Mobbing in Berliner Schulen : "Ausgegrenzt, weil ich Deutscher bin"

Der Tagesspiegel hat seine Leserschaft dazu aufgerufen, von Erfahrungen mit Mobbing zu berichten. Es melden sich weitere Betroffene. Hier sind ihre Schilderungen.

Julia Kopatzki
Allein gelassen. Vielfach finden Mobbing-Opfer keine Unterstützung.
Allein gelassen. Vielfach finden Mobbing-Opfer keine Unterstützung.Foto: ute Grabowsky/Photothek/Imago

Auf unseren Aufruf, Erfahrungen mit Mobbing in der Schule zu schildern, erreichten uns weitere Schilderungen. Eine Auswahl.

Die Geschichte einer Tochter

„Ich würde gerne die Geschichte meiner Tochter erzählen, deren Tod unter anderem auch eine Folge des Mobbings und der Teilnahmslosigkeit ihrer Schule war. Sie beschwerte sich schon in der 9. Klasse über ihre Mitschüler an einem Gymnasium, die ihr das Leben mit Kommentaren und Dingen wie Schulranzen ausleeren, Stifte klauen schwer machten. Sie schwänzte die Schule, was uns diese erst nach sieben Tagen mitteilte. Zusätzlich wurde eine Essstörung diagnostiziert, was bei den Schülern auch zum Thema wurde. Leider nicht konstruktiv. Was und ob überhaupt etwas mit ihr und den Schülern von Seiten der Schule getan wurde, haben wir nicht erfahren.

Zu der Zeit äußerte sie den Wunsch, auf ein anderes Gymnasium zu wechseln. Da aber leider ihre Noten stark abgefallen waren – sie war eigentlich eine gute Schülerin, hatte in der Grundschule auch eine Klasse übersprungen – und Mobbing kein ausreichender Grund für einen Schulwechsel ist, wurde mir mein Schreiben dort von der Schulsekretärin direkt wieder in die Hand gedrückt, mit der Erklärung, dass man für solche Kinder an der Schule keinen Platz hätte.

Meine Tochter schleppte sich weiter durch die 10. Klasse. Sie legte sich eine persönliche kleine Schutzmauer zu und versuchte, die anderen zu ignorieren. In der 11. Klasse wurde es besser, die Klassenstruktur wurde aufgelöst und in der Oberstufe kamen doch einige neue nette Schüler in ihr Leben. Wir atmeten ein bisschen auf. Leider fing sie in der Zeit auch an, unter Depressionen zu leiden und mit Drogen zu experimentieren.

In der 2. Hälfte der 11. Klasse war sie dann ungefähr sechs Wochen nur sporadisch in der Schule, was ich selber herausfinden musste, die Schule hatte es nicht für nötig empfunden, uns schnell in Kenntnis zu setzen, was ich nach wie vor nicht begreife bei einem Kind das schon eine Geschichte in dieser Richtung hat. Darauf angesprochen, erklärte meine Tochter mir, dass sie es einfach nicht mehr aushalte in der Schule, und wir beschlossen, sie nach der 11. Klasse von der Schule zu nehmen. Dafür hätte sie noch sechs Wochen gebraucht. Aber der Gedanke war ihr anscheinend so unerträglich, dass sie sich Ende Mai letzten Jahres, am Tag ihres 16. Geburtstags, das Leben nahm.

Jetzt, fast ein Jahr danach denken wir immer noch über die vielen "Hättes" nach, eins davon ist eben der, ob ein Schulwechsel das nicht verhindern hätte können.“

"Als deutscher Schüler ausgegrenzt"

„Ich gehe in die siebte Klasse auf ein Gymnasium in Schöneberg. Dort werde ich ausgegrenzt, weil ich Deutscher bin und Schweinefleisch esse. Es wird auf Türkisch und arabisch über mich gelästert. Auf deutsch werde ich als Hurensohn oder gefickte Hure beschimpft. Außerdem werde ich ab und zu geschlagen und getreten. Wenn ich anderen Jungen zu nahe komme, beschimpfen sie mich als schwul und treten mich. Mädchen werden in meiner Klasse als Schlampen bezeichnet, wenn sie schulterfreie Shirts tragen. Ich versuche seit vielen Monaten, die Schule zu wechseln, finde aber keinen freien Schulplatz. Das Schulamt und die Schule helfen mir nicht. Wir müssen alle Schulen einzeln abfragen, aber die siebten Klassen sind überall voll.“

Die Zicke, die immer petzte

„Meine Tochter ist selbstbewusst, hat eine starke Stimme und kennt schon sehr gut ihre Rechte. Im Klassenzimmer wurde sie seit der 1. Klasse fast immer neben die schwierigen Kinder gesetzt, denn „wenn ein sensibles Mädchen neben X oder Y sitzt, wird sie sofort gefressen“. Also entschied sich der Lehrer immer für mein Kind. Schulalltag für sie: Polizei machen gegen Kinder, die absichtlich die Klassenarbeit gestört haben. „Hör auf!“ „Ich kann mich nicht konzentrieren“ „Herr Lehrer, X sagt das, X macht das“. So wurde sie allmählich die Zicke, die immer petzt. Auf dem Schulhof haben sich die anderen dann revanchiert: „Wir wollen, dass du von der Schule fliegst“. Wir haben die Lehrer kontaktiert. Mussten zweimal schreiben bis uns ein Termin angeboten wurde. Die Diskussion war sinnlos. Die Lehrer, meinten dass sie die Jungs provoziere, und es sei dann normal, dass die sauer auf sie seien. Der Klassenlehrer hat aber akzeptiert, dass sie den Platz wechselt.“

Gemobbt wegen Migrationshintergrunds

„Ich bin Abiturientin mit Migrationshintergrund und wurde seit Beginn meiner Schulzeit gemobbt. In der 10. Klasse im Fach Ethik begannen wir über Religion zu sprechen. Nichts ahnend begann ich über meine eigenen Ansichten zu sprechen und meine Gedanken zu teilen. Am nächsten Tag kam meine Lehrerin in den Unterricht guckte zu mir und sagt: ‘Du bist unterdrückt! Deine Religion ist frauenfeindlich und eine eigene Meinung hast du auch nicht!‘ Mit diesem Satz begann sie ihren Monolog über ‘meine‘ Religion und wieso ich unterdrückt sei. Zwei Stunden lang haben meine Lehrerin und meine Klassenkameraden mich runtergemacht, beleidigt und mir den Mund verboten. Ich war alleine und machtlos, so wie viele andere, die von Mobbing, Rassismus und Diskriminierung betroffen sind.“

"Täter werden in Schutz genommen"

„Meine Tochter wird seit letztem Sommer gemobbt. Inzwischen ritzt sie sich, hat Depressionen. Sie war schon in einer Klinik und ist noch in psychiatrischer Behandlung. Mobbing ist auf der Schule meiner Tochter ein großes Problem. Ich habe mich mit einigen Eltern zusammen getan und wir wollen zusammen mit der Schule etwas dagegen tun, leider sind uns in vielen Sachen die Hände gebunden, da wir immer alles mit der Schulleitung abklären müssen. Das Problem ist auch, dass die finanziellen Mittel der Schule stark eingegrenzt sind, so das man nicht viele Möglichkeiten hat. Es ist wirklich traurig wie die Täter in Schutz genommen werden und die Opfer damit kämpfen müssen, ihr Leben wieder auf die Reihe zu bekommen.“

"Erst an der Oberschule hörte es auf"

„Anders als bei vielen Beispielen, lässt sich das Mobbing bei mir nicht an äußerlichen Merkmalen oder einem Bezug zu Herkunft oder Religion fest machen. Ich war einfach von meiner Art her etwas anders. Etwas näher am Wasser gebaut, ungeduldiger, verträumter vielleicht... Jedenfalls wurde ich in der Grundschule die ganzen sechs Jahre jeden Tag gemobbt. Mir wurden Papierkügelchen an den Kopf geworfen, es hieß, ich habe ‘die Pest‘, ich wurde geschubst und getreten, angespuckt, mit Saft begossen, meine Sachen wurden in den Müll geworfen. Ich habe es irgendwann aufgegeben, meinen Eltern von dem Mobbing zu erzählen, weil ich ihnen keine Sorgen bereiten wollte. Die Lehrer konnten anscheinend nichts tun. Aufgehört hat es erst, als ich in die Oberschule gekommen bin.“

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