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Sex als Ware. Der Verein Sisters lehnt Prostitution ab.

© dpa / Andreas Arnold

Streit um Verbot von käuflichem Sex: „Prostitution ist Gewalt“

Der Verein Sisters hilft Frauen beim Ausstieg aus der Prostitution. Ein Gespräch über die schwierige Situation der Betroffenen – und das Narrativ, dass „die meisten das selbstbestimmt machen“.

Annika K. engagiert sich ehrenamtlich beim Verein Sisters – für den Ausstieg aus der Prostitution!“ . Zum Schutz ihrer Privatsphäre möchte sie hier nicht mit vollem Nachnamen genannt werden.

Frau K., wie hat Corona die Arbeit Ihres Vereins verändert?
Die Zahl der prostituierten Frauen, die uns um Unterstützung bitten, ist deutlich mehr geworden. Sie wollen nicht gegen die Corona-Verordnungen verstoßen, arbeiten also nicht, und brauchen dringend Hilfe.

Wollen diese Frauen langfristig aussteigen?
Nicht alle. Manche sehen unsere Unterstützung als Überbrückung, lassen sich offen, ob sie später in die Prostitution zurückkehren. Das hängt auch davon ab, welche Chancen sich in der Zwischenzeit bieten. Andere sind sich sicher, dass sie nie wieder anfangen wollen. Die sagen uns: krass, was dieser Job mit mir gemacht hat. Das will ich mir nicht mehr antun, das zerstört mich. 

Wissensstand. Der Verein informiert über das Thema Ausstieg aus der Prostitution.

© promo

Wie können Sie konkret helfen?
Viele brauchen erstmal einen festen Wohnsitz mit Meldeadresse, eine Sozialversicherungsnummer, ein Konto. Wir begleiten sie zum Beispiel bei Ämtergängen, Terminen bei Ärztinnen, Ärzten oder dem Jobcenter. Wir geben auch Deutschunterricht. Gestern haben wir eine Wohnung renoviert für eine Frau, die seit Jahren obdachlos war. Unser Verein kann auch bei der Suche nach einer Therapeutin helfen. Aussteigerinnen sind oft traumatisiert. Gerade begleite ich eine Frau, bei der vieles zusammen kommt: hohe Schulden, Wohnungslosigkeit, keine Ausbildung… Die Schulden begleiten sie schon lange, sie waren der Grund für den Einstieg in die Prostitution. Sie hoffte, die so abtragen zu können, es hat sich aber nur verschlimmert.

Sie sind eigentlich Lehrerin an einer Schule in Schöneberg. Warum engagieren Sie sich bei Sisters?
Ich habe, wie viele andere im Verein, einen feministischen Hintergrund. Als wir vor vier Jahren die Berliner Ortsgruppe gründeten, waren wir zu sechst, inzwischen sind wir um die 20. Uns eint, dass wir Prostitution als Gewalt ansehen und sie für uns mit einer Gleichstellung der Geschlechter nicht vereinbar ist. Denn Prostitution hat schlimme Auswirkungen auf die Menschen in der Prostitution – und auch auf die gesamte Gesellschaft.

Das widerspricht deutlich der Sichtweise der Berufsverbände von Bordellbetreibern und Sexarbeitern. Die behaupten, die Mehrheit der Frauen arbeite selbstbestimmt und freiwillig.
Auf der Kurfürstenstraße können sich alle ein Bild von der vermeintlichen Freiwilligkeit machen. Die Zuhälter stehen einige Meter hinter den Frauen und kassieren ab. Natürlich steht nicht hinter jeder Frau ein prügelnder Zuhälter. Bei anderen sind es der eigene Freund oder die Familie, die Druck ausüben, oder andere Abhängigkeitsverhältnisse, wie Drogenabhängigkeit, die die Frauen in die Prostitution bringen. Selbstbestimmtes Arbeiten ist in der Prostitution die Ausnahme.

Die Öffnung der Bordelle ist für mich unter keinen Umständen vertretbar

Annika K., Verein Sisters

Die Berufsverbände fordern aktuell: „Öffnet die Bordelle jetzt!“ Halten Sie das angesichts Covid-19-Infektionsrisiken für verantwortbar?
Eine Öffnung der Bordelle ist für mich unter keinen Umständen vertretbar. Die Frauen wären dadurch einem weiteren gesundheitlichen Risiko ausgesetzt. Sie brauchen dringend Unterstützung und die Möglichkeit auszusteigen.

Prostitution in Deutschland

  • Von 1901 bis 2002 war die Prostitution in Deutschland sittenwidrig
  • 1965 wurden Prostituierte als Berufsverbrecher eingestuft
  • 2002 wird Prostitution als Beruf anerkannt
  • seit 2017 gilt das Prostituiertenschutzgesetz

Sie treten auch, unabhängig von Corona, für die Einführung eines permanenten Sexkaufverbots ein, wie es im „nordischen Modell“ enthalten ist und in Schweden seit 20 Jahren gilt.
Wir wollen, dass diejenigen, die von der Ausbeutung der Frau profitieren, bestraft werden. Nicht die Frau, der das widerfährt. Wir möchten die Nachfrage eindämmen und einen Bewusstseinswandel in der Gesellschaft erreichen. Gleichzeitig muss es aber unbedingt Ausstiegs- und Hilfsangebote geben. Der Staat muss Geld locker machen, um eine flächendeckende Unterstützung der Frauen zu gewährleisten. Ein Sexkaufverbot allein reicht nicht aus.

Protest vorm Bundesrat. Anfang Juli demonstrierten Sexarbeitende gegen die Corona-Beschränkungen.

© dpa / Wolfgang Kumm

16 Bundestagsabgeordnete von Union und SPD haben sich jetzt in einem offenen Brief für das nordische Modell ausgesprochen, darunter der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach.
Das ist ein toller Anfang. Und auch bei Linken und Grünen finden sich Menschen die für das nordische Modell sind.

Sexarbeiter werfen Ihnen vor, Sie hingen einem „sexnegativen Feminismus“ an, könnten sich Frauen beim Sex nur in der Opferrolle vorstellen. Das sei eigentlich patriarchales Gedankengut im feministischen Gewand.
Wir sind nicht gegen Sex. Wir sind gegen Gewalt. Das Machtgefälle in der Prostitution lässt keinen Sex auf Augenhöhe zu. Es geht hierbei nur um die Befriedigung männlicher Lust. Prostitution ist zutiefst patriarchal.

Gibt es bei den Frauen, denen Sie beim Ausstieg helfen, eine Rückfallquote?
Natürlich. Ausstieg bedeutet nicht: Man macht einmal diesen Schritt und ist draußen. Es gibt immer wieder Phasen im Leben, die einen zurückwerfen. Das gehört zum Prozess dazu. Oft ist auch die Einsamkeit nach dem Ausstieg ein Problem. Die Prostitution war ihr Leben, in dem sie sich zurechtfanden, so widrig es auch war. Die Frauen haben oft keine sozialen Kontakte, keine Freundinnen außerhalb der Prostitution. Wer da rausgeht, verliert alle Kontakte – und sei es nur die Freundschaft zu dem Türsteher des Stammbordells. Gerade heute hat mir eine Aussteigerin erzählt, wie sie versuchte, zu einer anderen Prostituierten Kontakt zu halten. Die hat sich zurückgezogen. Auch das wollen wir als Sisters bestmöglich auffangen. Einfach da sein und zuhören.

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