• Schließungen nach Fehlverhalten: Friedhöfe als Spielplätze und Treffpunkte missbraucht

Schließungen nach Fehlverhalten : Friedhöfe als Spielplätze und Treffpunkte missbraucht

Seit Montag sind 46 Berliner Friedhöfe gesperrt. Die evangelische Kirche will die strikte Regelung aber wieder lockern, nicht zuletzt für Hinterbliebene.

Auch der St. Elisabeth-Friedhof in der Ackerstraße in Mitte ist von der Schließung betroffen.
Auch der St. Elisabeth-Friedhof in der Ackerstraße in Mitte ist von der Schließung betroffen.Foto: Doris Spiekermann-Klaas TSP

Christoph Strack, Journalist bei der Deutschen Welle, twitterte ein Foto. Und schrieb dazu verzweifelt: „Das ist das Grab unseres Sohnes. Er gehört zum Leben dazu. Wenn ich in Berlin bin, schaue ich im Grunde täglich vorbei. Es zerreißt mich, nun unbegrenzt von diesem Ort ausgesperrt zu sein.“ Er fragte die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz: „Muss das wirklich sein?“

Musste es - so zumindest die Einschätzung des Evangelischen Friedhofsverbandes Berlin-Stadtmitte, zu dem 46 Friedhöfe in den Stadtteilen Pankow, Mitte, Kreuzberg, Neukölln, Mariendorf, Reinickendorf, Tiergarten, Friedrichshain, Wedding, Hohenschönhausen, Prenzlauer Berg und Weißensee gehören. Auch der Dorotheenstädtische Friedhof an der Chausseestraße zählt dazu, hier haben zahlreiche Prominente ihre letzte Ruhestätte.

Der Superintendent des zuständigen Evangelischen Kirchenkreises, Bertold Höcker, sagte am Montag dem Tagesspiegel, es habe in den vergangenen Tagen auf einer ganzen Reihe von Friedhöfen „unzulässige Zusammenkünfte“ gegeben, Menschen hätten sich zuweilen „in sehr sehr großen Gruppen“ versammelt, die Friedhöfe umfunktioniert zum Bolzplatz, „dafür ist ein Friedhof nicht da“.

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Immer wieder sei es auch vorgekommen, dass Leute ihre Notdurft auf Friedhöfen verrichtet hätten. Friedhöfe seien Orte der Totenruhe und der Besinnung, „einfach mehr als ein Park“, betont Höcker.

Die Coronakrise, die Sperrungen von Spielplätzen und zunehmende Ausgangsbeschränkungen führten zu allerlei anderen pietätlosen Verhaltensweisen. Teilweise seien auch Eltern mit ihren Kindern zum Spielen auf Friedhöfe gekommen, einige legten sich demnach sogar eine Art Buddelkasten an. Andere führten ihre Hunde zwischen den Gräbern aus. Zum Teil sollen sogar „Corona-Partys“ gefeiert worden sein.

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Am Wochenende verfügte der Friedhofsverband: Die Friedhöfe werden für zunächst 14 Tage gesperrt - eine in dieser Form in Deutschland einmalige Regelung.

Der Beisetzungsbetrieb soll den neuen Regeln nach weiterhin stattfinden, allerdings in eingeschränkter Form - mit bis zu zehn Trauergästen. Urnenbestattungen werden, soweit möglich, zeitlich nach hinten verschoben.

Von Donnerstag an soll es eine Lockerung geben

Voraussichtlich wird die strikte Sperrung der Friedhöfe aber noch diese Woche teilweise wieder aufgehoben. Wie Superintendent Höcker sagte, ist geplant, von Donnerstag an zunächst probeweise die Friedhöfe wieder für Besucher zu öffnen. Der genaue Zeitraum wird noch bekannt gegeben, in der Diskussion sind mehrere Stunden am Nachmittag.

„Es wird wesentlich vom Verhalten der Bevölkerung abhängen, ob die Besuchszeiten danach weiter ausgeweitet werden oder die Friedhöfe wieder ganz geschlossen werden müssen“, sagt Höcker. In begründeten Einzelfällen soll für Angehörige schon zuvor der Besuch eines Grabes möglich gemacht werden.

Auch der Berliner Senat schaltete sich ein

Am Montag hatte sich auch der Senat in die Diskussion über die Sperrung der Friedhöfe eingeschaltet. Kultursenator Klaus Lederer (Linke) sagte dem Tagesspiegel: „Im Augenblick sind viele Menschen verunsichert, was noch sein soll und darf – und was eben nicht.“

Die Landesregierung stehe im permanenten Austausch und im engen Kontakt mit den Kirchen, Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften. „Und natürlich ermöglicht die Kontaktbeschränkungsverordnung des Senats unter Sicherung gesundheitlicher Vorkehrungen Abschiednehmen, Trauer, Seelsorge, innere Einkehr und auch den Besuch auf einem Friedhof.“

Notwendig geworden war die Sperrung der Friedhöfe aus Sicht der Evangelischen Kirche auch deshalb, weil sich die Kirche bei der Einhaltung der Regeln von den Ordnungsämtern alleingelassen fühlt. Der Superintendent des Evangelischen Kirchenkreises Berlin-Stadtmitte sagte, dass die Behörden Friedhöfe als Privatgelände und nicht als öffentlichen Raum ansehen - und deshalb die Friedhofsverwaltung bei der Einhaltung der Vorschriften nicht unterstützen. In der aktuellen Corona-Krise würden es die Friedhofsmitarbeiter nicht schaffen, allein auf die Einhaltung der Regeln zu achten.

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