Martenstein über die BVG : Nichtfahrmetropole Berlin

Die BVG führt eine Statistik über die "Zahl der nicht gefahrenen Kilometer". Was sich aus dem Nichts machen lässt.

Eine Straßenbahn wird in der Tram-Werkstatt im BVG-Betriebshof Lichtenberg gewartet.
Eine Straßenbahn wird in der Tram-Werkstatt im BVG-Betriebshof Lichtenberg gewartet.Foto: Thilo Rückeis

Über was nicht alles Statistiken geführt werden! Bei der BVG, lese ich, hat sich die "Zahl der nicht gefahrenen Kilometer" von Bussen, U-Bahnen und Straßenbahnen seit letztem Jahr verdreifacht. Wie wohl die Zahl der nicht gefahrenen Kilometer in Hamburg oder Bejing aussieht? Womöglich ist Berlin Weltmeister.

Damit es gerecht ist – Gerechtigkeit, ein Schwerpunktthema des Senats – muss man für die internationale Not Driving Championship die nicht gefahrenen Kilometer jeder Einwohner*In ausrechnen. Anschließend dürfte der Regierende Bürgermeister sagen: "Berlin ist eine funktionierende Nichtfahrmetropole, ein Magnet für Nichtfahrer. Natürlich kann manches noch besser nicht laufen. 2019 werden wir unsere Busse noch weniger Kilometer fahren lassen." Zweiter der Nichtfahrstatistik ist vermutlich das quirlige Kinshasa. Sich beim Nichtfahren von einem noch Nichtfahrenderen überholen zu lassen, wäre peinlich.

Das Nichtfahren hängt mit dem Nichtvorhandensein von Personal, mit extremer Hitze (über 21 Grad) oder extremer Kälte (unter 19 Grad) zusammen sowie dem hohen Alter der Fahrzeugflotte. Alte U-Bahnen können womöglich von Willy Brandt erzählen oder Twist tanzen – nur das Fahren ist halt nicht mehr so ihr Ding.

Falls Schnee fällt, bessert sich die Lage, zumindest psychologisch

In Kinshasa dürfen die Mechaniker altersschwache Achsen mithilfe von Maschendraht und Kaugummi flicken, hier gibt es leider den Tüv. In Berlin haben sie vergessen, rechtzeitig neue Fahrzeuge zu bestellen, insofern besteht die Hoffnung, dass sie auch den Tüv vergessen, dann können sie es mit Kaugummi richten.

TheoFalls Schnee fällt, bessert retisch wäre das Auto eine Alternative. Aber man soll nicht das Auto nehmen, weil es umweltschädlich ist – Umwelt, ein Schwerpunktthema des Senats. Man soll Busse und Straßenbahnen nehmen, die nicht fahren. Diese Konstellation nennt man eine Zwickmühle. Übrigens ist Schwarzfahren demnächst womöglich keine Straftat mehr. Aber wer, frage ich, kann in einer nichtfahrenden U-Bahn schwarzfahren? Schwarzstehen war schon immer legal.

Falls Schnee fällt, bessert sich die Lage, zumindest psychologisch. Früher ärgerten sich die Leute, weil der Berliner Verkehr bei Schnee zum Stehen kommt, aber wenn er sowieso steht, macht ihnen das nichts mehr aus. Man könnte die in den nichtfahrenden Straßenbahnen versammelten umweltbewussten Autobesitzer, die Schwarzsteher und die arbeitslosen Kontrolleure zum Schneeschippen einsetzen.

In einem der letzten strengen Winter, 2012, fiel in Berlin ein Streufahrzeug auf, weil es wegen fehlender Bolzen nicht geradeaus fahren konnte, nur in Schlangenlinien, und weil es statt Streugut Motoröl auf die Straße schüttete. Das Fahrzeug war aber nicht betrunken, obwohl es bereits 18 Jahre alt war und insofern Alkohol trinken durfte.

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