapeutin, die ihn erreicht. Er akzeptiert die Medikamente, öffnet sich, arbeitet in der Fahrradwerkstatt, fängt an, an sich und die Freiheit zu glauben. „Die Tabletten helfen mir, ruhiger zu werden.“

Die Gefährlichkeits-Prognose des Patienten Beier überprüft das Berliner Landgericht einmal alle zwölf Monate. Unter strengen Auflagen kommt Rolf Beier nach weiteren zehn Jahren frei.

Kann das gut gehen?

Die Antwort wartet am Tor 1 der JVA Tegel, Seidelstraße, rechts neben dem Eingang. Alle zwei Wochen steigt Rolf Beier in dem Klinkerbau die Treppe hinauf, klingelt, schaut in die Kamera über der Sicherheitstür. Die Forensisch-Therapeutische Ambulanz wurde 2009 als Kooperationsprojekt zwischen der Charité und den Senatsverwaltungen für Gesundheit und Justiz gegründet. Sie kümmert sich um die harten Fälle: 100 Gewalttäter, Pädophile und Sexualstraftäter frisch auf freiem Fuß, darunter zehn SVler und drei Frauen, viele mit schwieriger Prognose.

Warum er das alles offenlegt? Er will beweisen, dass er kein Monster ist. Dass er sich ändern kann. Sich schon geändert hat.
Warum er das alles offenlegt? Er will beweisen, dass er kein Monster ist. Dass er sich ändern kann. Sich schon geändert hat.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Im zweiten Stock sitzen Tatjana Voß, die Chefin der Ambulanz, und Sandra Schauen, die Therapeutin von Rolf Beier, an einem Besprechungstisch. Sandra Schauen, 42 Jahre alt, schlank, lange braune Haare, offenes Lachen, hat früher im Maßregelvollzug gearbeitet, jetzt ist sie hier zuständig für 24 Männer. Und wie furchtbar die Verbrechen ihrer Patienten auch gewesen sein mögen, Sandra Schauen spricht nie kalt oder abschätzig über sie.

Die Fenster stehen offen, der Blick fällt auf die Gefängnismauer und auf Stacheldraht. Die Alarmknöpfe, die im Zimmer verteilt sind, neben der Tür, unter dem Schreibtisch, am Computer, mussten die Frauen nie drücken. Angst? Kennen sie nur abends aus der U-Bahn.

Heilung im klassischen Sinn gibt es für Beier nicht, die Defizite, das Opfer- und das Tätersein, bleiben in seiner Persönlichkeit verwurzelt, die Empathielosigkeit, die emotionale Instabilität, sein mangelndes Schuldbewusstsein. Mit zunehmendem Alter, der Therapie, den Medikamenten, den Erfolgen in der Fahrradwerkstatt sei Beiers gefährliche Seite „so sehr abgemildert“ worden, dass man ihn freilassen könne. „Das Gewalttätige blinkt nur noch manchmal auf“, sagt Voß. Wenn er unter Druck gerät, sich ausgeliefert oder drangsaliert fühlt. In der Ambulanz soll Beier lernen, mit Rückschlägen umzugehen.

Bei unvorbereitet Entlassenen gibt es eine Rückfallquote von 15 Prozent

Für die meisten kommt es in Freiheit erst mal dicke. Überflutet von Reizen, überfordert von der Bürokratie und oft für den Arbeitsmarkt nicht mehr geeignet: Weil die Ex-Gefangenen das Tempo und die Konzentration nicht halten können, längere Pausen brauchen, nicht mit elektronischen Kassen, Telefonanlagen und Computern umgehen können. Aber keine Arbeit bedeutet: kein Geld, keine Aufgabe, kein Halt.

Der Kriminologe Michael Alex hat in einer Studie die Rückfallquote anhand von 131 Gefangenen erforscht, bei denen die Gutachter SV gefordert hatten, diese aber wegen der Urteile der höchsten Gerichte nicht mehr verhängt werden konnte. Sein Ergebnis: Bei unvorbereitet Entlassenen ohne Nachsorge gibt es eine Rückfallquote von etwa 15 Prozent. Mit dem Programm der Ambulanz konnte das Risiko auf drei Prozent gesenkt werden.

Was erklärt, warum die Frauen so gelassen auf die Freundschaft zwischen Beier und Riese reagieren. „Wir haben mehrere Pärchen aus dem Maßregelvollzug. Die kennen sich seit Jahren, ergänzen sich gegenseitig – wie Yin und Yang.“ Viel mehr Sorgen bereitet ihnen Beiers Arbeitslosigkeit, die Einsamkeit, sein mangelndes Selbstwertgefühl – und die Aussicht, dass eine neue Frau in sein Leben treten könnte. Weil er, wie die Richter damals schon beschrieben hatten, eben immer noch so leicht kränkbar ist.

„Die Ansprüche des Angeklagten an andere sind so überhöht, dass es zwangsläufig zu Enttäuschungen kommt. Die versagende Umwelt wird deshalb als ungerecht und feindselig erlebt. Auf die ihm auf diese Weise zugefügten Verletzungen reagiert der Angeklagte immer wieder mit autoaggressiven oder fremdaggressiven Ausbrüchen.“

Was anderen unbegreiflich vorkommt, erleben Schauen und Voß immer wieder: Dass man Mörder mögen kann. Weil es Menschen sind, die zwar monströse Taten begangen haben, aber Menschen bleiben. Rolf Beier sei „ein Überlebenskünstler“, stehe immer wieder auf, stecke „mit dissozialem Charme“ Rückschläge weg. „Er hat wirklich an sich gearbeitet“, sagt Sandra Schauen.

Den ersten Abend in Freiheit verbringt er mit Currywurst und Pommes

An der Gründung der Ambulanz war auch Prof. Dr. med. Kröber beteiligt, Beiers Gutachter, der die schlimmsten Verbrecher des Landes zu seinem Beruf gemacht hat. Seit dem Tag des Urteils sind sich die beiden nicht mehr begegnet. Im Herbst 2016 ist Kröber emeritiert, er arbeitet weiterhin als Gutachter und in der Forschung. In seinem Büro schaut er nun aus dem Fenster, während er im Stuhl vor- und zurückschaukelt und über die niedrige Rückfallquote nachdenkt. Hat ihn selbst überrascht.

Die ambulante Nachsorge nach der Entlassung sei inzwischen „mindestens so wichtig“ wie die therapeutische Arbeit hinter Gittern. Viele langjährige Kriminelle seien völlig vereinsamt, Therapeuten und Betreuer müssen erst mal Freunde oder die Familie ersetzen. „Wenn wir erreichen, dass der Entlassene uns annimmt als Gesprächspartner, für die es sich lohnt, heil durch die Woche zu kommen, haben wir viel weniger Rückfälle.“ Unter solchen Umständen, da seien sich alle Experten einig, könnten die Patienten auch zügiger aus der SV und dem Maßregelvollzug entlassen werden.

Rolf Beier verbringt seinen ersten Abend in Freiheit – und fast alle folgenden – allein. Mit einer Tasse Kaffee, Currywurst und Pommes. Er sitzt am Tisch in dem sonst noch leeren Zimmer, starrt aus dem Fenster, stundenlang. Keine Gitter, er sieht es ja, doch glaubt es nicht. Beier spürt seltsam wenig. „Ich habe es nicht richtig kapiert, nicht gefühlt.“

Draußen – im Knast klang das nach einem Ort der Verheißung, nach Zukunft. Für Rolf Beier bedeutet draußen vor allem: Arbeit. Er durchlebt mehrere Krisen, Ostern stürzt er richtig ab. Holt sich ein paar Flaschen Weinbrand und säuft drei Tage durch, dann hört er auf, meldet den Verstoß den Betreuern, der Therapeutin, seiner Bewährungshelferin. Seine Bude, sagt er, die ist sein Rückzugsort. Wenn er sauer wird und aggressiv, dann bleibt er hier. Ist sicherer so.

Wenn man Beier fragt, was er sich wünscht, zuckt er ratlos mit den Schultern. Im Urlaub war er nie, nie im Theater, im Museum oder im Konzert, im Kino das letzte Mal vor mehr als 30 Jahren, irgendwo am Ku’damm. Kommt ja alles irgendwann im Fernsehen, sagt Beier. „Auf Streife kiek ich gerne. Duisburg Nord. Medical Detective. Criminal Minds – spannend, wie die das lösen. Und neulich: Die schlimmsten Verbrecher der Welt – das is’ interessant!“

Um Rücksicht, sagen sie, darf man in Berlin nicht bitten

Bald wird auch Jörg Riese entlassen. Beier freut sich, dass er sich kümmern kann. „Drinnen war ich der Starke. Jetzt ist es Jörg. Draußen braucht er wieder meine Hilfe.“ Und Beier muss seine Abende nicht mehr allein verbringen.

Die Freunde sitzen am Kaffeetisch und klagen über den Verfall der Sitten. Goldschimmernde Kuchengabeln klappern auf blauen Glastellern. Gestern erst wieder, sagt Beier, dieser junge Kerl in der U-Bahn, schubst und drängelt, geht dann weiter, als wäre nix gewesen. Typisch, sagt sein Kumpel, aber um Rücksicht bitten dürfe man nicht, „sonst haste gleich ein Stück Metall zwischen den Rippen“. Und wenn einer tot liegen bleibt – wer ist dann angeschissen? Wir!

An der Schrankwandtür kleben Geschenkschleifen, grün, weiß, grau und kupferfarben, Überbleibsel vom letzten Weihnachtsfest. Mit einem Tannenbaum aus Plastik, den holen sie jetzt wieder raus.

So sieht es also aus, das neue Leben des Rolf Beier: 38 Quadratmeter im Osten der Stadt, zwei Männer, die an ihren Zigaretten ziehen, die Vertrautheit und Stille genießen. Sicher vor einer Welt, die ihre Freiheit so fürchtet.

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