Max-Dortu-Preis in Potsdam : Ströbele erhält Preis für Zivilcourage

Hans-Christian Ströbele erhielt in Potsdam den Max-Dortu-Preis für Zivilcourage und gelebte Demokratie. Der 78-jährige will auch nach seiner Zeit im Bundestag politisch mitmischen.

René Garzke
Der langjährige Abgeordnete Hans-Christian Ströbele trat bei der diesjährigen Bundestagswahl nicht mehr an.
Der langjährige Abgeordnete Hans-Christian Ströbele trat bei der diesjährigen Bundestagswahl nicht mehr an.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Er fährt und schiebt sein Fahrrad durch ganz Berlin: zum Bundestag, zu Demonstrationen und zum Büro – nahezu ein Alleinstellungsmerkmal für einen Politiker aus den vorderen Reihen. Nach Potsdam aber ist der Noch-Bundestagsabgeordnete Hans-Christian Ströbele (Grüne) am gestrigen Sonntag mit dem Auto gekommen. Für den 78-jährigen Bundespolitiker war es ein freundlicher Empfang im Potsdam Museum, die Stadt hat ihn als ersten Träger des „Max-Dortu-Preises für Zivilcourage und gelebte Demokratie“ auserkoren.
„Der Preis soll all jenen Mut machen, die etwas bewegen wollen“, sagte Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD) in seiner Eröffnungsrede. Ströbele als erster Preisträger passt da gut ins Bild. Denn bewegen wollte auch er viel, der zur Parteilinken der Grünen zählt und seine politischen Wurzeln in der Außenparlamentarischen Opposition (Apo) der 68er hat. Gleichwohl erkennt Ströbele heute an: „Die Revolution, die ich damals wollte, die wir – die Apo – wollten, haben wir nicht erreicht.“ Das verbinde ihn mit Max Dortu und der Märzrevolution von 1848/49, sagte der Jurist.

Umsonst seien die Mühen der 68er dennoch nicht gewesen. „Die gesellschaftlichen Verhältnisse haben wir in der Tat mitgeholfen, radikal zu verändern“, sagte Ströbele. Als Beispiele nannte der Grüne die abgeschaffte Prügelstrafe, die neu gewonnen Frauenrechte oder den gestrichenen „Schwulen-Paragrafen“, der Homosexualität unter Strafe stellte.

Es gibt noch viel zu tun

Während seines Marschs durch die Institutionen profilierte sich Ströbele durch seine Kernthemen. Äußerst engagiert ist der Parteilinke etwa, wenn es gegen Auslandseinsätze der Bundeswehr, um Migration oder die Kontrolle der Nachrichtendienste geht. Stets begleitete er die politische Landschaft – die eigene Partei nicht ausgenommen – misstrauisch, legte den Finger in die Wunde. Als Rechtsanwalt wurde Ströbele insbesondere dafür bekannt, dass er in den 1970er-Jahren RAF-Mitglieder verteidigte.
Daran, mit der Politik aufzuhören, denkt der 78-Jährige aber nicht. Auch wenn er es inzwischen ruhiger angeht und in diesem Jahr nicht mehr für den Bundestag kandidierte. „Ich fühle mich durch diesen Preis dazu angespornt, jetzt nicht nur zu Hause zu sitzen“, sagte Ströbele. „Ich werde weiter politisch tätig sein, denn die Aufgaben sind noch nicht erledigt.“

Verliehen werden soll der mit 5000 Euro dotierte Preis künftig alle zwei Jahre, kündigte Oberbürgermeister Jakobs an. Nicht ohne Ironie war es, dass Jakobs auch das Gedenken an den in Potsdam geborenen Dortu lobte und sagte: „Zwar wurde in Potsdam kein Denkmal für Dortu errichtet, das Gedenken an ihn aber erlosch nie.“ Denn: In den vergangenen Jahren hatte es immer wieder Kritik am nur mäßigen Interesse des Rathauses an Dortu gegeben.

Erst im Jahr 2016 beteiligte sich die Stadt erstmals als Mitveranstalter an der jährlichen Gedenkkundgebung von der Fraktion Die Andere und dem Verein zur Förderung antimilitaristischer Traditionen. Im Klartext: Bis sich das Rathaus dazu durchringen konnte, die Geschichte Dortus mit der Gegenwart zu verbinden, ging nach der Wiedervereinigung ein Vierteljahrhundert ins Land.

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