Kunst mit hohem emotionalem Wert

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Provenienzforschung in Berlin : Raub und Rückkehr
„Die verlorenen Objekte befinden sich heute meist in Privatbesitz.“ Rechtsanwältin Imke Gielen in der Kanzlei von Trott zu Solz.
„Die verlorenen Objekte befinden sich heute meist in Privatbesitz.“ Rechtsanwältin Imke Gielen in der Kanzlei von Trott zu Solz.Foto: Mike Wolff

Zu den Nutzern wird dann auch die Rechtsanwältin Imke Gielen gehören. Wer sie in der Kanzlei Von Trott zu Solz Lammek am Kurfürstendamm besucht, stutzt am Eingang. Eine Gedenktafel neben der Tür erinnert an Jeanne Mammen. Zwischen 1919 und 1976 wohnte die Künstlerin hier ebenfalls im vierten Stock, allerdings im Hinterhaus, wo sie während des Nationalsozialismus im Verborgenen weiterarbeiten konnte – nicht verfolgt, aber doch gefährdet durch ihren expressiven Zeichenstil. Berliner Kunstgeschichte und „Drittes Reich“ kreuzen sich schon im Entree.

Von Trott zu Solz, das ist in Berlin ein bekannter Name in Sachen Restitution, die Kanzlei lieferte damals dem Senat das Gutachten zu Kirchners „Straßenszene“ und wurde dafür von den Gegnern der Rückgabe gescholten. Dass die Erben dem Land die einst für den Kauf gezahlten zwei Millionen Euro nach der New Yorker Versteigerung zurückerstatteten, ist den wenigsten bekannt, erzählt die Rechtsanwältin mit einer gewissen Bitterkeit. Doch sprechen möchte sie darüber eigentlich nicht mehr.

Lieber lobt sie im Namen der von ihr vertretenen Familie Haussmann die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, wie in einer Pressemeldung der Stiftung zu Jahresbeginn zu lesen ist. Dort wurden Restitution und Verbleib der Broebes-Federzeichnung im Kupferstichkabinett gemeldet. Gielen hatte den Fall betreut, Vertreter des Museums mit der in England lebenden Erbin des Kunstsammlers Fritz Haussmann zusammengebracht – und eine Einigung mit der Stiftung erzielt, die von sich aus auf die alte Dame zugetreten war.

Privatleute müssen die Herkunft ihres Kunstbesitzes nicht offenlegen

Auch für die Anwältin ist die Lösung ein Happy End. Zwar traf die Restitution kein prominentes Werk wie das Gemälde von Guiseppe Crespi, ebenfalls aus der Kollektion Haussmann, das in der Studiensammlung am Kulturforum hing. Aber geraubte Kunst besitzt für die Nachfahren häufig vor allem einen emotionalen Wert, manchmal ist sie die letzte Erinnerung an das einstige Zuhause. So erlebte Gielen, wie bei einem anderen Fall im Laufe der Recherchen ein Chardin seine Echtheit verlor, fortan nur noch als Werk im Stil des französischen Malers galt und im Wert dadurch sank. Für die Familie blieb das Bild dennoch eine Kostbarkeit.

Imke Gielen kennt das Geschäft seit vielen Jahren, ihre Kanzlei vertritt seit der Wiedervereinigung jüdische Familien, damals noch als Rechtsvertreterin bei der Restitution von Grundstücken und Immobilien. Als die Prozesse Mitte der Neunziger abgeschlossen waren, stand die Frage nach den ebenfalls im „Dritten Reich“ verloren gegangen Sammlungen weiter im Raum – ein neues Feld für die Anwälte. Gielen verfolgt den umgekehrten Weg wie die Museen, die ausgehend vom vorhandenen Objekt ihre Nachforschungen beginnen. Die Juristin fragt zuerst, welche Werke eine Familie besaß, wie die Objekte abhandengekommen sind, dann legt sie los. Mithilfe der Lost-Art-Datenbank beim Zentrum für Kulturgutverluste in Magdeburg, das rund 100.000 Objekte aufführt, können Suchende fündig werden. Die Kanzlei tritt dann an das entsprechende Museum heran. Mal handelt es sich um ein kleines Blatt, das nur mit 600 Euro beziffert ist, mal um ein bedeutendes Gemälde für 50.000 Euro.

„Die Bereitschaft zur Einigung mit den Erben wächst.“ Florian Illies, Micaela Kapitz und Markus Krause, Partner des Auktionshauses Villa Grisebach in Charlottenburg.
„Die Bereitschaft zur Einigung mit den Erben wächst.“ Florian Illies, Micaela Kapitz und Markus Krause, Partner des Auktionshauses...Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Die prozentual beteiligte Kanzlei geht allen Fällen nach. Eine Mischkalkulation, denn so manche verloren gegangene Kollektion umfasst über tausend Objekte, große und kleine. Etwa die des Kölner Industriellen Ottmar Strauß, der auf Kunstgewerbe spezialisiert war, darunter auch Meißner Porzellan. „Der Großteil dieser unzähligen verlorenen Gegenstände befindet sich heute wohl in Privatbesitz“, sagt Imke Gielen. „Wo sollen sie sonst auch sein? Sie können ja nicht alle in Museen sein.“ Das Auftauchen der Sammlung Gurlitt bestätigt diese Vermutung. Anders als Museen können Privatpersonen nicht gezwungen werden, die Herkunft ihres Kunstbesitzes offenzulegen oder gar herauszugeben, wenn es sich um gutgläubigen Erwerb handelt oder der Kauf weit zurückliegt.

Dann und wann kommt ein Stück auf den Markt, wenn die nachfolgende Generation den Geschmack der Eltern nicht mehr teilt und es etwa zur Auktion in die Villa Grisebach gibt. Das Berliner Versteigerungshaus residiert einen Katzensprung von der Kanzlei Gielens entfernt in einer alten Villa in der Fasanenstraße, West-Berlins Meile für den gehobenen Kunsthandel. Wird ein Lesser Ury, ein Max Liebermann angeliefert, sind Florian Illies, Micaela Kapitzky, Markus Krause, alle drei Partner der Villa Grisebach, sogleich alarmiert. Denn beide Maler gehörten zu den bevorzugten Künstlern jüdischer Sammler. Bislang galt der Signatur-Stempel Liebermanns als Ausweis erster Güte, heute weiß man, dass hier Unrecht geschah. Die Bilder wurden erst gestempelt, als sich die Witwe in höchster Not befand und verkaufen musste, um auszureisen. Martha Liebermann gelang die Emigration nicht mehr, am Vorabend ihrer Deportation nahm sie sich das Leben.

Museen sichern sich ab, bevor sie ein Werk ankaufen

Bei der Villa Grisebach kommt es immer wieder zu solchen Einlieferungen mit „problematischem“ Hintergrund, wie es im Jargon heißt. Pro Auktion drei bis vier Werke, die Zahl nimmt zu. Häufig wurde die Kunst von den Käufern ahnungslos erworben oder stammt von den Großeltern. Mit den Recherchen für den Auktionskatalog kommt erst die ganze Vorgeschichte ans Licht. „Die Bereitschaft der Anbieter wächst, sich mit den Erben zu einigen“, sagt Markus Krause, Experte für Moderne Kunst im Hause.

Versteigern kann die Villa Grisebach solche Bilder nicht. Gutgläubiger Besitz gilt für den künftigen Besitzer nicht mehr. Für den seriösen Markt ist ein solches Bild tabu. Will der Einlieferer es verkaufen, muss er einen Kompromiss mit den Erben finden, das Auktionshaus hilft hierbei als Vermittler. Schließlich ist es am künftigen Erlös beteiligt. Meist geht ein Drittel des Preises an den einstigen Besitzer, zwei Drittel an den Einlieferer. Der Kompromiss kommt auch vor dem Hintergrund zustande, dass der Einlieferer sein Werk zurückziehen kann. Verkaufen muss er schließlich nicht.
Der Markt ist also sensibilisiert. Auch die Museen müssen sich akribisch absichern, bevor sie ein Werk kaufen. Nicht immer gelingt das. Der Förderverein des Bode-Museums hat einen Modus gefunden, als er die Muttergottes mit dem Jesuskind des Ulmer Bildschnitzers Michel Erhart für die Skulpturensammlung erwarb. Die Provenienz ließ sich nicht vollständig klären, zumal ein Wiener Kunsthändler, der bei der „Arisierung“ jüdischen Besitzes eine Hauptrolle spielte, zu den Zwischenstationen gehört. Trotzdem hat der Kaiser-Friedrich-Museumsverein sich zum Kauf entschlossen – und eine Ausfallbürgschaft bereitgestellt, sollte es durch neue Erkenntnisse der Provenienzforschung zu einer Restitution kommen.

„Provenienzforschung kann nicht alle Lücken schließen.“ Petra Winter, Leiterin des Zentralarchivs der Staatlichen Museen zu Berlin.
„Provenienzforschung kann nicht alle Lücken schließen.“ Petra Winter, Leiterin des Zentralarchivs der Staatlichen Museen zu...Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Für Petra Winter, die Leiterin des Berliner Zentralarchivs, ist dieser Weg beispielhaft für den künftigen Ankauf ungesicherter Werke, um überhaupt Erwerbungen tätigen zu können. „Die Museen stehen mit dem Rücken zur Wand“, sagt sie. „Provenienzforschung kann nicht alle Lücken schließen. Häufig gelingt es nur, einen Verdacht auszuschließen.“ Die Historikerin und Archivarin ist nicht nur Herrin über 4000 laufende Meter Schriftgut – sämtliche Museumsakten der Stiftung, diverse Künstlernachlässe, die Fotosammlung und Baupläne lagern bei ihr –, sie koordiniert außerdem den Einsatz der Forscher in den Häusern der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. „Wir sind das schlechte Gewissen und historische Gedächtnis“, umschreibt sie ihren Arbeitsplatz. Auf Überraschungen ist sie gefasst, wie 2004 bei Caspar David Friedrichs „Watzmann“. Aus den Erwerbungsakten von 1937 war bis dahin nicht zu erkennen, dass der einstige Besitzer zum Verkauf gezwungen war. Während der Verhandlungen mit den Erben und dem anschließenden Ankauf durch eine Bank, die das Werk als Dauerleihgabe zur Verfügung stellt, blieb der „Watzmann“ an seiner Wand in der Alten Nationalgalerie hängen. Die Rückgabe ging für das Bild bewegungslos vonstatten, still und leise. Aus Diskretionsgründen blieb auch der Preis ungenannt. Das Glück für alle bestand darin, dass es bleiben durfte.

Lesen Sie hier: "Wie Berlin loslassen lernte" - eine kleine Geschichte der Restitutionen aus Berliner Besitz.

Dieser Text erschien zunächst in unserer gedruckten Samstagsbeilage Mehr Berlin. Die Autorin hat zusammen mit Meike Hoffmann, Mitglied der Taskforce „Schwabinger Kunstfund“, die Biografie „Hitlers Kunsthändler. Hildebrand Gurlitt 1895–1956“ geschrieben. Das Buch erscheint am 9. März im C.H. Beck Verlag.

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