Problembahnhof in Berlin-Neukölln : Bahn will Drogenszene mit Musik vergraulen

Atonale Klänge gegen unerwünschte Dauergäste: Auf dem S-Bahnhof Herrmannstraße soll die Drogenszene mit Musik vertrieben werden. Auf dem Bahnsteig soll aber nichts zu hören sein.

Schmuddelbahnhof Hermannstraße
Schmuddelbahnhof HermannstraßeFoto: imago/Olaf Selchow

Drogenabhängige sitzen auf der Zugangstreppe und geben sich ganz öffentlich ihren Schuss: Alltag im S-Bahnhof Hermannstraße in Neukölln. Dagegen will die Bahn jetzt vorgehen und den Aufenthalt im Zugangsbereich so unattraktiv machen, dass die unerwünschten Dauerbesucher das Weite suchen: Atonale Musik soll sie vertreiben. Der Versuch soll noch in diesem Jahr beginnen.

Es ist ein Experiment, sagte jetzt der Herr über rund 550 Bahnhöfe der Region Ost der Deutschen Bahn, Friedemann Keßler. Welches Stück ausgewählt werde, stehe noch nicht fest. Auf atonale Musik ist man gekommen, weil sie herkömmliche Hörgewohnheiten völlig unterläuft. Wenige finden sie schön, viele empfinden sie zum Weglaufen. Und genau darauf setzt die Bahn.

Der Spagat sei schwierig, sagte Keßler. Denn die Musik dürfe ja keine Fahrgäste vertreiben. Diese seien den ungewohnten Tönen aber auch nur kurzzeitig ausgesetzt; auf dem Bahnsteig sollen sie nicht erklingen. Zudem wolle man verschiedene Lautstärken ausprobieren. Der finanzielle Aufwand sei nicht besonders hoch, sagte Keßler weiter.

Einen ähnlichen Versuch gab es schonmal

Neu ist der Versuch nicht. 2010 probierte die BVG, vor allem Drogenhändler mit einer Dauerberieselung von U-Bahnhöfen zu vertreiben. Damals mit klassischer Musik. Ausgewählt hatte die BVG das Zwischengeschoss Bahnhof Adenauerplatz an der U 7,

auf dem zumindest damals kaum mit Drogen gehandelt worden war. Zudem war die Musik extrem leise eingestellt, um die zahlreichen Mitarbeiter in den dortigen Läden nicht zu sehr zu nerven. Der Test wurde schnell wieder aufgegeben.

Auch am Hamburger Hauptbahnhof soll klassische Musik ungeliebte Besucher fernhalten. Manchen gefällt die Musik aber so gut, dass sie sogar länger bleiben als zunächst beabsichtigt. Mit atonaler Musik wird das nicht passieren, ist man bei der Bahn überzeugt. Und wenn das Experiment nicht klappt, werde man es aufgeben. „Wir müssen probieren statt zu kapitulieren“, sagte Keßler.

Dies gilt auch für andere Stationen, die durch besondere Projekte „aufgewertet“ werden sollen. In diesem Jahr stehen insgesamt 17 der 132 Berliner Bahnhöfe auf dem Programm, für das nach Keßlers Angaben 5,3 Millionen Euro bereitstehen. Neben einer intensiven Reinigung und dem neuen Versuch, Tauben zu vergrämen, haben die Bahner um Keßler auch außergewöhnliche Ideen entwickelt. So soll es am Bahnhof Alexanderplatz wieder eine farbige Außenbeleuchtung geben. Sie war schon vor Jahren installiert worden, ist aber inzwischen so marode, dass sie kaum noch zu erkennen ist. Jetzt will die Bahn sie wieder zum strahlenden Leuchten bringen. Im Bahnhof Lichtenberg will sie mit 3-D-Drucken experimentieren, die an Stützen den Eindruck von Efeu erwecken sollen. Vor allem aber will die Bahn auf Fotos setzen, die heute triste Wände auflockern sollen. Vorbild sind hier die Bahnhöfe im Nord-Süd-Tunnel sowie unter anderem die Stationen Schönhauser Allee und Bornholmer Straße, auf der die Bilder bereits seit 2016/17 zu sehen sind.

Bunte Bahnhöfe soll es geben, aber Aufzüge dauern ewig

Und auch farbiger sollen die Bahnhöfe werden. An der Warschauer Straße ließ die Bahn Treppenwände so bemalen, dass sich die Partygänger dort in den Motiven wiederfinden sollen; weitere bunte Stationen sollen folgen. Auch der triste Tunnel im Bahnhof Flughafen Schönefeld hat inzwischen farbige Wände erhalten – mit Flughafenmotiven.

Den größten Batzen Geld schluckt, wie berichtet, der Umbau des Bahnhofs Charlottenburg, für den allein 1,3 Millionen Euro veranschlagt sind. Unter anderem soll es dort „intelligente Schließfächer“ geben, in die Lieferservice-Unternehmen bestellte Ware liefern können, wenn der Empfänger nicht zu Hause ist. Auch hier will die Bahn mit Licht und Farbe sowie sogar mit Grünflächen den Bahnhof optisch aufwerten.

Aber auch technisch tut sich einiges. Fortgesetzt wird der Einbau von Aufzügen. Bis 2023/24 sollen Anlagen in den Bahnhöfen Wilhelmshagen, Warschauer Straße, Gehrenseestraße, Hirschgarten, Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik, Nöldnerplatz und Marienfelde eingebaut werden. Hier zeigt sich aber auch eines der größten Probleme: Im stark frequentierten Bahnhof Yorckstraße soll es nicht vor 2036 einen Aufzug zum Bahnsteig der Linien S 2, S 25 und S 26 geben. Der Aufzug könne erst mit dem Weiterbau der Strecke vom Nordring über den Hauptbahnhof und den Potsdamer Platz zum Südring, S 21 genannt, installiert werden, sagte Keßler. Wann die S 21 kommt, ist derzeit völlig ungewiss. Bereits der Zeit- und Kostenplan für das kurze Stück vom Nordring zum Hauptbahnhof ist längst unhaltbar geworden. Die BVG will dagegen, wie berichtet, mit der Sanierung des U-Bahnhofs Yorckstraße an der U 7 im nächsten Jahr beginnen – allerdings auch mit Verspätung.

Immerhin sollen Fahrgäste der S-Bahn auf fünf weiteren Stationen wissen, wann oder ob ihr Zug fahren wird. Sie erhalten moderne Zielanzeiger. Pro Bahnhof werden dafür nach Keßlers Angaben rund 100 000 Euro fällig.

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!

85 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben