Installation "Spirits" : Das Schwule Museum eröffnet eine Dyke Bar

Ob Berlin oder San Francisco: Selbst in queeren Metropolen gibt es keine oder nur noch wenige Lesbenbars. Mit der Installation der Dyke Bar "Spirits" schaut das Schwule Museum Berlin auf den Mythos - und in die Zukunft.

Die Dyke Bar "Spirits" des Schwulen Museums.
Die Dyke Bar "Spirits" des Schwulen Museums.Foto: Caio Soares

In seinem schönen Song „I Was Dancing in The Lesbian Bar“ aus dem Jahr 1992 beschreibt Jonathan Richman eine Nacht, in der er zufällig in einer Lesbenbar landet. Dort geht es gerade richtig ab. Die Leute schwingen die Hüften, haben Spaß am Rock’n’Roll. Natürlich fragt man sich, was das denn für eine Lesbenbar gewesen sein mag, in der auch ein Mann mittanzen durfte. Oder hat sich der Musiker das vielleicht alles nur ausgedacht? Eine Art Wunschfantasie zur zackig geschlagenen E-Gitarre…

Heute wirkt der Song aus der Zeit gefallen, fast schon historisch. Denn Lesbenbars, die lange wichtige Community-Treffpunkte waren, sind weltweit vom Aussterben bedroht. In Deutschland gibt es laut einer aktuellen Recherche des "L.mag – Magazin für Lesben" noch eine einzige: das La Gata in Frankfurt am Main, seit 1971 geführt von Erika Ricky Wild.

Gentrifizierung und Dating Apps machen den Bars zu schaffen

In Berlin hat Ende 2015 mit der Serene Bar die letzte Kneipe für Lesben geschlossen. Lange zuvor waren bereits Institutionen wie das Pour Elle in Schöneberg oder Die Zwei am Wasserturm in Spandau verschwunden. Ein ähnliches Bild zeigt sich in den USA, wo selbst in queeren Hochburgen wie New York und San Francisco die Lesbenbars nach und nach dicht machen.

Bei der Recherchereise für ihre sehenswerte Dokumentation „Searching for the Last Lesbian Bars in America“ fand DJ und Musikerin JD Samson 2015 einige naheliegende Gründe für diese Entwicklung: die Gentrifizierung der Innenstädte und die vergleichsweise geringen finanziellen Möglichkeiten von Lesben. Außerdem bietet Dating Apps und soziale Netzwerke günstige Alternativen, Frauen kennen zu lernen.

In Berlin gibt es immerhin eine Reihe von Clubs und Kneipen, in denen regelmäßig Abende für queere, bi- und homosexuelle Frauen stattfinden. Dennoch verspüren viele noch immer eine latente Sehnsucht nach einer richtigen Lesbenbar –  vielleicht auch mit einem neidischen Seitenblick auf die schwule Kneipen-Vielfalt.

"Spirits" ist für alle Geschlechter geöffnet

An den Mythos Frauenbar erinnert nun das Schwule Museum, das im Rahmen seines „Jahres der Frau_en“ sein Café in eine Dyke Bar verwandelt. Die Installation des interdisziplinären Künstler_innenkollektivs um Ernest Ah, T Blank und C Detrow trägt den Titel „Spirits“ und wird am Freitag eröffnet. Dabei gehe es nicht allein darum, das Verschwinden der Lesbenbars zu beklagen, so die Macher_innen. „Stattdessen stellt sich das Projekt die schwierige Frage, wie sie wiederbelebt werden könnten und zwar ohne die alten Ladies Only-Ausschlusspolitiken fortzusetzen und trotzdem die Arbeit der vorhergehenden Generationen lesbischer Aktivist_innen zu feiern.“ Die Bar wird bis zum Ende des Jahres zu den Öffnungszeiten des Museums zugänglich sein – für Menschen aller Geschlechter.

„Spirits“ ist dabei ausdrücklich keine Lesbenbar sondern eine Dyke Bar. Das Künstler_innenkollektiv sieht den einst abwertend gemeinten und inzwischen mit Stolz verwendeten Begriff „dyke“ als weiter gefasst als den der „Lesbe“. Er könne „auch Personen beinhalten, die sich nicht als Frauen oder dem binären Geschlechterspektrum zugehörig fühlen oder anderweitig aus der lesbischen Gemeinschaft und Geschichte ausgeschlossen werden“, heißt es im Konzept der Gruppe.

So scheint „Spirit“ neben den gloriosen Bar-Geistern der Vergangenheit auch eine neue Diskussion über Begriffe heraufzubeschwören. Und vielleicht inspiriert die Installation ja sogar eine mutige Person, die sich an die Gründung einer neuen  Lesben,- Frauen,- oder Dykebar in Berlin wagt. Denn wie singt Christiane Rösinger zu Beginn jedes „Flittchenbar“-Abends im Südblock so schön: „Eine neue Bar, ist wie ein neues Leben.“

Schwules Museum Berlin, Lützowstr. 73. Vernissage: 20. April, 19 Uhr. Performance "The Living and Our Ghosts" von Adrian Blount. DJ-Set von Nai.

Bis Januar 2019, geöffnet: So, Mo, Mi, Fr 14-18 Uhr, Do 14-20 Uhr, Sa 14-19 Uhr, Eintritt frei.

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Queerspiegel - Der Tagesspiegel-Blog für Lesben, Schwule, Bisexuelle, trans- und intergeschlechtliche Menschen und für alle, für die die Welt bunt wie ein Regenbogen ist.

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